Christa Wolf: "Leibhaftig"


Die Uhr, die tief im Grünen zwölfe schlägt -
Die Fieberkranken packt ein helles Grausen.
Der Himmel glitzert und die Gärten brausen.
Ein wächsern Antlitz sich am Fenster regt.

Vielleicht, daß diese Stunde stille steht.
Vor trüben Augen bunte Bilder gaukeln
Im Takt der Schiffe, die im Strome schaukeln.
Am Gang ein Schwesternzug vorüberweht. (...)

(Aus dem Gedicht "Im Spital / Menschliche Trauer"
1. Fassung; von Georg Trakl)

In Gedanken, Worten und Werken

Ort des Geschehens ist im weitesten Sinne die ehemalige DDR, im engeren Sinne ein Spital und im eigentlichen Sinne das Innere eines Menschen am Rande des Lebens.

Eine Frau Anfang 50 wird mit starken Schmerzen, Herzrasen und hohem Fieber per Krankenwagen in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sie, ganz auf sich und ihre vorerst rätselhafte Erkrankung zurückgeworfen, zwischen unterschiedlichen Bewusstseinsebenen pendelt. Herzprobleme machen ihr seit ihrem vierten Lebensjahrzehnt zu schaffen, doch diesmal ist es weit schlimmer: Ihr Krankheitsbild ist anfangs nicht eindeutig, sie muss wiederholt Computertomografien und Operationen über sich ergehen lassen, bevor die Erreger des sich im Bauchraum ausbreitenden Eiterungsprozesses identifiziert und entsprechend bekämpft werden können.

Doch damit der Heilungsvorgang tatsächlich einsetzen kann, muss sie der Geschichte ihrer - nicht ausschließlich körperlichen - Leidensverdrängungen auf den Grund gehen. Es ist eine unausweichliche Frage von Leben und Tod, dass sie sich ihren Gefühlen stellt und dem Verlauf der Stollen in das eigene Berg(Boll-?)werk, von ihr als "innere Archäologie" bezeichnet, folgt. Erst dadurch setzt sie ihr träges Immunsystem wieder in Gang. Die namenlos bleibende Erzählfigur, die zeitweilig als "ich" und dann wieder als "sie" beobachtet, denkt und spricht, leidet und behandelt wird, treibt über weite Passagen ohne Zeitgefühl im Fieberschlaf durch verschiedene Lebensabschnitte- und Bewusstseinsebenen, erlebt Wiederholungen traumatisierender und familiengeschichtlich bedeutsamer Episoden, beginnend in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es ist die Fahrt durch ein Labyrinth, mitunter Spiegelkabinett, in einer Hochschaubahn, wobei die Welt des Krankenhauses mit ausgedehnten Gängen, leeren Korridoren und dunklen Winkeln die äußere Entsprechung des inneren Erlebens der Erzählfigur ist. Erinnerungsfetzen, unterdrückte Wahrheiten, zerbrochene Freundschaften, verlorene Ideale, ungeklärte Missverständnisse - alles kann zum Hindernis auf dem Weg zurück ins Leben werden, sofern sich unbewältigter Daseinsmüll angehäuft hat.

Die Kranke sieht sich in ihren Träumen von Bekannten oder Gestalten aus den Tagesnachrichten umgeben und manches Mal wenn sie erwacht, ist ihr Ehemann - der auf das "du" reduziert ist - anwesend und die üblichen besorgten Fragen, Andeutungen und Gesten strengen sie an oder stören sie geradezu, sodass sie ihn wiederholt auffordert, zu gehen.

Als sie endlich - wenn auch zaghaft - den Sprung in den inneren Abgrund wagt, wagen muss, der in Fieberfantasien in Form von bedrohlich-weitverzweigten Kellergewölben unter der Stadt Berlin erscheint, reagiert der Körper zu guter Letzt auf die Behandlung der engagierten, wenngleich bisweilen recht hilflosen, Ärzte, die das benötigte Medikament auf geheimen Wegen gerade noch rechtzeitig aus dem Westen besorgt haben. Und die Erzählfigur meint schließlich: "Mit Schlafen habe ich schon genug Zeit versäumt, überhaupt versäume ich hier drinnen eine Menge Zeit. Viel später verstehe ich, dass dies meine erste Empfindung aus dem Kosmos der Gesunden ist. Wenn Gesundwerden bedeutet, Kranksein nicht mehr für den einzig möglichen Zustand zu halten."

Christa Wolf, 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, fasst die durch Krankheit verursachte Auflösung gewohnter Sichtweisen ausgezeichnet in Worte. Sie stellt den Kampf, den die inneren Kräfte mit der Verlockung, in Resignation zu verfallen und das Leben aufzugeben führen, nachvollziehbar hautnah dar.
Der Autorin ist eine beeindruckend dichte, sprachlich überaus interessante Erzählung zum Thema krankheitsbedingte Krise gelungen. Die Perspektivenwechsel zwischen verschiedenen Ebenen ergeben zusammen mit der intensiven, punktgenauen Sprache wahrhaft atemberaubende Momente größtmöglicher Nähe zwischen der Ich-Erzählerin und dem Leser. Beständige Worte für flüchtige Augenblicke und Zustände zu finden, die sich gemeinhin der Sprache entziehen - Christa Wolf hat diese Herausforderung exzellent gemeistert!

Und weil auch die Erzählfigur die erbauliche Kraft der Lyrik, in ihrem Fall allerdings von Goethe, zu schätzen weiß, mögen folgende Worte diese Buchempfehlung beschließen:

Abstand Die Genesende
Wie ein Singen kommt und geht in Gassen
und sich nähert und sich wieder scheut,
Flügel schlagend, manchmal fast zu fassen
und dann wieder weit hinausgestreut,

spielt mit der Genesenden das Leben;
während sie, geschwächt und ausgeruht,
zu unbeholfen, um sich hinzugeben,
eine ungewohnte Geste tut.

Und sie fühlt es beinah wie Verführung,
wenn die hart gewordne Hand, darin
Fieber waren voller Widersinn,
fernher, wie mit blühender Berührung,
zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.

(von Rainer Maria Rilke)

(kre)


Christa Wolf: "Leibhaftig"
Suhrkamp, 2009. 180 Seiten.
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