Ian Kershaw: "Hitler 1889-1936" und "Hitler 1936-1945"


Vom Leben eines Bohemiens, dem die Deutschen in ihr Verderben folgten

Biografien sind meist autorenbezogen und bringen daher die Einstellung und Ansicht des Autors in einseitiger Weise zum Ausdruck. Bei Dr. Ian Kershaw, obwohl Engländer und noch während des Krieges 1943 geboren, sodass er in der Kindheit noch die Ausläufer des Krieges selbst erleben konnte, kann man dies nicht feststellen.
Sein umfangreiches zweibändiges Werk über Adolf Hitler, eingeteilt in die Zeit von 1886 bis 1936 und 1936 bis 1945, bringt in ruhiger sachlicher Weise nicht nur die vorgegebene Chronologie, sondern gibt eine Erklärung, wie es kommen konnte, dass eine Person, die für ein hohes  Staatsamt ein untauglicher Anwärter war, die Machtfülle eines absoluten Herrschers erlangen konnte. Eine Machtfülle, die so absolut und übermenschlich war, dass Feldmarschälle von aristokratischer Herkunft bereit waren, die Befehle eines ehemaligen Gefreiten und Bürgersohnes ohne viel Hinterfragen zu befolgen, und kluge Köpfe aus allen Milieus sich bereit fanden, unkritisch einem Autodiktaten zu gehorchen, dessen einzige unumstrittene Begabung darin bestand, die niedrigen Empfindungen der Massen aufzupeitschen. Dennoch, Hitler war kein Tyrann, der Deutschland aufgezwungen wurde, er war wie seine Vorgänger legal zum Reichskanzler ernannt worden und wurde zwischen 1933 und 1940 zum unbestritten beliebtesten Staatsoberhaupt der Welt.

Von den zahlreichen Glücksfällen, die das Leben Hitlers bestimmten, ereignete sich das erste bereits dreizehn Jahre vor seiner Geburt. Sein Vater, Alois Schickelgruber, nahm 1876 eine Namensänderung auf Alois Hitler vor. Die Familie Hitler kam aus ärmlichen Verhältnissen und wohnte in der Gemeinde Döllersheim, einem kleinen Ort im niederösterreichischen Waldviertel. Dem Vater gelang ein bescheidener Aufstieg in der Hierarchie der  österreichischen Finanzwache, und er war letztlich als Zollamtsoffizial in Braunau am Inn tätig. Dies war auch der Geburtsort des späteren Reichskanzlers, der als viertes Kind aus der dritten Ehe seines Vaters am 20. April 1889 zur Welt kam und auf den Namen Adolf getauft wurde. Seine Mutter Klara, geborene Pölzl, war eine sehr weiche und zartfühlende Person, während sein Vater mit seiner rigorosen Betonung von Disziplin und Ordnung gewiss zu streng war und mit der Forderung, der Sohn möge ihm beruflich nachfolgen, dessen Wunsch nach einer Künstlerlaufbahn missachtete. Der junge Adolf war sehr lebhaft und bezog wegen übergroßen Ungehorsams fast täglich eine richtige Tracht Prügel. In der Kindheit kam es infolge von Dienstortversetzungen des Vaters zu zahlreichen Wohnsitzwechseln, letztlich lebte die Familie am Rande von Linz in Leonding. Da Hitler mit Linz die besten Kindheitserinnerungen verband und seine geliebte Mutter dort bis zuletzt lebte, betrachtete er Linz als seine eigentliche Heimatstadt.

Die schulischen Erfolge ließen zumeist zu wünschen übrig. Hitler hasste die Lehrer, musste in der Realschule Klassen  wiederholen und des Öfteren Nachprüfungen bestehen. Letztlich verließ er mit 16 Jahren die Schule mit der bezeugten Befähigung, eine höhere Realschule oder technische Schule zu besuchen, was er jedoch nicht tat. Der Schulabbrecher Hitler blieb ohne höheren Schulabschluss. Insgesamt wurde der pubertierende Hitler als "aufgeweckter, lebhafter und offenbar begabter junger Mann" charakterisiert, dessen positive Eigenschaften jedoch von seinem "Unvermögen zur geregelten und intensiven Arbeit" zunichte gemacht wurden.

