Nabu-Kin
Salmanassar der Zweite hatte sich in
Kalach am Tigris, nicht weit ab von Ninive, einen riesigen Palast erbaut, dicht
neben dem großen Palast seines verstorbenen Vaters, des Königs Assurnasirabal,
den alle Götter sehr liebten und sehr verehrten. Aber Salmanassars Palast war
doch noch größer als der Palast seines Herrn Vaters.
In diesem großen Palast, der eigentlich aus sehr vielen Palästen bestand, lebte
auch ein kleiner Zwerg, der Nabu-Kin hieß und die Laute schlug und Witze riß
tagaus und tagein. Der kleine Zwerg hatte einen sauber gekräuselten schwarzen
Vollbart und gekräuseltes, sehr umfangreiches Haupthaar, unter dem das Zwergengesicht
noch kleiner aussah.
Und dazu hatte Nabu-Kin eine Sklavin, die sich als Riesendame
sehen lassen konnte. Und sie war viel stärker als die kräftigsten Krieger von
des Königs Leibgarde. Nana-Bel-Usur hieß die Sklavin; der König hatte sie dem
Zwerg in lustiger Laune geschenkt. Nana wurde sie kurzweg genannt und sie trug
noch immer das Lammfleisch und die Datteln in den kleinen Pförtnerpalast, allwo
immer viele Offiziere, Bogenschützen und Speersoldaten aus- und eingingen und
ein sehr lautes Leben in die Bude brachten. Hier verkehrte auch sehr oft der
kleine Nabu-Kin; und Nana schützte ihn und nahm immer seine Partei.
Hatte
da doch neulich der Wagenlenker Samas dem kleinen Nabu-Kin zugerufen:
"Du
Knirps, du kannst in die Löwenhöhle springen; die Löwen tun dir nichts; sie
bemerken dich gar nicht; so kleine Knirpse lassen sie leben. Die Löwen sind viel zu
faul, um eines so kleinen Happens wegen das große Maul aufzutun."
Das
hatte Nana gehört, die gerade mit gekochtem Lammfleisch hereinkam; sie stellte
die Schüssel hin und gab dem Wagenlenker Samas eine Maulschelle, daß ihm das
Blut aus der Nase spritzte.
Alles lachte.
Nabu-Kin aber
sagte:
"Jedenfalls brauche ich nicht so viel
Lammfleisch
zu essen wie die großen Leute. Eine schwere Arbeit ist das Essen. Das Trinken
ist leichter."
Das Trinken besorgte nun der Kleine in sehr ausgiebigem Maße.
Und er schlug dabei die Laute und riß Witze, gute und schlechte. Alles lachte
immer und achtete nicht viel darauf, wie der Witz aussah.
Einmal aber -
vergriff sich der Kleine. Das kam so.
Die Krieger des Königs hatten
wieder am Westmeer bei Tyrus und Sidon eine gute Portion Schlachten geschlagen
und beide Städte gezwungen, Tribut zu zahlen. Das machte dem König großes
Vergnügen; denn Tyrus und Sidon waren damals sehr reiche phönizische
Handelsstädte.
Die Sieger kamen im Triumphzug nach Kalach
zurück.
Und die Leibschwadronen des Königs, lauter wilde berittene
Bogenschützen, beschlossen, dem König eine kriegerische Ovation zu bringen.
Hundert Offiziere der Leibschwadronen hieben kurz vor den Toren von Kalach
hundert Gefangenen aus Sidon und Tyrus mit gewandtem Säbelschnitt die Köpfe ab
und hingen sie an der Brust ihrer
Pferde an den Haaren auf.
Und so ritten
sie in den großen Palasthof, in dessen Mitte der König auf hohem Thron saß und
die Ankömmlinge mit gnädigem Kopfnicken begrüßte.
Da ritten denn die
hundert Offiziere im gestreckten Galopp siebenmal um den Thron. Und dann blieb
alles regungslos stehen und alles brüllte
siebenzigmal:
"Salmanassar!"
