Walter Muschg: "Die Zerstörung der deutschen Literatur"
Und andere Essays
Brillante Studien zur deutschen Literatur
Als Walter Muschg (1898-1965) seinen Aufsatz über die Zerstörung der deutschen Literatur veröffentlichte, da glich diese Literatur einer ähnlichen Trümmerlandschaft wie die zerbombten deutschen Städte. Die heranwachsende Generation fand sich verlassen in einem literarischen Brachland vor, und unter den Trümmern einer zerstörten Kulturlandschaft lagen die Dichter einer ganzen Generation als Opfer begraben. Die literarische Gegenwart war nicht existent, der Blick zurück richtete sich auf die Klassiker der deutschen Literatur, der Blick nach vorn ging in eine ungewisse Zukunft. Walter Muschg: "Die deutsche Literatur liegt so tief darnieder, dass sie ihre Verstümmelung nicht einmal zu erkennen vermag und die Mehrzahl ihrer heutigen Wortführer gar nicht begreift, wovon die Rede ist, wenn man von ihrer Zerstörung spricht." Und im Literaturbetrieb der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte sieht der Autor "nur das Abbild einer unerhörten geistigen Verarmung." Ein hartes, ein vernichtendes Urteil.
Es sind zuvörderst die literarischen Vertreter des Expressionismus, die Walter Muschg seinen Lesern nahe bringen möchte, Autoren wie
Franz Kafka, Alfred
Döblin, Oskar Loerke, Karl
Kraus, Else Lasker-Schüler und andere, die den Nationalsozialisten
immerhin so wichtig schienen, dass sie sie umbrachten oder in die Verbannung trieben. Das Vermächtnis dieser bis heute zum Teil vergessenen Autoren, das möchte Walter Muschg durch seine Essays bewahren helfen, und er wünschte sich damals vor allem die Jugend als Leser, wie er es in seinem Vorwort schreibt. Aber auch andere Seiten - neben denen der Expressionisten - werden von Walter Muschg aufgeschlagen. Und die Positionen, die er hier vertritt, erscheinen oft ein wenig radikal, polemisch. Walter Muschg teilt kräftig aus, kritisiert alles und jedes, den Staat, Kollegen, Kritiker, Autoren ... Niemals investiere ein Staat in die Kunst oder in die Literatur um ihrer selbst willen, behauptet er, die Repräsentanten des Staates investierten ausschließlich in das politische Kapital, das sie aus der Kunst zu schlagen hofften. Walter Muschg beklagt sodann den Leerlauf der Banalität, glaubt, unter dem "Terror der Minderwertigen" leben zu müssen. Man beachte: er redet nicht von der Mediokrität, von den "nur" Mittelmäßigen, er betont es ausdrücklich: die Minderwertigen. Das Fernsehen ist ihm "Massenbeeinflussung und Verpöbelung zugleich", was würde er wohl zur Sintflut des Schwachsinns sagen, die sich heutzutage (nicht nur) aus den Kanälen des Privatfernsehens in unsere Wohnstuben ergießt? Auch vor großen Namen kennt Muschg keinen Respekt. Gerhard Hauptmann beispielsweise bezeichnet er als " arm an Geist, ja eigentlich geistlos", Wackenroder und Tiecks "Herzergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders", quasi eine Art Bibel für viele frühe Romantiker, nennt er ein Stümperwerk, und den Stil
Thomas Manns empfindet er als "überzüchtet". Und Kollegenschelte fehlt auch nicht bei Walter Muschg. Muschg, selbst Verfasser einer Literaturgeschichte über Josef Nadler bzw. über "Josef Nadlers Literaturgeschichte": "In zwei Jahrtausenden deutscher Literatur hat er nicht anderes gefunden als seinen eigenen fanatischen Gedanken, mit dem er die Überlieferung stimmungsvoll verfälscht und das Bild der Gegenwart verwüstet". Und die Exegeten und Deuter, die Interpretierenden literarischer Werke, die ganze Sekundärliteratur scheint ihm in großen Teilen ein absoluter Graus zu sein. Martin Heideggers "Abrakadabra", das samt und sonders Unsinn sei, bezeichnet Muschg gar als "ein Attentat auf die deutsche Sprache." Heideggers hochgestochenes, kryptisches Geschwafel wird hier aber wohl nicht ganz zu Unrecht als "zerschwatzte Dichtung" angeprangert. Was soll man auch davon halten, wenn Heidegger in einem mündlichen Vortrag (!) Sätze wie die folgenden zum Besten gibt: "Das Wesende der Sprache ist die Sage als Zeige ... Das Regende im Zeigen ist das Eignen ... Als die Sage ist das Sprachwesen das ereignende Zeigen, das gerade von sich absieht, um so das Gezeigte in das Eigene seines Erscheinens zu befreien." Da erübrigt sich jeder Kommentar.