Die Jahre zwischen Schulabgang und dem Tod der Mutter im Jahr 1907 verbrachte er als Müßiggänger bzw. schmarotzender Faulenzer. Finanziell wurde  er durch die Mutter abgesichert, welche nach dem Tod ihres Mannes etwas Geld erbte und ihren einzigen Sohn abgöttisch liebte.

Nachdem Hitler einmal kurz Wien besucht hatte, überredete er seine Mutter, dass sie ihn zwecks eines Studiums an der Kunstakademie nach Wien gehen lassen müsse. Bekanntlich bestand der Pinselkünstler Adolf Hitler die Aufnahmeprüfung in eine der Meisterklassen der Akademie nicht, da sein schöpferisches Können vor den gestrengen Augen der Professorenschaft keine Gnade fand. Mangels eines Abiturs konnte er auch nicht das von ihm später angestrebte Architekturstudium  belegen. Nach dem Tod der Mutter zog er 1908 mit einem Freund aus Linz, dem Musikstudenten August Kubizek, endgültig nach Wien, wo sie in der Stumpergasse in Untermiete logierten und Hitler die weltfremde Existenz eines Bohemiens führte, welche er jedoch großspurig als "Studium" bezeichnete. Die Wohngemeinschaft mit Kubizek dauerte etwa vier Monate und war durch Hitlers dominantes Wesen bestimmt. Beide schwärmten sie für die Musik Richard Wagners, für nordische Mythologie, und wie verschworene Brüder trugen sie die gleichen Wintermäntel und "breitrandige schwarze Hüte", die sie wohl als Brüder im Geiste ausweisen sollten. Bekannt ist eine Aussage gegenüber dem devoten Freund, mit welcher Hitler selbstbewusst feststellt: "Du brauchst natürlich Lehrer, das sehe ich ein. Für mich sind sie überflüssig."

