Guy Helminger: "etwas fehlt immer"

Erzählungen


Phänomenal

Ein kurioses Werk hat Guy Helminger in einer genialen und faszinierenden Sprachkraft verfasst. In neunzehn Erzählungen, welche mittels eingestreuter Details miteinander verwoben sind, lädt der in Köln lebende Autor dazu ein, kuriose Alltagsgeschichten mitzuerleben. Man wird hineingezogen in ungewöhnliche Handlungen, Gefühls- und Denkstrukturen und fragt sich, was eigentlich noch "normal" ist. Es könnte so vieles anders zu interpretieren sein.

Ob es nun der Mann ist, der einen Hund vor einer Metzgerei stiehlt, der Radfahrer, der Passanten unvermittelt in den Nacken schlägt, oder auch der Polizeibeamte, welcher beim Anblick eines Opfers in einer Küche unweigerlich an das Verspeisen von Pasta denkt ...

Helminger führt einen in Abgründe, seltsame Beweggründe und stellt als Hintergrundkulisse insbesondere das Licht in den Vordergrund.
Auf lyrische Weise tropft das Licht, fluten die Schatten und tanzt das Glitzern der Tropfen auf herbstlichem Laub ...

Der Titel "etwas fehlt immer" trifft den Kern der Helmingerschen Sprache: Der Autor spielt mit dem nicht Genannten, er lässt Geschehnisse aus und deutet an. Man muss sich als Lesender selbst etwas zusammenreimen und fragt sich, ob es dies nun ist - oder auch nicht.

Die Erzählungen mit ihrem lyrischen Charakter verbinden sich zu einem Buch, das fast schon als Roman gelten kann. So entzieht sich Guy Helminger den gewohnten Literaturschemata.
In einzelnen Erzählungen wirken die Handlungen, Protagonisten und Nebenfiguren skurril bis makaber. Daher bedarf es bei der Lektüre auch einer besonderen Nervenstärke und des Willens, sich auf Irreales einzulassen.

Wenn man Guy Helmingers Erstlingswerk beim Suhrkamp Verlag ins Malerische übertragen müsste, so würde man unweigerlich auf die Werke von René Magritte und Salvador Dalí zurückgreifen. Ihm gelingt es auf faszinierende Weise, den Alltag zu entrücken, gewohnte Handlungen ins Absurde zu manövrieren und schließlich die Lesenden wieder auf sich selbst zurückzuwerfen.
Es sind die Details, die hervorgehobene Bedeutung von Gebrauchsgegenständen und üblichen Abläufen, welche den Erzählstil des Schriftstellers kennzeichnen.
Der Umfang der Erzählungen eignet sich hervorragend für die Nachttischlektüre.
Guy Helminger ist ein phänomenaler Erzähler, dessen Werk es an nichts fehlt. Ein grandioses Lesevergnügen!

(Detlef Rüsch; 09/2005)


Guy Helminger: "etwas fehlt immer"
Gebundene Ausgabe:
Suhrkamp, 2005. 271 Seiten.
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Taschenbuchausgabe:
Suhrkamp, 2007.
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Guy Helminger, geboren 1963 in Esch-sur-Alzette (Luxemburg), lebt seit 1985 in Köln. Er schreibt Lyrik, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. 2002 erhielt er den "Prix Servais", 2004 den "3sat-Preis" beim "Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb".
Lien zu Guy Helmingers Netzseite: https://www.guyhelminger.de/.

