Halldór Kiljan Laxness (1902 - 1998)

"Ich bin Taoist gewesen, später wurde ich auch Expressionist, Surrealist, Freudianer und so weiter, schließlich marxistischer Mitläufer, obwohl ich Marx nie gelesen habe."

"Wer nicht in Poesie lebt, überlebt hier auf der Erde nicht."

(Halldór Kiljan Laxness)

Der schöpferische Weg des vielleicht eigensinnigsten Nationaldichter-Querkopfs, Meinungswandlers und Kosmopoliten vom nördlichen Rand der Menschenwelt

Eine schriftstellerische Existenz zwischen Beifall und Empörung


Der isländische Schriftsteller Halldór Gudjónsson wurde am 23. April 1902 in Reykjavik geboren, verbrachte seine Kindheit allerdings auf "Laxness", dem kleinen Hof seiner Eltern, dessen Namen er später übernehmen sollte, in bäuerlicher Umgebung.

1919, als 17jähriger Gymnasiast, verfasste Laxness die in fortgeschrittenem Alter von ihm als "Jugendsünde" bezeichnete romantische Erzählung "Ein Naturkind" ("Barn náttútunnar"). 
Bereits in jungen Jahren übten andere Länder große Anziehungskraft auf ihn aus, und so reiste er 1920 nach Dänemark , wo er in Dänischer Sprache einige Erzählungen für verschiedene Zeitungen schrieb. 1922 führten ihn seine Reisen abermals  nach Dänemark sowie nach Deutschland, Frankreich und Italien. 1923 zog sich Laxness, um Ordnung in sein Bewusstsein zu bringen und überhaupt auf der Suche nach spiritueller Orientierung, für ein Jahr in ein luxemburgisches Benediktinerkloster zurück, konvertierte zum Katholizismus, (von dem er sich einige Jahre später wieder abwenden sollte), und nahm den zweiten Vornamen Kiljan an. In "Der große Weber von Kaschmir" fand diese Sinnsuche schließlich auch ihren literarischen Niederschlag. 

Im Jahr 1924 erschien "Am heiligen Berg" ("Undir Helganúk") in Island, 1927 wurde ebendort Laxness' bedeutendes Jugendwerk "Der große Weber von Kaschmir" ("Vefarinn mikli frá Kasmír"), auf Sizilien geschrieben, veröffentlicht. Das Buch weist starke autobiografische Züge auf: Ein junger Isländer sucht in den Wirren Nachkriegseuropas seine Identität und begibt sich am Ende unter die Fittiche der katholischen Kirche.

1926 ging Laxness für zwei Jahre in die USA, nach Kalifornien. Der Aufenthalt in Amerika ließ ihn angesichts der wirtschaftlichen Depression und der Missbildungen innerhalb des kapitalistischen Systems zum überzeugten Anhänger des Kommunismus werden, bis er sich Mitte der 1950er Jahre wieder von dieser Ideologie distanzierte. 1929 wurde Laxness' erste Essaysammlung publiziert: "Das Volksbuch" ("Alth'ydubókin"). Im Jahr 1930 wurde ihm ein ständiges festes staatliches Gehalt zuerkannt, das ihn fürderhin aller finanzieller Sorgen entledigte. 

Der von sozialkritischem Engagement geprägte Roman "Salka Valka" erschien 1931/32. Darin werden die sich innerhalb Islands abzeichnenden Veränderungen der sozialen Verhältnisse anhand des Schicksals eines Fischermädchens behandelt. 1932 reiste Laxness für sechs Wochen in die Sowjetunion. "Sein eigener Herr", 1934 publiziert, beschreibt wie der Traum von der Unabhängigkeit den Kleinbauern Bjatur in den Untergang führt.

1936 nahm Laxness am in Buenos Aires abgehaltenen PEN-Kongress teil und hielt sich für längere Zeit in Südamerika auf. 1937 unternahm er seine zweite große Reise in die Sowjetunion, wo er u. a. 1938 dem Schauprozess gegen Bucharin beiwohnte.

Im Jahr 1940 waren mit "Weltlicht" ("Heimsljós") die Arbeiten an der Romantrilogie abgeschlossen. Am Beispiel des Schicksals eines Dichters werden in "Weltlicht" erneut die Veränderungen der Gesellschaft und die daraus resultierenden Problemstellungen beschrieben. Island wurde, obgleich nicht an den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs beteiligt, von britischen Truppen besetzt. 1941 wurden die Engländer von den Amerikanern abgelöst.

In den 1940er Jahren veröffentlichte Laxness den historischen Roman "Die Islandglocke" ("Íslandsklukkan"), der im 17. Jahrhundert spielt und die Unterdrückung der Isländer durch Dänemark thematisiert. 1944 wurde Island souveräne Republik. Nach Kriegsende (1945) blieben 1000 der vormals 50000 amerikanischen Soldaten auf Island stationiert. Laxness zog von Reykjavik in sein Haus Gljúfrasteinn in der Nähe des elterlichen Hofes Laxness. 1948 erschien "Atomstation" ("Atómstödin"), worin Laxness aus der Perspektive einer weiblichen Ich-Erzählerin, die vom Land in die Hauptstadt Reykjavik in den Haushalt eines Politikers kommt, das politisch brisante und umstrittene Thema der Errichtung einer amerikanischen Militärbasis in Island auf hohem sprachlichen Niveau behandelt. 