Kommen wir zurück zu den Verfemten, zu den Expressionisten wie Hans Barlach, Franz Kafka, Hans Henny Jahn oder Oskar Loerke, denen die meisten der in diesem Band gesammelten Texte gewidmet sind. Die Verfemung war übrigens mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches noch lange nicht zu Ende, wenn man beispielsweise bedenkt, dass Alfred Döblin sich zehn Jahre lang vergeblich bemüht hat, für seinen letzten Roman "Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende" in Westdeutschland nach dem Krieg einen Verleger zu finden. Und wer kennt heute noch den Dichter Oskar Loerke? Walter Muschg über Loerke: "Es könnte sein, dass dieser Glücklose alle Berühmtheiten überdauert, die ihn zu Lebzeiten verdunkelten." Dies scheint aber wohl nicht einzutreffen, zumindest ist eine derartige Entwicklung im Moment noch nicht abzusehen. Zu Franz Kafka zitiert der Autor Klaus Mann, der 1953 schrieb, dass "man sich beinahe schämen muss, einen Dichter zu lieben, der von so vielen Snobs und Schmöcken gepriesen wird." Ja, auch den Lesern wird in diesem Buch die Kompetenz abgesprochen. Immer wieder attestiert Muschg den Rezipienten von Literatur, die für ihn meistens doch nur Konsumenten sind, Verständnislosigkeit und Ignoranz. Am Beispiel
Schiller fragt sich der Autor, "ob sich seine wahre geistige Gestalt überhaupt noch einmal aus dem Grab ihrer Verfälschung erheben kann."
Starken Raum bei Muschgs Betrachtungen über die deutsche Literatur nehmen naturgemäß auch einige seiner dichtenden Landsleute (Walter Muschg war Schweizer) ein, wie Jeremias Gotthelf, Johann Jakob Bachofen und vor allem Gottfried Keller, dem 77 Seiten in diesem Buch gewidmet sind. In einem ebenfalls ziemlich umfangreichen Essay wird
Sigmund Freud in seiner Rolle als Schriftsteller gewürdigt. Und auch hier gibt es wieder polemische Seitenhiebe, wenn Muschg die medizinische Fachliteratur aburteilt als "Fachpublikationen, in denen sich die Rekorde der Sprachliederlichkeit überbieten." Nicht so bei Freud, dem der gestrenge Walter Muschg Folgendes attestiert: "Ein spontaner Trieb zum Erzählen, angeborene sinnliche Liebe zum Wort, Bildhaftigkeit, klangliche und rhythmische Sensibilität, Verbundenheit mit der Dichtung und mit dem alltäglichen Leben der Sprache." Er führt dann Beispiele aus Freuds Werken an, die tatsächlich sehr überzeugend wirken und Muschgs Worten Nachdruck verleihen. Der Aufsatz über Freud ist sicher einer der interessantesten Essays des vorliegenden Bandes, an den sich ein themenverwandter Text anschließt: "Psychoanalyse und Literaturwissenschaft". In diesem Zusammenhang kommt Muschg dann auf die beiden Autoren zu sprechen, die im deutschsprachigen Raum am bedeutendsten aus dem Einfluss der Psychoanalyse hervorgewachsen sind: Franz Kafka und Alfred Döblin.
