Der Tod in der Literatur

Vielleicht nur noch von dem Thema Liebe übertroffen, das an erster Stelle steht, hat der Tod über die Jahrhunderte hinweg Autoren fasziniert. In einigen der größten Werke der Literaturgeschichte haben Dichter und Schriftsteller sich mit dem Sinn, der Gestalt, dem nachhaltigen Einfluss und den Auswirkungen des Todes auseinandergesetzt. Als Beispiele seien nur einige Glanzlichter aus dem Reigen dieser Werke genannt:
    Eine der dramatischsten Todesszenen in der klassischen Literatur ist die von Dido in Vergils Aeneas. Nachdem Aeneas sie verlässt, befiehlt die untröstlich trauernde phönizische Königin ihrer ahnungslosen Schwester, einen Opferscheiterhaufen mit einigen persönlichen Dingen von ihm darauf zu errichten. Am nächsten Tag klettert Dido auf den Scheiterhaufen und ersticht sich vor ihrem ganzen Hof, wobei sie Aeneas leidenschaftlich anprangert und die Götter anfleht, sie in die Unterwelt mitzunehmen.
    Dante Alighieris Göttliche Komödie, Anfang des vierzehnten Jahrhunderts geschrieben, ist nach wie vor der kühnste literarische Versuch, sich das Leben nach dem Tod in allen Einzelheiten vorzustellen. Sie ist nach dem biblischen Buch der Offenbarung im Zweifel auch der vollendetste Ausdruck der christlichen Furcht vor dem Jüngsten Gericht.
    Shakespeares Romeo und Julia versteht den Tod als einen entsetzlichen Verlust. Wie in seinen anderen Tragödien entwickelt er hier eine Vorstellung, die in seiner Zeit relativ neu war. Das Stück untersucht den eigentlich vermeidbaren Tod, der durch menschliche Missverständnisse und Kleinkariertheit verursacht wird. Es veranschaulicht das klassische Thema von Liebe und Tod.
    Einige der berühmtesten Todesszenen aus dem neunzehnten Jahrhundert sind ausgesprochen emotional, manchmal sogar höchst sentimental; die sterbende - oft weibliche - Person ist von einem unwahrscheinlichen Heiligenschein umgeben wie Elisa in Harriet Beecher-Stoves Onkel Toms Hütte, wie Beth in Louisa May Alcotts Vier Schwestern und wie Nell in Charles Dickens´ Der Tod des kleinen Nell.
    Leo Tolstojs Roman Der Tod des Iwan Iljitsch enthält, obwohl er im neunzehnten Jahrhundert geschrieben wurde, eine frühe Beschreibung der heutigen Einstellung zum Tod - der geleugnet werden muss. Iljitsch wird über die Schwere seiner Krankheit und seinen bevorstehenden Tod im dunkeln gelassen. Jeder in seiner Umgebung tut so, als ob nichts wäre, was ihn zornig macht, und er möchte ausrufen: " 'Hört doch auf zu lügen! Ihr wisst und ich weiß, dass ich sterbe.' ... Aber er hatte niemals den Mut, das zu sagen."
    Das Geheimnis um Marie Rogêt von Edgar Allen Poe beruht auf der authentischen Vorlage des berühmten und ungelösten Mordes an Mary Cecilia Rogers, die 1841 in New York stranguliert und meuchelmörderisch umgebracht wurde. Die Geschichte war Poes erster kommerzieller Erfolg. Der Autor stellte die Theorie auf, dass Rogers "von einem Liebhaber oder zumindest einem intimen und heimlichen Freunde" umgebracht wurde. Manche glauben, dass Poe, der das Opfer kannte, den Mord selbst begangen hatte.
    Joseph Conrads Herz der Finsternis aus dem Jahr 1910 fängt grausam die "durchdringende und hoffnungslose Verzweiflung" angesichts des Todes ein. Die letzten Worte, die der Sterbende schrie, waren: "Das Grauen! Das Grauen!"
    Um Eine amerikanische Tragödie zu schreiben, war Theodore Dreiser bei der ganzen zweiundzwanzigtägigen Gerichtsverhandlung von Chester Gillette dabei und machte sich Notizen. Chester Gillette wurde für schuldig befunden 1906 seine schwangere Freundin, Grace Brown, im Norden des Bundesstaats New York ertränkt zu haben. Gillette änderte seine Geschichte mehrmals; als er dann Berufung gegen sein Urteil einlegte, wurde er 1908 hingerichtet. Dreiser veröffentlichte seinen brillanten Roman von dieser traurigen Geschichte 1925.
    Der Fremde, 1958 von dem existenzialistischen Schriftsteller Albert Camus geschrieben, beginnt mit den Worten: "Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern ..." Der Erzähler zeigt absolute Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod seiner Mutter und auch gegenüber seinem eigenen Leben. Am Ende begeht er einen Mord und frohlockt am Vorabend seiner Hinrichtung über sein Leben, wohl wissend, dass er es bald verliert. Dies ist, genau wie James Agees Roman Ein Todesfall in der Familie, eine höchst moderne Sicht des Todes: Er wird allein, jenseits von Ritualen, sozialen Einheiten und philosophischen Strukturen erfahren, die den Menschen vormals halfen, ihm einen Sinn zu geben. Jetzt muss der einzelne selbst einen Sinn für den Tod - wie auch für das Leben - finden.
    Bei James Agees Werk Ein Todesfall in der Familie, das 1957 geschrieben wurde, handelt es sich um eine fiktionalisierte Reflexion über den Tod seines eigenen Vaters. Das Werk beschreibt mit einer herzzerreißenden Genauigkeit die Unfähigkeit der Familienmitglieder, die Reaktionen der jeweils anderen auf den Tod zu verstehen.
    In dem 1959 veröffentlichten Roman des nigerianischen Autors Chinua Achebe, Okonkwo oder das Alte stürzt, kommen weiße Missionare in ein afrikanisches Dorf. Es entsteht ein nicht wiedergutzumachender Konflikt, bei dem es um das Thema des Todes geht. Die Weißen und die Dorfbewohner geraten über die Geister der Toten und den angemessenen Umgang mit Leichnamen aneinander. Die Dorfbewohner streiten sich untereinander darüber, ob die weißen Männer getötet werden sollen, ob ihr traditionelles Leben es wert ist, aus Rache zu sterben. In der letzten Szene bringt sich der Protagonist um, nachdem er einen der weißen Männer getötet hat. Die Leiche des Selbstmörders umgeben die Dorfbewohner mit allerlei abergläubischen Praktiken, die den weißen Kommissar völlig verwirren.
    In Toni Morrisons Buch Menschenkind bringt eine Sklavin ihre drei Kinder um, um zu verhindern, dass sie ihr weggenommen werden. Das Werk untersucht die Frage der mütterlichen Liebe, des Tötens und der Beziehung der Lebenden zu Geistern.


(aus "Die letzte Reise - Eine Kulturgeschichte des Todes" von Constance Jones.
Piper Verlag 1999. ISBN 3-492-0431-0)