Nicole Jamet, Marie-Anne Le Pezennec: "Dolmen ... vergessen sollst du nie"
Die
Polizistin Marie Kermeur begibt sich auf ihre Heimatinsel in der
Bretagne, um dort, auf Lands’en, zusammen mit ihrem Verlobten
Christian die Hochzeitsfeierlichkeiten vorzubereiten. Christian ist
passionierter Sportsegler, und Marie hat ihm versprochen, im ersten
Jahr ihrer Ehe ein Sabbatjahr einzulegen, um nicht ständig im
Dienst zu sein, wenn er gerade an Land weilt. So sind sie beide in
Finisterre, um im Kreis ihrer Verwandten jenes wichtige Ereignis
vorzubereiten, das sie ziemlich nervös macht. Doch am Vorabend
der Hochzeit landet eine schwerverletzte Möwe in dem auf dem
Bett ausgelegten Brautschleier Maries und verendet darin, was wie ein
böses Omen erscheinen muss.
Als Marie am Hochzeitsmorgen am Strand spazieren geht,
stößt sie auf die Leiche ihres Bruders Gildas, deren
Gesicht bereits von den Möwen übel zugerichtet wurde.
Und aus einem Menhir in einer nahegelegenen
Begräbnisstätte der Druiden fließt Blut,
das sich später als Gildas' herausstellen soll. So beginnen
Maries Polizistinneninstinkte zu erwachen, was Christian nicht
sonderlich erfreut. Doch das kann sie nicht aufhalten, und bald
ermittelt sie - mit Hilfe eines Brester Kollegen und gegen den Willen
der Einheimischen - auf der Insel, wobei sie nicht einmal auf die Hilfe
ihrer Eltern zählen kann. Zunächst ist auch nicht
klar, was genau vorgefallen ist. Geht es um Geister der ferneren
Vergangenheit, die über die Menhire einen Druidenfluch in die
Gegenwart senden, oder um die Rache ruchlos getöteter Seeleute
an den Nachfahren allzu erfolgreicher Strandpiraten vor wenigen
Generationen? Nicht einmal Maries Eltern wollen sie
unterstützen und raten ihr nur ständig, die Insel so
schnell wie möglich zu verlassen. Allen
Angriffen zum Trotz - von gesichtslosen Mönchen und
bösen Vorahnungen
und Träumen - verbeißt sich Marie zusehends in den
Fall, auch weil bei den weiteren auftauchenden Leichen immer wieder
Zettel mit Botschaften auf ihren Namen gefunden werden. In einer
Bibliothek sieht sie sogar eine leuchtende Schrift an der Wand mit
einer solchen Botschaft.
Während Marie Kermeur immer mehr über die Menschen
und die Insel ihrer Kindheit erfährt, fühlt sie sich
zwischen Christian, ihrem Brester Kollegen Lucas und dem Schriftsteller
Patrick Ryan hin und her gerissen - und damit auch mit der Frage
konfrontiert, wie sie ihr weiteres Leben zu gestalten gedenkt. Immer
mehr Morde geschehen, und oft fließt aus den Menhiren Blut,
ohne dass sich jemand erklären kann, wie das vonstatten
gegangen sein soll.
Die Geschichte ist unglaublich kompliziert konstruiert, und als
Erstlingsroman zweier Autorinnen zeigt "Dolmen ... vergessen sollst du
nie" einige Schwächen, was Handlungslogik und
Nachvollziehbarkeit angeht. Keltenfans, die sich von Titel und
Titelbild etwas versprechen, werden am Ende eher ein wenig
enttäuscht sein. Die Liebesproblematik ist extrem
klischeebeladen, und der eigentliche Kriminalfall weist es eine ganze
Reihe von wissenschaftlich nicht ganz Haltbarem auf, beispielweise, was
den Umgang mit Blutergebnissen in Polizeilaboratorien oder die
Anwendung von Hypnose betrifft. Hier bewegen sich Autorinnen teils auf
dem Stand von
Agatha Christie, und die Atmosphäre auf der Insel
passt ebenfalls in jene Stilepoche der Kriminalliteratur. Eine
gefällige Geschichte, die sich gelegentlich etwas dehnt, wenn
man sie nicht zu ernsthaft hinterfragt. Aber auch kein echter Renner.
Es lohnt sich, auf die Taschenbuchausgabe zu warten.