Damit sind wir wieder bei den Expressionisten, den Repräsentanten einer zerstörten deutschen Literatur, um die es ja in diesem Buch in erster Linie geht. Muschg gibt zunächst einmal einen allgemeinen Einblick in das Wesen expressionistischer Kunst, mit dem Schwerpunkt auf der Literatur. "Expressionismus heißt Überschwang, Rausch, Pathos, Ideologie, naiver Glaube an eine Mission der Kunst und eine weltverändernde Macht der Phantasie - emphatische Extreme, die auf dem Kehrichthaufen der Geschichte vermodern." Es geht ihm auch darum, die Missverständnisse, denen die Expressionisten von jeher ausgesetzt waren, auszuräumen. Als erstes größeres Werk des Expressionismus sieht Walter Muschg Alfred Döblins Roman "Die drei Sprünge des Wang-lun" an. Bei Kafka sieht er die überzeugendsten Leistungen in den kleinen Formen, nicht in den Romanen, die Kafka wohl auch selber als misslungen betrachtete. Walter Muschg urteilt über Franz Kafkas Kunst: "Man kann sie nicht genießerisch lesen, sondern wird durch sie aus den Angeln gehoben wie die Figuren seiner Geschichten. Seine Kunst hat etwas Verwunschenes, sie ist gleichzeitig schön und schrecklich, weil sie so unwiderstehlich in die Seele greift."
Zu Bertolt
Brecht: "Im Marxisten Brecht fand der soziale und politische Gedanke des Expressionismus seinen bedeutendsten dichterischen Ausdruck ... er tat den Sprung in einen militanten Glauben, der damals noch ein guter Glaube war." Ernst Barlach wird vielen nur als Bildhauer und Zeichner ein Begriff sein, Walter Muschg stellt ihn uns in einem Essay als Dichter vor. Und er bescheinigt ihm in seinem dichterischen Schaffen eine Originalität, die nur ganz wenige Autoren aufzuweisen haben. Die angeführten Textbeispiele aus Barlachs Werken, die überraschen und beeindrucken denn auch den Leser und lassen in Barlach einen Großmeister des grotesken Humors erkennen. Hans Henny
Jahnn, als Orgelbauer bekannter denn als Dichter, ist ebenfalls sehr viel an Text gewidmet worden. Er hat es verdient, da auch er zu den heute zu Unrecht Vergessenen gehört. Parallelen zu Ernst Barlach tun sich auf.
Als Fazit bleibt festzuhalten: Dieses Buch ist mehr als nur eine Ausgrabung aus der Literaturgeschichte. Walter Muschg verschafft uns einen wunderbaren Einblick in die literarische Produktion des Expressionismus. Er spinnt den Leser ein in die Magie einer virtuos gemeisterten Sprache, leicht und elegant der Stil, schwerkalibrig der Inhalt. Ob er nun über die
Hamlet-Rezeption in Deutschland schreibt, ob über
Goethes Glaube an das Dämonische oder über das Spökenkiekertum der
Annette von
Droste-Hülshoff, mit beeindruckender Wortgewalt vermag Muschg seine Leser in den Bann zu schlagen, überzeugend wirft er seine ganze Autorität in die Waagschale. Nur gelegentlich, da übertreibt er seine Rolle als Beckmesser ein wenig. Muschgs Werkbetrachtungen sind jedoch brillant herausgearbeitet, seine Analysen sind beides, sowohl einfühlsam als auch von der Schärfe eines Seziermessers. Sicher eines der interessantesten Bücher über Literatur, die ich jemals gelesen habe.
(Werner Fletcher; 06/2009)
Walter Muschg: "Die Zerstörung der
deutschen Literatur und andere Essays"
Herausgegeben von Julian Schütt und Winfried Stephan.