Obwohl er nur ein geringes Erbe von der Mutter erhielt, unternahm er  weiter nichts, um seine Lage zu verbessern. Er lungerte in Cafés herum und  verschlang Unmengen von Büchern und von Zeitungen. Abends frönte der kulturinteressierte junge Mann seiner Neigung zum ernsthaften Gesangspiel und war gemeinsam mit Kubizek fast täglich Teil des Stammpublikums der Wiener Hofoper, wenn er auch aus Geldnot den langwierigen Aufführungen auf billigen Stehplätzen beiwohnen musste.
Die vorhandenen sozialen, kulturellen und politischen Spannungen in Wien formten den jungen Hitler. Gleichzeitig  machte er erste Bekanntschaft mit dem Marxismus und dem Judentum. Von Georg Ritter von Schönerer hatte er schon im nationalistischen Linz dessen Bekenntnis aufgesaugt. Schönerers "Heil-Gruß" und seine Intoleranz gegenüber jeder demokratischer Beschlussfassung in seiner Bewegung übernahm Hitler später in seine NSDAP.
Sein zweiter Held war der Wiener Volkstribun und Bürgermeister Dr. Karl Lueger, der jene Massen anzog, deren Dasein bedroht war. Um die unterschiedlichen Gruppen zu gewinnen, bedienten sich sowohl Schönerer als auch Lueger antisemitischer Vorurteile. In Wien wurde Hitler auch mit dem Marxismus bzw. der Sozialistischen Partei und deren Thesen konfrontiert. Doch diese Partei und ihre Ansichten liefen ihm in jeder Hinsicht zuwider. Er hasste die Sozialdemokraten mit buchstäblich jeder Faser seines Körpers. Als im November 1905 nahezu eine Million Arbeiter mit roten Armbinden durch Wien und über vier Stunden lang am Parlament vorbei zogen, erregte diese Manifestation in ihm nur leidenschaftliche Abscheu. Hierzu soll aber angemerkt werden, dass er später die Massenveranstaltungen, wie die Nürnberger Parteitage etc., sehr liebte, ja geradezu in der Masse badete, und Massenauftriebe von Parteigenossen - ihrer Suggestivkraft wegen - generalstabsmäßig geplant und inszeniert wurden.
Nachdem sein Freund Kubizek im Sommer 1908 wieder nach Linz zurückging und Hitlers Ersparnisse zur Neige gingen, blieben ihm monatlich nur noch 25 Kronen Waisenrente zur Bestreitung seiner Lebenshaltungskosten, ein Taschengeld, welches ihm sein Vormund  regelmäßig schickte. Finanziell  konnte er sich folglich keine ständige Bleibe leisten. So führte er während seiner restlichen Wiener Jahre 1909 bis 1913 ein Vagabundenleben, übernachtete im Freien oder in billigen Unterkünften und schlug sich mit dem Verkauf von Aquarellen und Zeichnungen zur Architektur notdürftig durch. Dünn, ungepflegt und in verschmutzte und verlauste Kleider gewandet, sowie mit vom ständigen Herumlaufen wunden Füßen, landete er letztlich zu Weihnachten 1909 in dem neu eingerichteten Obdachlosenheim in Meidling. Im Heim durften die Insassen jedoch nur schlafen, duschen und Körperpflege üben, tagsüber mussten sie das Heim verlassen und selbst für ihr Auskommen sorgen. Im Februar 1910 konnte Hitler in das Männerheim in der Meldemannstrasse im Norden der Stadt übersiedeln, wohin auch ein gewisser aus dem Sudetenland stammender Herr Hainisch zog, mit dem sich Hitler angefreundet hatte. Auch in der neuen Logis ging Hitler keiner geregelten Erwerbsarbeit nach und lebte von fallweisen Zuwendungen großzügiger Verwandter. Zögerlich begann er sich seiner Malerei zu erinnern und malte kleine Postkarten, welche Hainisch in Geschäften zum Verkauf anbot. In diesem Zusammenhang ist als Hitlers engster Geschäftspartner ein Jude namens Josef Neumann zu erwähnen. Mit Neumann hatte er anscheinend auch freundschaftlich verkehrt. Im Männerheim gewann Hitlers Leben an Stabilität. Bei den diversen stundenlangen Diskussionen mit anderen Insassen entdeckte Hitler seine rednerische Begabung. Sein politisches Wissen bezog er nach wie vor aus Zeitungen und Büchern, und vor allem nahm er alle Erzählungen und Aussagen, die Deutschland (sein Traumland) betrafen, nimmersatt in sich auf. Für den seiner Ansicht nach konservativen, verkommenen, dekadenten österreichischen Staat, der ihm nur Böses antat, hatte er kein Verständnis, sondern empfand nichts als Hassgefühle für den Völkerkerker, der er in Hitlers Augen war. Er war daher bestrebt diesen verhassten Staat so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

Nachdem er das väterliche Erbe zum 24. Geburtstag in Höhe von 819 Kronen und 98 Hellern ausbezahlt erhielt, fuhr er mit dem arbeitslosen Verkäufer Rudolf Häusler, der ebenfalls im Männerheim logierte, seine ganze Habe in einem Koffer verpackt, am 24.Mai 1913 nach München. Dadurch entzog er sich gleichzeitig dem österreichischen Militärdienst. Seine Wiener Zeit war damit für immer beendet, doch sollte der ehemalige Obdachlose und Tunichtgut Jahre später, im März 1938, im Triumph wiederkehren.

