Javier Marías: "Geschriebenes Leben" Marias

Große Köpfe und ihre menschliche Seite


In "Geschriebenes Leben" erzählt Javier Marías unterhaltsame Anekdoten aus dem Leben verschiedener weltberühmter Schriftsteller. Das Buch gewährt dem Leser einen kleinen Einblick in das Leben von Arthur Conan Doyle, James Joyce, William Faulkner und Anderen; gleichzeitig erfährt man aber auch mehr über die Zeit, in der diese großen Persönlichkeiten lebten und schrieben, und durch die sie geprägt wurden.
Trotzdem kann "Geschriebenes Leben" nicht als Lexikon oder Autorennachschlagewerk bezeichnet werden. Der Autor schreibt nicht wertungsfrei, sondern lässt durch liebvolle oder auch spitze Bemerkungen die Charaktere der einzelnen Berühmtheiten wiederauferstehen. Er erweckt sie durch seine besondere Art und Weise zu berichten wieder zum Leben.

So berichtet er uns, warum William Faulkner seine im Alter von fünf Tagen verstorbene Tochter nicht beerdigen ließ, sondern sie selbst, ohne jemanden zu benachrichtigen, begrub.

Die Anekdoten über James Joyce können beim besten Willen nur als abwertend beschrieben werden. Marías macht sich über das Aussehen von Joyce genauso lustig wie über dessen sexuelle Vorlieben und seine sehr eigenwillige Beziehung zu seiner Familie. Trotzdem ist der Text über Joyce einer der unterhaltsamsten und informativsten, weil der Leser immer den Eindruck gewinnt, der Autor hätte besonders gut recherchiert um all die Dinge, über die er sich lustig macht, ans Tageslicht zu bringen.
Robert Louis Stevenson kommt nicht viel besser weg, wenngleich Marías ihm zumindest eine gewisse Ehrenhaftigkeit zugesteht. Über ihn schreibt er: "Es steht fest, dass die Gestalt Robert Louis Stevensons fast immer von einem Nimbus der Ehrenhaftigkeit und engelsgleichen Reinheit umgeben ist, der durchaus auch Widerwillen hervorrufen kann, nämlich dann, wenn allzu dick aufgetragen wird."
Im Abschnitt "Vollendete Künstler" erzählt der Autor in einem Aufsatz sehr kurze und auch sehr kurzweilige Anekdoten aus dem Leben der verschiedensten Autoren. Zuvor kann man Fotografien einiger dieser Schriftsteller betrachten. Unter ihnen Charles Dickens, Baudelaire, Joseph Conrad oder Thomas Bernhard.

Wer schon immer wissen wollte, wieso Mark Twain, der Vater von Tom Sawyer und Huck Finn, auf den meisten Fotos im Bett liegt, oder warum William Blake vier Jahre vor seinem Tod eine Maske von sich anfertigen ließ, wird an diesem Buch seine Freude haben.

Javier Marías macht dem Leser Lust auf das Lesen. Wer seine Anekdoten gelesen hat, wird Lust bekommen, zumindest einige der Werke der porträtierten Autoren zu lesen. Und sei es nur um zu erfahren, wie ein Mann schreibt, dessen Mutter unschuldige Babys in einem Teich ertränken ließ (Iwan Turgenjew), oder um zu überprüfen, wie ähnlich Conan Doyle seinem Sherlock Holmes wirklich ist. Auch wenn oder gerade weil Marías nur nebenbei auf das literarische Werk der von ihm beschriebenen Figuren eingeht, ermöglicht er dem Leser, diese besser zu verstehen. Wenngleich wir uns auch bewusst sein müssen, dass es sich um Geschichten handelt und nicht immer um hundertprozentig belegbare Tatsachen. Doch ich glaube, gerade das macht "Geschriebenes Leben" so lesenswert. Oftmals fühlt man sich beim Lesen wie ein Kind, dem der Großvater eine Geschichte erzählt. Man kommt den beschriebenen Figuren näher, lernt sie kennen und will mehr von ihnen erfahren.

Man lacht über die Geschichte, in der Conan Doyle seinen schon lange erwachsenen Sohn ohrfeigt, weil dieser eine Frau als hässlich bezeichnet. Man bewundert Adah Isaacs Menken wegen ihres aufregenden Lebens und bemitleidet Julie de Lespinasse, so wie man einen Verwandten bemitleidet, den man nie kennen gelernt hat, von dem einem aber immer wieder erzählt wird. Mit der Zeit wir dem Leser klar, wie wichtig solche Geschichten sind. Dadurch, dass einem die Figuren näher kommen und man Nobelpreisträger als Menschen kennen lernt, bleiben sie im Gedächtnis haften. Sie erwachen zum Leben, wodurch wir mehr über sie lernen als in einer Vorlesung oder im Literaturkundeunterricht.