Diogenes, 2009. 960 Seiten.
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Walter Muschg, am 21. Mai 1898 in
Zürich-Witikon geboren, studierte in Zürich und Berlin Germanistik und war ab
1936 Professor für Deutsche Literaturgeschichte in Basel. Seine Studenten,
darunter Max
Frisch und Urs
Widmer, verehrten ihn als einen begeisterten und begeisternden Lehrer, als
Literaturwissenschaftler stach er durch seine unkonventionellen Perspektiven und
seine provokativen, oft auch polemischen Stellungnahmen hervor. So war er einer
der ersten, die die damals noch anrüchige Lehre Freuds für die
Literaturwissenschaft entdeckten, er verhalf Jeremias Gotthelf und seinem Werk
zu neuer Anerkennung und machte sich nach 1945 für damals vergessene Autoren
wie Alfred
Döblin oder Hans Henny Jahnn stark. Walter Muschg war auch ein engagierter
Zeitgenosse: Als Mitglied des schweizerischen Nationalrats setzte er sich unter
anderem während des Zweiten Weltkriegs immer wieder gegen die restriktive
Schweizer Asylpolitik ein. Daneben verfasste er auch einige literarische Werke.
Walter Muschg starb am 6. Dezember 1965 in Basel.
Weitere Lektüreempfehlungen:
Walter Muschg: "Tragische Literaturgeschichte"
Eine Literaturgeschichte, die einzigartig ist, weil sie dem tragischen Urgrund
aller Dichtung nachspürt und die Frage beantwortet: Was macht einen Menschen
zum Künstler? Anhand von Beispielen aus der gesamten Weltliteratur entsteht
eine Galerie großer Geister und ihrer Werke auf dem Hintergrund ihrer persönlichen
Tragödien. (Diogenes)
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Hans Henny Jahnn:
"Dreizehn nicht geheure Geschichten"
Die vielfältigen Ereignisse zur Feier des hundertsten Geburtstages von Hans
Henny Jahnn (1894-1959) haben die Bedeutung des Autors als einen der wichtigsten
Vertreter der literarischen Moderne hervorgehoben. In den "Dreizehn nicht
geheuren Geschichten" zeigt Jahnn alle Aspekte seiner Kunst und
gestalterischen Qualität. Die Episoden nehmen die Grundmotive der großen
Romane, die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit dieses Jahrhunderts in
exemplarischer Form auf und erzählen von den Dämonen, denen der Mensch
unterworfen ist, von Verstrickung und Untergang, aber auch von Erlösung.
(Hoffmann und Campe)
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Hans Henny Jahnn: "Die
Nacht aus Blei"
Der junge Matthieu ist unterwegs durch eine unwirtliche nächtliche Stadt. Seine
traumgleiche Wanderung wird für ihn zur psychologischen Selbsterfahrung. Hans
Henny Jahnns knapper und andeutungsreicher Stil ist so modern wie eh und je, die
Zerrissenheit seiner Figuren unverändert aktuell. Jahnns letzter und kürzester
Prosatext, ursprünglich als Fragment einer größeren Erzählung geplant,
vereint alle großen Themen seiner Dichtung: Dämonen,
Jugend, Schicksal,
Liebe
und Tod.
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Hans Henny Jahnn: "Die Liebe ist ein
grausamer Mann"
Ein großer Einzelgänger der Literatur im Spiegel der Liebe. Das ewige
Menschheitsthema der Liebe: Wie nur wenigen Sprachschöpfern des 20.
Jahrhunderts gelingt es Hans Henny Jahnn, urtragische Konflikte der menschlichen
Existenz jenseits der "Grenzen und Moralzäune" literarischer Moden zu
formulieren. Das akustische Porträt verbindet Auszüge aus Jahnns Romanen,
Theaterstücken und dem essayistischen Werk. Ein vielstimmiges Porträt, das die
Musikalität und Bildkraft der Jahnn'schen Sprachwelten zum Ausdruck bringt.