In München fühlte er sich frei und konnte wieder atmen. Zusammen mit Häusler  bezog er nahe Schwabing ein kleines Zimmer. So wie in Wien ging Hitler auch hier keiner geregelten Arbeit nach. Er malte wieder Karten für den Verkauf und verbrachte ansonsten seine Zeit mit dem Lesen von Büchern aus der nahen Bibliothek bzw. Zeitungen in Cafés. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, kam ihm dies sehr gelegen. Er  meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst und fand im Heer, wo er als Meldegänger im Range eines Gefreiten tätig war, das Gefühl der Zugehörigkeit. Er hatte gute Beziehungen zu den nächsten Kameraden, obwohl er sich eigenbrötlerisch vom Rest der Gruppe absonderte. 1916 wurde er verwundet, und im Oktober 1918 wäre er infolge eines Senfgasangriffes fast erblindet.
Nachdem der Krieg verloren war, suchte man Sündenböcke und fand sie zuletzt bei den Juden. Sie wurden von den deutschen Politikern und dem Volk als rassisch minderwertige Einwanderer, als Kriegsgewinnler und Drückeberger bezeichnet. Im Zuge der Turbulenzen nach dem Kriegsverlust und nach der Zerschlagung der anarchistisch inspirierten Münchner Räterepublik begann seine Zeit, als er von einem höheren Offizier der Reichswehr, wegen seiner Begabung als geborener Volksredner, entdeckt wurde. Er arbeitete folglich als Informant für die Armee. Gleichzeitig aber, obwohl er noch immer im Dienst der Armee stand, betätigte er sich als populistischer Agitator bei der winzigen Deutschen Arbeiterpartei. Er hatte die Gabe, bei seinen Reden die Zuhörer zum Mitdenken anzuregen. In dieser Zeit gehörte bereits der Antisemitismus zu seinen demagogischen Themen.
Im September 1919 trat Hitler der Deutschen Arbeiterpartei bei. Obwohl er der geborene Redner war, muss festgehalten werden, dass Hitler ohne das außergewöhnliche politische Klima im Nachkriegsdeutschland auf keinen Fall ein empfängliches Publikum gefunden hätte. Bisher hatte er hauptsächlich im Rahmen der Reichswehr als Informant der abrüstenden Soldaten gesprochen. Erstmals öffentlich sprach er bei einer Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP)  am 16. Oktober 1919 im "Hofbräukeller". In der Folge kam es laufend zu  öffentlichen Versammlungen,  die Massen strömten letztlich zu seinen Reden, die  zumeist in Bierkellern gehalten wurden. So viel Lärm er auch mit seinen Reden machte, war er doch nur eine  lokale Größe. Verglichen  mit den etablierten Parteien war die nun so genannte NSDAP  unbedeutend. In der Parteiführung war er, wie auch andere spätere politische Größen (etwa Röhm) Mitglied des zentralen Ausschusses. Röhm hatte die Kontakte zu den wichtigen anderen  vaterländischen Verbänden und war für die Erschließung von Geldquellen zuständig. Die Parteikasse hatte ohnedies notorischen Geldmangel. Das Organ der Partei war der "Völkische Beobachter". Nach der  Reform der Statuten erfolgte die Umwandlung der NSDAP in eine Führerpartei, deren Führung Hitler im Jahre 1921 übernahm. Als Parteiführer stieg er in den folgenden Jahren vom örtlichen Bierkelleragitator zum Trommler der nationalistischen Rechten auf. Die ursprünglich als  Saalschutz gegründete SA, wo Ernst Röhm als Vertreter der Frontgeneration das Sagen hatte, erhielt nach der innerparteilichen Machtergreifung Hitlers neben diesem eine Schlüsselrolle. Ab etwa 1922 begann sich die Partei aus Bayern auf die anderen deutschen Bundesländer zu  verbreiten. Im gleichen Ausmaß  stieg die Mitgliederzahl. Die Agitation Hitlers gegen die Regierung war 1923 so heftig geführt,  dass bereits Gerüchte kursierten, wonach Hitler einen Putsch plane. Durch die französische Ruhrgebietsbesetzung - die deutsche Regierung war mit den Reparationszahlungen im Rückstand - wurde die nationale Einheit geweckt. Deutschland wurde von einer Welle des nationalen Zorns erfasst,  die alle sozialen und politischen Schranken überwand. Politisch lebte Hitler von Krisen; sie waren sein Elixier.