"Geschriebenes Leben" ist ein äußert treffender Titel für Marías' Buch, denn die Geschichten, die er erzählt, sind die Geschichten, die das Leben schreibt. Und vor allem sind es die vielen kleinen Tatsachen, Spleens und Eigenheiten, die das Leben ausmachen. Sei es nun unser eigenes Leben, das von James Joyce oder Rudyard Kipling. Dadurch, dass wir einige der großen Köpfe der Weltliteratur als Menschen kennen lernen und ihre Schwächen und Stärken aus der Nähe betrachten dürfen, können wir erkennen, dass es eigentlich nicht das Leben ist, das die Geschichten schreibt, es ist auch kein Autor, sondern wir alle sind es. Weil wir alle kleine oder größere Spleens haben, wie Oscar Wilde, Mark Twain oder Rainer Maria Rilke. Und diese Spleens sind es, die uns ausmachen und zu dem machen, was wir sind: zu Menschen. Menschen, die gerne Geschichten hören und über die Geschichten erzählt werden.

Ich kann "Geschriebenes Leben" jedem, der sich für Literatur interessiert, nur wärmstens empfehlen. Aber auch für all jene, die sich mit Literatur beschäftigen müssen, sei es für ein Referat, einen Aufsatz oder eine Prüfung, ist das Buch eine wahre Fundgrube, denn es zeigt uns die andere menschliche Seite der Weltliteratur.

(Anna Mehlmann; 12/2003)


Javier Marías: "Geschriebenes Leben" Marias
Übersetzt von Carina von Enzenberg.
dtv, 2003. 304 Seiten.
ISBN 3-423-13123-3.
ca. EUR 10,-. Buch bestellen

Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, gilt als einer der interessantesten Schriftsteller des heutigen Spanien. Seit seinem Welterfolg "Mein Herz so weiß" (1992, dt. 1996) ist er mit zahlreichen international wichtigen Preisen geehrt worden, u. a.: 1995 Premio Rómulo Gallegos, 1996 Prix Femina Étranger, 1997 International IMPAC Dublin Literary Award, Nelly-Sachs-Preis, 1998 Premio Letterario Internazionale Mondello der Stadt Palermo, 2000 Premio Internazionale Ennio Flaiano, Premio Grinzane Cavour sowie Premio Internazionale Alberto Moravia. Sein umfangreiches Werk wurde inzwischen in 32 Sprachen übersetzt.

Ergänzende Buchtipps: 