Immer nur den großen Namen des von
allen Göttern auch sehr geliebten und sehr verehrten Königs von Assyrien und
Umgegend.
Nach diesem fürchterlichen Gebrülle löste der eine Offizier
seinen abgeschnittenen Feindeskopf von der Pferdebrust ab, schleuderte ihn
mehrmals an den Haaren herum und warf ihn dann in hohem Bogen über das Haupt des
Königs hinweg.
Der König blickte lächelnd empor und sah, wie der
abgeschnittene Kopf sich oben in der Luft drehte und in der Sonne glänzte. Ein
paar Blutstropfen fielen dem König auf die Nase; darüber jedoch ward er
keineswegs unwillig.
Die neunundneunzig anderen Feindesköpfe flogen auch
so im großen Parabelbogen hoch über den Kopf des Königs hinweg; aber einzeln.
Diese Schmeißprozedur dauert drei volle Stunden. Dann schrien die Herren
Offiziere wieder siebenzigmal:
"Salmanassar!"
Und dann gings noch
siebenmal im gestreckten Galopp im Kreis um den Thron Salmanassars des Zweiten,
wobei die Pferde getrieben wurden, recht oft auf die abgeschlagenen Feindesköpfe
mit den Hufen zu trampeln.
Diesem Schauspiel wohnte auch Nabu-Kin
bei.
Der König war ganz entzückt von dem echt kriegerischen Arrangement;
nicht so der kleine Zwerg und Lautenschläger. Der sagte im Palast des Pförtners,
allwo es nachher sehr hoch herging und viel Wein getrunken wurde, mit hämischem
Gelächter:
"Die Herren Offiziere haben ein sehr unvollkommenes Schauspiel
zum Besten gegeben. Der Mensch besteht doch nicht bloß aus dem Kopf. Wo blieben
denn die modernden Gliedmaßen der Feinde? Wo sind sie geblieben? Das frage ich.
Warum wurden nicht die Bäuche der Feinde über das Haupt des allmächtigen Königs
hinübergeschleudert? Warum wurden nicht die anderen Rumpfteile der Feinde so
geschleudert wie die Köpfe? Fehlten den anderen Rumpfteilen die Haare? Das
schadete doch nicht; die Rumpfteile ließen sich doch an Lederriemen binden.
Nicht drei Stunden: drei Tage hätte dieser kriegerische Festzauber währen
müssen. Welch ein unvollkommenes Fest! Kriegerisch war's ja. Das ist nicht zu
leugnen. Eine Heldentat! Schon das viele Blut, das dabei herumspritzte, stempelt
das Schauspiel zu einem wahrhaft kriegerischen Ereignis. Ich aber frage: Wo
blieb der übrige Feind? Wo blieben Rumpf und Extremitäten? Können wir die nicht
noch auftreiben und nachträglich dem König über das Haupt werfen? Der König wird
sich mächtig dabei amüsieren und neun Zehntel des phönizischen Tributes an seine
große kriegerische Palastgarde verteilen."
Jeder Satz dieser Rede löste
ein ungeheures Gelächter aus. Nabu-Kin wurde gefeiert wie ein Sieger und mußte
Kriegsweisen zur Laute singen; komische Kriegsweisen. Und die sang er mit seiner
krächzenden Stimme, daß der Palast des Pförtners unter dem unaufhörlichen
Gelächter der Krieger zitterte und bebte.
Nur einer hatte mit
verschmitztem Gesicht in der Ecke gesessen und nicht gelacht. Das war der Eunuch
Miskun. Der ging nachher zum König und berichtete ihm den ganzen Spaß haarklein
und wortgetreu; Miskun hatte ein gutes Gedächtnis; er hatte in der
Priesterschule fast alle sumerischen Hymnen auswendig gelernt und war überhaupt
im Auswendiglernen ein Meister.
Was aber tat der König?