(Hoffmann und Campe)
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Uwe Schweikert (Hrsg.):
"Hans Henny Jahnn. Werke, Band 2. Späte Prosa"
Mit dem Erscheinen des Bandes "Späte Prosa" liegt das gesamte erzählerische
Werk Hans Henny Jahnns wieder vor. Jahnn hat sich 1950 mit einem Filmentwurf
beschäftigt, der den Titel "Die Schuldigen" tragen sollte. Aus diesem
Film, dessen Exposé im Nachlass überliefert ist, hat sich jedoch bald das
Romanprojekt "Jeden ereilt es" entwickelt, an dem Jahnn noch bis 1958
mit Unterbrechungen arbeitete und in dem "Die Nacht aus Blei", ursprünglich
als Traumszene konzipiert, später jedoch ausgegliedert und 1956 als selbstständiges
kleines Buch veröffentlicht wurde.
Während Jahnn also diese visionäre Traumnovelle, die zum Vollkommensten gehört,
was wir von seiner Hand besitzen, abschließen konnte, blieb "Jeden ereilt
es" unvollendet. In beiden Texten geht es nochmals um die existenziellen
Grunderfahrungen des Menschen, um die Unbedingtheit der Freundschaft, um die
Befallenheit durch Liebe und Tod. "Ich habe mir vorgenommen, weder den
Leser noch mich selbst hinters Licht zu führen", heißt es in den
Notizen zu "Jeden ereilt es".
"Jeden ereilt es" wurde für diese Ausgabe als Lesetext nach der
Fassung der Handschriften erarbeitet. "Die Nacht aus Blei" folgt dem
Text der Erstausgabe von 1956. Darüber hinaus enthält dieser Band verstreute
autobiografische Texte aus den 1950er-Jahren, darunter als Erstdrucke aus dem
Nachlass Jahnns Notizen von seiner "Frankreichreise 1951" und von
seiner "Reise nach Moskau 1956". Der Anhang informiert über die Überlieferungs-
und Entstehungsgeschichte aller Texte sowie über das gesamte Projekt des
Fragment gebliebenen Liebesromans. Sacherläuterungen erschließen die Texte,
geben Hinweise auf Jahnns Quellen oder Anregungen und verfolgen die Querverweise
und Zusammenhänge mit anderen poetischen Texten Jahnns. Das Nachwort des
Herausgebers gilt der Stellung und Bedeutung der späten Prosa im Rahmen von
Jahnns Gesamtwerk und versucht die Frage zu klären, warum der Autor "Jeden
ereilt es" nicht abgeschlossen hat. (Hoffmann und Campe)
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Elsbeth Wolffheim: "Hans Henny Jahnn"
Hans Henny Jahnn kommt am 17. Dezember 1894 in Stellingen zur Welt, einem Vorort
Hamburgs, der damals noch nicht zum Gebiet der Hansestadt gehörte. Er ist der jüngste
von vier Söhnen des Schiffszimmermanns Gustav Wilhelm Jahn. Die Schreibung
seines Namens weicht in den Dokumenten aus den verschiedensten Lebensphasen
voneinander ab, so wird der Familienname einmal mit einem, einmal mit zwei
"n" geschrieben. Unstimmigkeiten bestehen auch bei der Schreibung des
zweiten Vornamens, der bald mit Henny, bald mit Henry angegeben wird. Jahnn
selber bestand auf der ersten, der weiblichen Version seines Vornamens, die er
im Kontakt mit seinen engsten Freunden als einzigen Rufnamen gelten ließ; diese
Regelung behielt er auch in späteren Jahren bei. (Rowohlt)
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Michèle Godau:
"Wirkliche Wirklichkeit - Mythos und Ritual bei Adalbert Stifter und Hans
Henny Jahnn"
Das Buch widmet sich dem Vergleich zweier äußerst unterschiedlicher Autoren: Adalbert
Stifter und Hans Henny Jahnn. Verbunden sind sie in aller