Im November 1923 führte Hitler mit seinen Genossen einen Putsch durch, der jedoch  fehlschlug. Die Anführer einschließlich Hitlers wurden verhaftet, und es wurde ihnen wegen Hochverrates im Jahr 1924 der Prozess gemacht. Hitler wurde zu einer Geldstrafe sowie zusätzlich zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Haft wurde  in Landsberg vollzogen. Während dieser Zeit verfasste er das Buch "Mein Kampf", welches später zu einem der meistgelesenen Bücher wurde. Die Hakenkreuzfahne, die Sturmtrupps und auch Hitler fielen während dieser Zeit in die Bedeutungslosigkeit zurück. Die Deutschvölkische Freiheitspartei (DVFP) und die NSDAP wurden vorübergehend verboten. Sie wurden im Untergrund jedoch weitergeführt.

Nach der Haftentlassung begann Hitler die Partei neu aufzubauen. Seine Agitationen gegen die Regierung, den Marxismus, den Bolschewismus sowie die demagogische Thematisierung der "Judenfrage", die er als Existenzfrage für alle Völker bezeichnete, wurden zunehmend intensiviert. Vom Parlamentarismus hielt er nichts, sah ihn jedoch als nützliches Mittel, um an die Macht zu kommen. Bis zum Parteitag im Jahr 1926 festigte er die Partei und hatte  sie nun als Führer unumwunden in seiner Hand. Auch außerhalb Bayerns war sie nun präsent. Sie beteiligte sich bei den diversen Wahlgängen der Weimarer Republik,  zumeist ohne wesentlichen Erfolg. Erst nach dem großen Börsenkrach 1929 in New York und der folgenden Wirtschaftskrise konnte Hitler punkten. Die Partei erhielt nun großen Zulauf, und nach wiederholten erdrutschartigen Zugewinnen bei Wahlgängen im Verlauf des Jahres 1932 war das Ende der siechen Demokratie von Weimar bereits abzusehen. Bei der folgenden landesweiten Wahl zum nationalen Parlament wurde die NSDAP die stärkste Fraktion, sodass, nach längerem Zögern, der greise Reichspräsident Hindenburg den siegreichen Hitler mit der Regierungsbildung betrauen musste.

Nunmehr an die Macht gelangt, mobilisierte er die Massen und seine Partei. Es kam zum Reichstagbrand, Verbot von Parteien und Verhaftungen von missliebigen Personen. Nach dem Tod von Hindenburg integrierte er die Funktion des Reichspräsidenten in das durch seine Person verkörperte Führerprinzip. Die drückende Arbeitslosigkeit bekämpfte er durch Aufbau einer Rüstungsindustrie. Gegenüber dem Ausland zeigte er Behauptungswillen, indem er die Reparationszahlungen einstellte und auf Expansion und Eroberungspolitik setzte. Als erstes Land geriet Österreich massiv unter Druck. Hitler zwang letztlich die Regierung Schuschnigg im März 1938 zum Rücktritt, und der neue österreichische Bundeskanzler Seyss-Inquart musste Deutschland  um die Entsendung von Truppen ersuchen, damit der innere Friede wieder hergestellt werden könne. Nachdem Österreich von den deutschen Truppen besetzt war, kam Hitler am 12. März 1938 über die enge Innbrücke in seinen Geburtsort Braunau am Inn. Im Triumph ging es in den folgenden Tagen über Linz nach Wien. Große Teile des österreichischen Volkes jubelten ihm zu und erhofften eine Besserung der Lebensbedingungen. An führender Stelle waren natürlich die in Österreich bereits vorhandenen NS-Anhänger. Es gab aber auch führende österreichische Politiker ohne Nähe zur NS, welche schon 1918 für einen Anschluss an Deutschland eingetreten waren, die nun den immer schon ersehnten Anschluss begrüßten. In diesem Zusammenhang soll der Ausspruch eines Mannes angeführt werden, der in Österreich als einer der großen Söhne bezeichnet wird - Karl Renner. Er meinte im April 1938 zum Anschluss, es sei "die glücklichste Stunde seines Lebens"; gleichzeitig rief er ohne Druck oder Drohung dazu auf, am 10. April 1938 bei der Abstimmung für Großdeutschland und Adolf Hitler zu stimmen. Weiter meinte er, dass er mit all seiner Kraft den Anschluss herbeisehnte. Vermutlich rettete ihn seine Meinung und Haltung vor der Inhaftierung und dem Konzentrationslager, was seinen gleichgestellten und weniger opportunistischen Politikerkollegen nicht erspart blieb.

