(...)
Meine Mutter hatte mir erzählt, dass ihre Mutter am Vorabend ihrer Hochzeit unter das Betttuch eine Unterlage geschoben und dabei gesagt habe: "Das ist für das Blut, Mädchen." Weitere Erklärungen gab sie nicht. Der Gedanke, auf dem Altar der Ehe geopfert zu werden, hatte Mademoiselle Marie Poiret mit tiefem Grauen erfüllt. Und mehr noch das Sichtbarwerden bedrohlicher und bis dahin vollkommen unbekannter Sexualorgane. Sie wollte um keinen Preis bluten, also hatte sie sich geweigert, der ehelichen Pflicht nachzukommen. Mein armer Vater, der gewiss kein Vergewaltiger war, hatte wohl ungeschickt auf seinen Wünschen beharrt, hatte sie angefleht, aber auch er wusste nicht genau, wie eine Frau gebaut ist, und das, obwohl er ein abgeschlossenes Studium der Naturwissenschaften hinter sich hatte. Damals, vor dem großen Krieg, heirateten sie doch sehr oft im Zustand der Jungfräulichkeit, die jungen Leute. Kurz und gut, er richtete nichts aus und ging dann freiwillig 1914 in den Krieg, wobei er, soweit ich es richtig verstanden habe, eine unberührte junge Frau zurückließ. Meine Mutter hatte versprochen, sich von einem Gynäkologen untersuchen zu lassen, da sie selbst überzeugt war, irgend etwas sei nicht in Ordnung mit ihr. Sie ist in Begleitung von Marie Laurencin in die Sprechstunde gegangen, und der Arzt hat gesagt: "Madame, Sie sind körperlich vollkommen normal, und es muss da rein, wo ich es Ihnen jetzt zeige." Ich kenne sie und kann nicht glauben, dass sie nicht ein paar praktische Übungen vorgeschaltet hat, um bei der Rückkehr ihres Mannes vorbereitet zu sein. Sie hatte ja viel zu jung geheiratet, ist aber während des Krieges viel ausgegangen und hat viele Freunde kennengelernt.
(...)


(Aus "Leben heißt frei sein" von Benoîte Groult. Droemer. 1998. ISBN 3-426-19446-5. Die Leseprobe wurde freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt) Buch bestellen