Unterschiedlichkeit durch die Krisenerfahrung der Moderne und vergleichbar sind
die Mittel, mit denen sie dagegen anschreiben. Die Untersuchung zeigt, wie in
den Romanen beider Autoren Strukturen des Mythos und Elemente des Rituals als
erzählerische Verfahren genutzt werden und geht weiterhin der Frage nach,
inwieweit Mythisierung und Ritualisierung zur Überhöhung der dargestellten
Wirklichkeit dienen. Deutlich wird hier vor allem die Gebrochenheit dieser überhöhten
Darstellungen, denn sowohl bei Stifter als auch bei Jahnn sind die Grenzen
zwischen mythischer Bedeutung und profaner Erkenntnis, zwischen Ritual und
Experiment fließend. Die Entfremdungserfahrung der Moderne stellt sich als prägnante
Gemeinsamkeit heraus, und der Spiegel des jeweils anderen eröffnet eine neue
Sicht auf jeden einzelnen der beiden Autoren. (Königshausen & Neumann)
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Heinz Ludwig Arnold: "Die
Unvollendeten. Literarische Porträts"
Von Jünger
bis Schädlich - Literaturgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in zwölf sehr
persönlichen Autorenporträts.
"So wenig wie Geburt und Tod und alles, was dazwischen liegt, Routine
werden können, so wenig kann es die Kunst. Freilich gibt es Menschen, die ihr
Leben routiniert leben; nur: sie leben nicht mehr. Es gibt Künstler, Meister,
die zu bloßen Routiniers geworden sind, aber sie haben - ohne es sich und den
anderen einzugestehen - aufgehört, Künstler zu sein", heißt es bei
Heinrich Böll. Und diesem Credo ist auch Heinz Ludwig Arnold verpflichtet, wenn
er von Unvollendeten erzählt, von Schriftstellern, die in ihren Werken über
das unmittelbar Menschliche sprechen, vom Lebendigen, Unvollkommenen, eben von
dem, das jenseits der Statistik unseren Zustand ausmacht und über ihn hinausführt.
"Mich interessierte ja schon immer die Figur des Autors hinter seiner
Literatur", schreibt Heinz Ludwig Arnold, der bereits als Oberschüler
anfing, sich an Autoren zu wenden - respektvoll, aber nicht ehrfürchtig -,
deren Bücher ihn neugierig gemacht hatten. Zunächst kamen Briefe zurück, etwa
mit der Bitte um Beiträge für die "Karlsruher Schülerzeitung", und
im Laufe der Jahre, in denen sich Arnold als Literaturkritiker, Autor und
Herausgeber selbst einen geachteten Namen erwarb, entwickelten sich mit vielen
der Autoren Arbeitsbeziehungen, enge Freundschaften, mitunter auch Zerwürfnisse.
Heinz Ludwig Arnold stellt in literarischen Portraits zwölf Autoren vor, in
genauer Kenntnis ihrer Werke, vor allem aber nie abstrakt, sondern mit der
Leidenschaft des Beteiligten.
Inhalt:
Krieger, Waldgänger, Anarch. Über Ernst Jünger
Zerstört oder gestählt. Über die Differenz zwischen Erich
Maria Remarque und Ernst Jünger
Der Fremde. Über Hans Henny Jahnn
Die Entdeckung des Erzählens. Über die zweite Karriere des Friedrich
Dürrenmatt
Die anarchische Vernunft der Poesie. Über Heinrich Böll
Auf der Suche nach dem revolutionären Ich. Über Peter
Weiss
Einzelkämpfer für Heldenfiguren. Über Rolf Hochhuth
Katz und Krebs. Über Günter
Grass
Umkreisung eines Dividualisten. Über Martin
Walser
Beschreibung eines Beschreibers. Über Uwe Johnson
Poet auf dem Hochseil. Über Peter
Rühmkorf
Der subversive Chronist. Über Hans Joachim Schädlich (Wallstein Verlag)
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