1952 erschien "Die glücklichen Krieger" ("Gerpla"), 1953 erhielt Laxness den Weltfriedenspreis der Sowjetunion. 1955 wurde  er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet ("for his vivid epic power which has renewed the great narrative art of Iceland"), vor allem für "Atomstation". 1957 erschien der Roman "Das Fischkonzert" ("Brekkukotsannáll"). Darin werden sowohl die Versuche vieler Isländer, ihr Selbstbild sowie das nach außen vermittelte Erscheinungsbild zu "modernisieren", als auch ihre Bemühungen, aus der Abgelegenheit ihres Landes und den Jahrhunderte alten Strukturen der regionalen Fischer- und Bauernkultur auszubrechen, mit kritischer Skepsis thematisiert.

1959 folgte "Das wiedergefundene Paradies" ("Paradísarheimt"), die Geschichte vom isländischen Bauern und Feldsteinmaurer Steinar, der von der Mormonen-Mission ins "gelobte Land" - nach Amerika - geholt und dort zum großen Ziegelmeister wird, jedoch letzten Endes nach einer Enttäuschung in der Fremde auf seinen verfallenen Hof zurückkehrt und diesen wieder auf Vordermann bringt.

Im Jahr 1963 erschienen autobiografische Reflexionen unter dem Titel "Zeit zu schreiben". 1968 wurde, nach mehreren Theaterstücken, wieder ein Roman publiziert: "Am Gletscher" ("Kristnihald undir Jökli"). Dies ist die Geschichte von einem Pfarrer an der Periferie der isländischen Welt, der sich voll und ganz dem nur Außenstehenden befremdlich scheinenden Dorfalltag hingibt, nachdem er seine Kirche geschlossen hat. 1969 erhielt Laxness den Sonning-Preis der Universität Kopenhagen, der an Personen verliehen wird, die "einen bedeutenden Beitrag zur europäischen Kultur geleistet haben".

Im 1970 veröffentlichten Roman "Kirchspielchronik" ("Innansveitarkronika") setzte Laxness seinem Heimatbezirk Mosfellssveit ein besonderes Denkmal. 1971 erschien die Essaysammlung "Überschattete Orte". Bis 1984 folgten vier weitere Essaysammlungen. 1972 kam Laxness' erster Essayroman, "Die Litanei von den Gottesgaben" ("Gudsgjafathula"), heraus. Zwischen 1975 und 1980 erschienen insgesamt vier Bände mit Erinnerungen in Romanform, "Auf der Hauswiese" ("Í túninu heima") war der Titel des ersten Bandes.

In den Werken des bemerkenswert vielseitigen Schriftstellers verschmelzen die mächtige Tradition nordischer Erzählkunst und die Ausprägungen der europäischen Avantgarde zu einmal verstörenden, dann wieder behaglichen Sprach- und Bildwelten, wobei der isländischen Landschaft als Bühne der Naturgewalten grundlegende Bedeutung zukommt. Laxness' mit viel Sympathie für das Einzelschicksal trefflich gezeichneten Figuren ist sozusagen nichts Menschliches fremd.

Am 9. Februar 1998 starb Halldór Kiljan Laxness in Reykjavik.



Buchtipp:

Hallgrímur Helgason: "Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein"
Wie in einem bunten Kaleidoskop wirbelt ein ganzes Jahrhundert vorbei – der Fokus ist die nördliche Insel zwischen Amerika und Europa, in ihm erkennt man die Welt und den Beginn einer neuen Zeit.
Ein Kind findet den reglosen Greis nahe dem einsamen Schafhof seines Vaters. Gastfreundschaft ist in Island heilig, daher nimmt der wortkarge Viehbauer den Findling auf.
Allmählich kommen dem Greis Erinnerungsfetzen: Ihm scheint, er kennte diese Leute, diesen armseligen Hof. Die Gespräche klingen seltsam vertraut, oft zu intim, auch hölzern oder sogar peinlich. Erst als der Alte zu seinem Entsetzen merkt, daß er offenbar vierzig Jahre in die Vergangenheit versetzt wurde, wird ihm klar, wo er ist. Und wer er ist: der berühmteste Schriftsteller Islands. Er ist offensichtlich in einem seiner Romane aufgewacht. Und der Ort, an dem er sich befindet, trägt den vielsagenden Namen Höllental. Und für Einar Grímsson beginnt in der Tat seine private Hölle. Hilflos muß er mitanhören, was er sich vor vierzig Jahren ausgedacht hat.
Die Zeitreise zwingt ihn, sein Leben von Grund auf zu überdenken – seine Verehrung Stalins, seine Feigheit, seine egoistischen Eitelkeiten, sein jährliches Warten auf den Nobelpreis, seine Unfähigkeit zur Liebe. (Klett-Cotta)
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