(K.-G. Beck-Ewerhardy; 01/2007)
Nicole
Jamet, Marie-Anne Le Pezennec: "Dolmen ... vergessen sollst du nie"
Knaur, 2006. 509 Seiten.
Übersetzerin: Susanne Schmitz.
Buch
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Hörbuch:
Lübbe, 2006. Sprecherin: Dana Geissler.
Hörbuch-CDs
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Leseprobe:
Mit leisem Lächeln beobachtete ich, wie die Menschen, die mir
eigentlich nahe standen, fröhlich den Junggesellenabschied
vorbereiteten. Sie wussten alle nicht, dass am nächsten Tag
niemandem mehr nach Lachen zumute sein würde.
Oder nach Heiraten.
Ich leerte mein Glas in einem Zug und bahnte mir mit den Ellbogen einen
Weg zum Ausgang. Mein Abschiedsgruß ging in dem munteren
Treiben unter.
Ich lief über die Pier und vorbei am Rathaus, das am
äußersten Ende des Hafens lag. Dort schlug mir der
raue Wind vom Meer entgegen. Keine drei Wochen mehr bis zum Sommer, und
doch war es trotz des strahlenden Sonnenscheins empfindlich
kühl und der Nordwestwind fegte in Böen über
die Insel.
Die Touristen hatten dieses von Riffen und gefährlichen
Strömungen umgebene Stück Fels und Heide, das
regelmäßig im Nebel
verschwand und bei schwerer See
völlig vom Festland abgeschnitten war, lange Zeit gemieden.
Sie verbrachten ihre Ferien lieber auf den Inseln des Morbihan. Die
lagen nördlicher. Und verkehrsgünstiger.
"Lands'en" bedeutete nicht zufällig
Ende der Welt.
Inzwischen gab es eine regelmäßige Schiffsverbindung
nach Brest, die Überfahrt dauerte knapp eine Stunde. Es war
davon die Rede, im kommenden Jahr einen Flugplatz zu bauen. Und ein
weiteres Hotel sowie ein Zentrum für Thalasso-Therapie ...
Die älteren Inselbewohner behaupteten, Lands’en sei
dabei, seine Seele an den Teufel zu verkaufen.
Ich, der ich besser informiert war, und noch einige andere, deren
Geheimnis ich kannte, wussten, dass die Insel ihre Seele
längst verkauft hatte.
Gegen Blut.
Der Ort lag bereits weit hinter mir und ich kam schließlich
dort an, wo alles begonnen hatte. An der nördlichsten Spitze
der Insel. Der wildesten. Ty Kern.
Der Zöllnerpfad führte an der oberen Kante einer
Felswand entlang, die steil zum Meer abfiel und in einer kleinen Bucht
endete, voller Klippen, scharf wie Entermesser.
Von diesem Pfad ging auch die kleine Steinbrücke zum alten
Leuchtturm ab, der
schon seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr in
Betrieb war.
Nach Ansicht der alten Inselbewohner hätte man es niemals
zulassen dürfen, dass ein Schriftsteller in die winzige
Wohnung einzog, die einst den Leuchtturmwärter beherbergt
hatte. Dass der Schriftsteller Ire war, machte die Sache nicht besser.
Die alten Leute hier misstrauten allen Ausländern, woher sie
auch kamen. Wer von den Inselbewohnern akzeptiert werden wollte, musste
mindestens Bretone sein, möglichst seit mehreren Generationen,
und möglichst ein Kind dieser Insel. Wie ich.
Obwohl ich diese Gegend, in der ich in meiner Kindheit gespielt hatte,
in- und auswendig kannte, hielt ich unwillkürlich den Atem an,
als ich die Menhire von Ty Kern vor mir aufragen sah. Sechs
Granitriesen umstanden, dem offenen Meer zugewandt, einen Dolmen, und
der Sage nach röteten sie sich bei steigendem Mond noch immer
vom Blut der Strandräuber.
Ich betrachtete die Monolithen, die in der Junisonne täuschend
harmlos aussahen, einen nach dem anderen. Bei meinem Lieblingsstein,
dem mit dem Profil eines alten Elefanten, verharrte ich ein wenig
länger. Dann legte ich meine Hand auf den warmen Stein des
Dolmen.
Bei der Berührung wurde mir eiskalt.
In der nächsten Nacht war aufsteigender Mond. Es
würde Blut
fließen. Es würde nicht ratsam
sein, hier herumzulungern ...