Ei, der
König wurde fuchswild. Mit seinem königlichen Scharfsinn merkte er ja gleich den
Hohn in der langen Rede des kleinen Nabu-Kin. Ei! Der König sprang wie ein
Besessener umher und zerschlug fünfzig alte Töpfe und viele Schalen aus
gebranntem Ton; sein Zimmer ward zur Scherbenkammer.
Und dann sann
Salmanassar auf einer stillen Gartenbank am Gestade des großen Tigris auf Rache;
er wollte sich in sehr kriegerischer Form rächen. Dem Kleinen einfach den Kopf
abschlagen lassen? Nein: Das war keine
Rache.
Nach langem Nachdenken ließ
er die Sklavin Nana-Bel-Usur rufen und ihr sagen, sie möge den Nabu-Kin wie eine
Amme auf den Arm nehmen und so zu ihm bringen.
Der Ammenspaß wurde
ausgeführt, obwohl Nabu-Kin sich zuerst sträubte.
"Nimm", sagte der Zwerg
schließlich, "nassen Ton mit, damit der König uns was Schriftliches geben kann.
Es könnte vielleicht doch nötig sein."
Nana tat, wie der Kleine wollte.
Und dann gingen sie zum König, der in einem kleinen Landhaus am Tigris wartete,
und zwar ganz allein, was selten geschah.
Der König sagte zu
Nana:
"Halte den Kleinen an den Füßen!"
Sie tats, der Zwerg schrie
und sagte:
"Dabei muß ich sterben. Laß los!"
Da ließ die Sklavin
los und der Zwerg berührte mit den Händen den Erdboden. Aber Nana berührte
zugleich mit der Faust des Königs linke Backe, daß ihm das Blut aus Mund, Nase
und Augen quoll und er der Länge nach hinstürzte.
Da sagte zu ihm der
witzige Zwerg:
"Halt, mein lieber König! Du willst dich rächen. Der
Eunuch Miskun hat gepetzt. Er soll's büßen. Wir aber sagen nichts von diesem
Backenstreich, wenn du uns gleich schriftlich gibst, was ich dir diktieren
werde. Schreibe! Wir sind augenblicklich zu Zweien stärker als du."
Der
Kleine zog seinen Dolch, der einen feinen Handgriff aus geschnitztem
Affenknochen hatte, und der König stand langsam auf.
Nana reichte ihm
breit grinsend die nasse Tontafel.
Der König sah, daß er unvorsichtig
gehandelt hatte; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, denn er war ganz
allein.
Und der Zwerg und Lautenschläger Nabu-Kin diktierte mit seiner
krächzenden Stimme:
"Ich, der König Salmanassar, der die Götter liebt und
verehrt und auch von ihnen geliebt und verehrt wird, bekenne hiermit bei Assur,
Bel und Marduk, daß ich soeben eine fürchterliche Ohrfeige von Nana-Bel-Usur,
die schon viele Ohrfeigen verteilt hat, bekommen habe, weil ich mich erfrechte,
mich an Nabu-Kin wegen einer höhnischen Rede zu rächen. Ich weiß jetzt, daß der
Witz eine größere Macht ist als das blanke Schwert. Lächerlich gemacht zu
werden, ist sehr peinlich. Dieses alles darf nur dann veröffentlicht werden,
wenn ich nochmals wagen sollte, mich an meinem geliebten und verehrten Zwerg
Nabu-Kin zu vergreifen."
Unterzeichnet ward dieses Schriftstück mit dem
königlichen Siegelzylinder aus Lapislazuli, der über den feuchten Ton gerollt
wurde.
Dann verabschiedeten sich die beiden, überließen den Eunuchen
Miskun ruhig dem rachsüchtigen Salmanassar und flohen auf raschen Rossen
schnurstracks durch die syrische Wüste
ins ferne Ägypten, allwo die Tontafel des
Nabu-Kin bei einer großen
Mumie
neulich von Engländern gefunden wurde. Sie wird im Londoner Kensington-Museum
aufbewahrt.
(von Paul Scheerbart; 1863-1915.)