Weitere Bücher des Autors (Auswahl):

"Morgen war schon"

Die langsame Louise träumt auf dem Sofa von einer Reise nach Neuseeland; für ihren Mann Feltzer, den Taxi fahrenden Choleriker, sind die angenehmsten Fahrgäste fünf ausgemergelte Stoffgiraffen. Man könnte es eine einigermaßen glückliche Ehe nennen. Sehnsüchte schweifen in die Ferne, der Alltag klebt hartnäckig am Hier und Heute, und ein leises Unbehagen durchzieht das Zusammenleben. Ein fremder Mann sitzt allzu traulich mit Louise auf dem Sofa. Und bleibt nach einer Fahrt in Feltzers Taxi verschwunden. Mit diesem eigenwillig gewöhnlichen Paar im Zentrum entwirft Guy Helminger ein Gesellschaftspanorama, das zurückreicht bis in die Nachkriegszeit: Wie sich die Eltern von Louise und die von Feltzer im Köln der 1950er Jahre Existenzen aufbauten, ihre Fortune, ihre Misserfolge, all das färbt auf die nächste Generation ab, prägt sie bis hinein in die liebenswerten Marotten oder beängstigenden Verkorkstheiten.
Guy Helminger verwebt die Episoden zu einem dichten Netz, in dem alles irgendwann wieder aufblitzt. Bis Feltzer und der schwangeren Louise eine familiäre Tragödie droht, die sie aus dem Alltag herauskatapultiert und den gewöhnlichen Gang der Dinge zum Erliegen bringt: Morgen war schon. (Suhrkamp)
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"Neubrasilien"
Luxemburg im Frühjahr 1828: Eine Gruppe von Landbewohnern, darunter die selbstbewusste Bauerntochter Josette, lässt all ihr Hab und Gut zurück und macht sich auf den Weg nach Brasilien, angelockt von den Anwerbern des brasilianischen Königs, die fruchtbaren Boden und ein gutes Leben versprechen. Der lange Treck marschiert in Mühsal zum Bremer Hafen und muss dort erfahren, dass der Aussiedler genug sind und kein Auswandererschiff mehr Richtung Brasilien den Hafen verlässt. Die Schicksalsgemeinschaft, heimat- und rechtlos geworden, muss ihr Überleben neu organisieren. Ihnen bleibt nichts Anderes übrig, als den Rückweg in die alte Heimat anzutreten. Dort siedeln sie sich an auf einer Anhöhe nahe ihres Heimatdorfes, leben von dem, was sie auf den Äckern finden und was sie den ehemaligen Nachbarn entwenden können, werden verachtet als Diebe und Wegelagerer, und mehr als einmal müssen sie die Racheakte der Bauern fürchten.
Luxemburg, 170 Jahre später, kurz vor der Wende zum 21. Jahrhundert: Eine Gruppe montenegrinischer Flüchtlinge, darunter das Mädchen Tiha und ihre Familie, kommt nach Luxemburg. Auch sie haben ihr Zuhause verlassen und sind auf der Suche nach einem besseren Leben fernab von der kriegszerstörten Heimat. Sie leben in einem Flüchtlingslager auf engem Raum, knüpfen neue Freundschaften und finden auch Kontakt zu Luxemburgern. Sie richten sich ein in dem neuen Land, ihnen geschieht kein Unglück, sie werden rechtschaffen behandelt, doch eine Perspektive für die Zukunft bietet sich nicht.
Weder für Tiha, noch für Josette werden die Verheißungen eines besseren Lebens in der Fremde wahr. Tiha, die in Luxemburg zur Jugendlichen heranwächst, wird mit ihrer Familie abgeschoben und muss einen Weg für sich in der alten, fremd gewordenen Heimat finden. Josette erfährt gerade dadurch, dass sie nicht nach Brasilien kommt, eine nie gekannte persönliche Freiheit und kann den starren Standesregeln ihrer Gesellschaft entfliehen.
Zwei Erzählstränge fügen sich zu einer großen, universellen Erzählung über das, was Menschen antreibt bei ihrer Suche nach Gemeinschaft und einem guten Leben. Guy Helminger erzählt leise, mit feiner Beobachtung und großer Sprachkraft. Er wechselt die Zeitebenen, der Leser wird immer wieder von einer heutigen und eher moderat geschilderten Flüchtlingsproblematik in eine historische Zeit zurückversetzt, in der die Menschen noch ganz anders um ihr materielles Überleben kämpfen mussten. (Eichborn)
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