Des Einen Freud ist jedoch gleichzeitig des Anderen Leid. Schon 1936 erklärte Hitler, dass die "Judenfrage" einer Lösung zugeführt werden müsse. Nach der Machtergreifung setzte auch die Verhaftung der politisch andersgesinnten Personen ein. Ihr folgendes Leid braucht nicht beschrieben zu werden, zumal eine nur flüchtige und ganz beiläufige Erwähnung der Ungeheuerlichkeit des an ihnen begangenen Verbrechens keinesfalls gerecht werden könnte und die Gefahr einer Verharmlosung in sich birgt.

Nach der Okkupation von Österreich löste Hitler den Reichstag auf. Bei der folgenden letzten Wahl erhielt seine Partei, sowohl im Reich als auch in Österreich, über 99 Prozent Zustimmung.

Deutschland, mittlerweile bereits hochgerüstet, setzte das Ausland nun noch mehr unter Druck. Es folgte das Münchner Abkommen, wo die Westmächte der Okkupation des  Sudetenlandes notgedrungen zustimmten. Der deutsche Eroberungsdrang beließ es jedoch nicht bei der bloßen Heimholung der Sudetendeutschen Gebiete ins Reich, sondern schluckte in der Folge sogleich die ganze Tschechei. Als stellvertretender Reichsprotektor für Böhmen und Mähren wurde ein gewisser Heydrich eingesetzt. Heydrich sollte später Anlass für eines der grauenvollsten - doch für jene Zeit so bezeichnenden - Verbrechen an der Menschheit werden. Nach dessen Ermordung wurde als Rache das gesamte Dorf Lidice bei Kladno nahe Prag dem Erdboden gleichgemacht, da man vermutete, dass Lidice jene Freischärler schütze, denen das Attentat angelastet wurde. Die Frauen und Kinder aus Lidice kamen in Konzentrationslager bzw. Internierungslager, die männliche Bevölkerung, fast 200 Personen, wurde einfach erschossen. Gleichzeitig mit der Einverleibung der Tschechei rückte auch Polen in das Blickfeld deutscher Begehrlichkeit. Man provozierte Grenzzwischenfälle und unterstellte, dass Polen Angriffshandlungen gegen das deutsche Reich vornehme. Dies war letztlich der Vorwand, mit dem Polen im  September 1938 überfallen wurde. Da England und Frankreich mit Polen einen Beistandspakt hatten, griffen diese Mächte, wenn anfangs auch nur auffällig zögerlich, in die Kampfhandlungen ein, und der Zweite Weltkrieg nahm seinen Lauf.

