(...) Aber eine elegische Empfindung kann ich nicht bewältigen, wenn ich an Sie denke. Sie stehen gefeiert, würdig, nachwirkend da, das ist wahr. Um eine Entfaltung jedoch hat das Mißgeschick der Umstände Sie und uns gebracht. Sie hätten der Vater des deutschen Lustspiels werden können, wenn die Bühne Ihrer frischesten Zeit entgegengekommen wäre, und dieses Lustspiel würde das größte der modernen Zeiten geworden sein. Denn nicht auf das Einzelgeschick eines Liebespaares, oder auf die Schilderung einer närrischen Sitte, oder eines in der Verborgenheit sein Wesen treibenden Toren kam es Ihnen an, sondern Ihre komische Muse lächelte über die ganze Breite der Welt und der Zeit, sie schmückte mit bunten Blumen, die sich dann wieder zauberisch in Schellen verwandelten, die öffentlichen Charaktere, sie führte mit reizender Schalkheit, die wie Ehrfurcht aussah, komische Könige und Helden im Triumphe auf. Wenn ich an die Kraft und Gewalt Ihrer Figuren mich erinnere, an den tiefsinnigen, freien, großen, unerschrockenen Humor in "Oktavian", "Zerbino", "Kater", "Däumchen", "Blaubart", "Fortunat" und in der verkehrten Welt, so weiß ich nur ein Gegenbild der Poesie zu finden; es ist das des Aristophanes. - Ich habe oft Ihre Gedichte vorgetragen, und wenn es mir gelang, dem Dichter nachzukommen, so kann ich wohl sagen, daß empfängliche Zuhörer in einen bacchischen Taumel der Lust gerieten. Aber keine attische Bühne empfing Sie und brachte auf den Brettern Ihre Produktion zu der Fülle und Vollreife, die nun einmal der Dramatiker nur gewinnen kann, wenn er seine Geschöpfe da droben auf dem Gerüste in Fleisch und Blut umherwandeln sieht. Man sagte, diese Sachen seien sehr schön, sehr witzig und ließen sich überaus wohl anhören, aber aufzuführen seien sie nicht. Das war aber eine Unwahrheit. Denn ich habe hier den "Blaubart" zweimal darstellen lassen. Ich hatte weniger Mühe von ihm, als zum Beispiel vom "Glöckner von Notre Dame", die Schauspieler fanden sich bald hinein und spielten mit Lust und Liebe darin, was aber den Erfolg betrifft, so war dieser bei der ersten Darstellung ein entschiedener und bei der zweiten der allerglänzendste. Wenig hatte das Stück gekostet und viel brachte es ein. - Ich wollte nicht dabei stehenbleiben, sondern ich dachte schon an "Fortunat", selbst an "Däumchen" und an das schnurrende Tier in Stiefeln. Aber die Düsseldorfer Bühne ging wegen Mangels an Gunst, Schutz und Geld unter, und so blieben denn jene Gedanken Träume. Warum ich diese Saite hier berührt habe? Weil mir Ihr ganzes Bild vorschwebte und zu einem vollen Menschenleben die Entwickelungen und die Vereitelungen gehören. Wenn ich mit Ihnen Mund gegen Mund reden durfte, so hatten unsere Gespräche immer einen Gehalt; eine gewöhnliche Dedikations-Epistel konnte ich Ihnen daher nicht schreiben. Nehmen Sie meine Worte auf, wie ich sie gemeint habe, und vor allen Dingen - leben Sie noch lange, leben Sie munter und kräftig fort, sich und uns zum Segen! Düsseldorf, den 20. April
1839, (Brief von Karl Immermann an Ludwig Tieck; Auszug)
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