"Mein Herz so weiß"
Eine junge Frau erhebt sich vom Tisch, geht ins Bad, knöpft ihre Bluse auf und erschießt sich. Diese dunkle Szene, von der der Ich-Erzähler nur gehört hat, lässt ihm keine Ruhe mehr. Die junge Frau war seine Tante, die Schwester seiner Mutter, die Frau, die sein Vater vor seiner Mutter geheiratet hatte. Vierzig Jahre später ist der Erzähler selbst verheiratet. Dunkle Vorahnungen und nebensächliche Ereignisse beunruhigen ihn. Der Ich-Erzähler ist Dolmetscher und leidet an einer "déformation professionelle", die ihn dazu zwingt, jedes Detail zu registrieren und zu interpretieren: die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge im Leben zu zweit und auch jene Details, die ihm nach und nach mehr über die Ereignisse vor seiner Geburt verraten, als ihm lieb ist.
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"Schwarzer Rücken der Zeit"
Verfasser und Erzähler einer Geschichte werden nicht selten verwechselt, vor allem, wenn eine Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird und Erzähltes sich scheinbar mit den Lebensspuren des Autors deckt. Dies geschah Javier Marías mit seiner Oxford-Satire "Alle Seelen". Doch in Wahrheit waren bis auf einen wenig bekannten Dichter alle Figuren frei erfunden. Ein Beweis für die Macht der Fiktion, ohne ein reales Vorbild Wirklichkeit zu schaffen.
Um diesen Gedanken kreist dieses Werk des berühmten spanischen Romanciers, der darin mit viel Ironie und Witz die Puzzlesteine der realen Vorbilder seiner Romangestalten zusammensucht und wie ein Detektiv ihre abenteuerlichen Lebensläufe weiterverfolgt. Doch Marías täuscht dem Leser nur vor, erzählerisch die Grenzen zwischen Realität und Fiktion erklären zu wollen. Schließlich hat bei Marías Literatur, das Jonglieren mit Fakten, Erinnerungen und Imaginationen, vor allem spielerischen Charakter. Und so weiß man als Leser am Schluss denn auch nicht, ob "Schwarzer Rücken der Zeit" nicht selbst möglicherweise eine subtile Fälschung darstellt und man wieder einmal Marías' großer Kunst der Verstellung aufgesessen ist.
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"Morgen in der Schlacht denk an mich"
Sie ist noch nicht 33, hat sowohl Mann als auch einen zweijährigen Sohn sowie ein paar außereheliche Verhältnisse. Als Martas Mann für ein paar Tage in London ist, lädt sie Víctor in ihre Wohnung ein. Noch bevor sie beide vollständig entkleidet sind, stirbt Marta unvermittelt in Víctors Armen. Das Zögern, den Ehemann zu benachrichtigen, die Furcht, die Tote und den kleinen Jungen einfach so in der Wohnung zu lassen, die Scham, Martas Ruf durch seine Existenz zu beschädigen - all das überfordert Víctor. Er flüchtet.
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"Als ich sterblich war"
Ein Pornodarsteller erzählt von seinem letzten Job als Leibwächter einer suizidgefährdeten Milliardärstochter; der Besucher eines Pferderennens wird im beiläufigen Gespräch mit einem Nebenstehenden Zeuge des Augenblicks, in dem ein Mord geplant wird; ein an Depressionen leidender Schriftsteller setzt seine Medikamente ab, um seine Forschungsarbeit über den Schmerz zu vervollkommnen; ein Geist schildert minutiös die Umstände seines Todes und erinnert sich in allen quälenden Einzelheiten an die Zeit "als ich sterblich war" ... Mord, Verführung, ungewollter Sex, Geistererscheinungen, Lüge und Betrug - in zwölf dichten Geschichten hat der Autor diese dem begeisterten Marías-Leser wohlvertrauten Themen meisterhaft verwoben.
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"Alle Seelen"
Bevor er fuhr, hatte man ihn gewarnt, dass in Oxford das einzig Wichtige die erotischen Fantasien seien. Da kommt also ein junger Spanier als Gastdozent nach Oxford, ins Paradies der Solisten, und macht die Erfahrung, wie einsam man sich in einer geschlossenen Gesellschaft fühlen kann. Um emotional nicht zu verhungern, beginnt er eine Affäre mit der verheirateten Dozentin Clare, in deren Blicken er bei einem grotesken Dinner seine eigene Kindheit wiederfindet. Doch erst in ihrer letzten gemeinsamen Nacht enthüllt sie ihr Geheimnis Javier Marías' Campus-Roman ist eine absurde Komödie; der Protagonist: Oxford selbst.
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"Alle unsere frühen Schlachten"
Faszinosum Fußball: Vieles, so Marías, wechselt man heutzutage, den Beruf, die Frau oder den Mann, die Automarke - aber nicht den Fußballverein. Javier Marías begeistert sich für Fußball, und Real Madrid ist sein Verein. Seit vielen Jahren schreibt der renommierte Schriftsteller für verschiedene Zeitungen Glossen und Essays zum Geschehen rund um den Ball. Nicht nur über die kickende Gesellschaft lässt er sich darin aus, vielmehr handeln sie von allem, was die menschliche Seele berührt: von Liebe und Leidenschaft, von Edelmut und Gerechtigkeit, von Neid, Missgunst und euphorischer Siegeslaune.
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"Das Leben der Gespenster"
Javier Marías-Freunde wissen, dass der spanische Autor von Gespenstern fasziniert ist. Aber nicht nur über diese literarische Lieblingsfigur lässt der berühmte Autor sich in den vorliegenden Essays aus, sondern er gibt ebenso den Blick frei auf andere Vorlieben und Leidenschaften: So berichtet er über seine Erfahrungen als Leser, sinkt vor seinem Lieblingsfilm in die Knie, wartet mit skurrilen Anekdoten aus Antiquariaten auf, schreibt über berühmte Kollegen oder gewährt Einblick in die hohe Kunst der Verstellung und Täuschung, die seiner Auffassung von Literatur zugrunde liegt. Nicht zuletzt blickt der Autor spöttisch auf die Eitelkeiten seiner Zunft und benennt sieben Gründe, die gegen das Schreiben von Romanen sprechen. Und einen einzigen, es doch zu tun. Welchem wir u. a. "Mein Herz so weiß" verdanken? Lesen Sie selbst ...
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"Während die Frauen schlafen"
Eine Urlaubsbekanntschaft auf Mallorca. Ein Pärchen am Strand weckt die Neugierde des Ich-Erzählers: Der Mann hält tagtäglich jede Bewegung der jungen Frau mit einer Videokamera fest. Sie ist von makelloser, sahniger Schönheit, er ist erheblich älter als sie, nicht schön, nicht hässlich, nur dick. In einem nächtlichen Gespräch unter vier Augen offenbart er dem voyeuristischen Ich-Erzähler, was es mit der ständigen Filmerei auf sich hat. Und das zunächst völlig unschuldig scheinende Urlaubsvergnügen wird zunehmend bedrohlicher ...
Ob die Frauen schlafen, während am nächtlichen Swimmingpool über ihr Leben und ihren Tod verhandelt wird, ob es sich um ein echtes Gespenst aus dem Spanischen Bürgerkrieg handelt, dem ein umtriebiger Engländer auf die Spur zu kommen sucht; ob ein Doppelgänger in Barcelona einen Geschäftsmann in den Ruin treibt oder ob ein junger Mann von der Geliebten seines verstorbenen Vaters Briefe aus dem Jenseits erhält: Der Zwang, sich auf wenige Seiten konzentrieren zu müssen, hat Marías‘ großartiger Erzählkunst keinen Abbruch getan, ganz im Gegenteil.
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