Der Verlauf des Krieges wird von Kershaw genauso umfassend beschrieben wie die Rassenverfolgung und das menschliche Elend in den Konzentrationslagern. Durch die  spätere Kriegserklärung an Russland, wodurch der mit Stalin geschlossene Nichtangriffspakt gebrochen wurde, und das Scheitern der Blitzkriegsstrategie gegen die Sowjetunion sowie letztlich den Kriegseintritt Amerikas, infolge des strategisch verfehlten U-Bootkrieges der deutschen Seestreitkräfte, schwand die Wahrscheinlichkeit, den Krieg zu gewinnen, auf ein Minimum. Nach dem Verlust der Paulusarmee in Stalingrad und der späteren Landung der Westalliierten in der Normandie geriet die deutsche Wehrmacht immer mehr in Bedrängnis. Die späteren großflächigen Bombardierungen zerstörten die Produktion und die Infrastruktur des Reiches. Der letzte herzhafte Versuch eines Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze, (einem Bunkerkomplex in Polen), sollte Deutschland vor völliger Zerstörung retten. Die Verschwörung schlug fehl, und die handelnden Personen unter Führung des Grafen Claus Schenk von Stauffenberg wurden standrechtlich erschossen, oder so wie der populäre Kriegsheld General Erwin Rommel in den Freitod getrieben. Hitler, letztlich militärisch und moralisch in die Enge getrieben, Oberbefehlshaber einer vernichteten Wehrmacht, Herrscher in einem Reich, das bis auf wenige Straßen und Landstriche vom Feind erobert und vom Bombenkrieg vernarbt war, sah nach langer Wirklichkeitsverweigerung keinen Ausweg aus seinem Verderbnis mehr und verübte am 30. April 1945 zusammen mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Eva Braun Selbstmord. Der von ihm bestimmte Nachfolger, Admiral Dönitz, setzte wenige Tage später neben den anderen Heerführern der geschlagenen Wehrmacht seine Unterschrift auf die von den Alliierten vorgelegte Urkunde über die bedingungslose Kapitulation des Großdeutschen Reichs.

Im Nürnberger Prozess wurden alle wesentlichen NS-Größen, soweit sie am Leben waren, verurteilt und zumeist durch den Strang hingerichtet, obwohl diese versuchten, alle kollektive und persönliche Schuld auf das eine Ungeheuer namens Hitler abzuwälzen, dessen ungebremste Stilisierung zum schlechthin Bösen sich gerade für Mitschuldige am Menschheitsverbrechen jener Jahre auch in der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tage als eine sehr nützliche Strategie erwies.

Damit ging eine unglückselige und finstere Phase deutscher Geschichte zu Ende. Hitler war ein demagogischer Volksredner gewesen, der vermittels seines Charismas und der Kraft seiner Ausdrucksweise die Menschen jener Tage faszinierte, denen er als überweltlich verklärte Führergestalt geschickt Trugbilder vorgaukelte, die er niemals einzulösen imstande war. Hitler war schon zu Lebzeiten mehr Mythos als Realität, und so war er auch weder Stratege noch Staatsmann noch Vernunftmensch. Wegen seiner verqueren Ansichten, (die zu jener Zeit allerdings nicht so verquer waren, wie man heute meinen könnte), wegen seiner menschenverachtenden Kriegs- und Eroberungspolitik (Krieg um Lebensraum) und wegen seines rassistischen Mordregimes (Holocaust) geht Hitler als Schänder aller Humanität in die Annalen der Geschichte ein, so wie es keinem historischen Frevler von Menschenrechten - vor ihm wie auch nach ihm - je widerfahren ist.
Sein Name wird im allgemeinen Empfinden unserer Tage mit einem Unmaß an krimineller Energie in Verbindung gebracht, wie es nicht einmal dem Bösen in Person zustehen möchte, eine Praxis der Dämonisierung, welche alle moralische Schuld in einer, nämlich in seiner, Person fokussiert und die Mitverantwortung seiner Helfershelfer und Mitläufer und seines Volkes unbeachtet lässt. Die hingegen allzu menschlichen und gar exzentrischen Wesenszüge dieser sich historisch inszenierenden, tragisch-komischen Figur auf akribische Weise und ohne unangebrachte Aufgeregtheit dargestellt zu haben, ist das große und bleibende Verdienst des Historikers Ian Kershaw, dessen umfassende zweibändige Hitler-Biografie auch hinsichtlich ihrer Lesbarkeit zum Besten ihres Genres gehört.
Mit Fug und Recht darf die zweibändige Biografie des Ian Kershaw als unübertreffliches Meisterwerk historischer Literatur weiterempfohlen werden, welcher der Nimbus zeitloser Klassiker anhaftet.

(Dr. Hans Schulz)


Ian Kershaw: "Hitler 1889-1936"
Übersetzt von Jürgen Peter Krause und Jörg W. Rademacher.
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Ian Kershaw: "Hitler 1936-1945"
Übersetzt von Klaus Kochmann.
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