Jo Nesbö: "Die Fährte"

Nesbö kann die Qualität nicht halten


Nach "Der Fledermausmann" und "Rotkehlchen" legt Jo Nesbö seinen dritten Krimi vor. Vorneweg: Nesbö kann die Qualität, die er mit Rotkehlchen erreichte, bei weitem nicht halten. Sowohl sprachlich, stilistisch als auch inhaltlich ist "Die Fährte" deutlich schlechter geworden. Das soll nicht heißen, dass es ein schlechtes Buch ist, es ist eher wieder in die breite Masse abgerutscht, während "Rotkehlchen" ein wirklich herausragendes Werk war.

Zum Inhalt: Nach seinem Ausflug in den polizeilichen Überwachungsdienst ist der alkoholkranke Harry Hole wieder in die Abteilung für Gewaltverbrechen zurückgekehrt. Hier wird er auf einen Bankraub angesetzt, bei dem eine Mitarbeiterin der Bank brutal erschossen wurde, weil das Geld nicht schnell genug eingeräumt wurde. Harry glaubt nicht an diese These und beginnt mit seinen Ermittlungen in Richtung Mord - ganz gegen den Weg, den der Leiter des Raubdezernats einschlagen möchte. Da der Polizeichef Harry noch etwas schuldet, spannt er Harry mit einer genialen Kollegin zusammen und beauftragt sie mit Sonderermittlungen unabhängig vom Raubdezernat. Kaum dass er diesen Fall übernommen hat, wird eine ehemalige Freundin von Harry erschossen aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus, aber Harry zweifelt daran - denn eine Linkshänderin schießt sich nicht mit der Pistole in der rechten Hand in den Kopf. So beginnt Harry mit Geheimermittlungen in diesem Fall und erzählt niemandem, dass er diese Frau kannte. Sehr schnell gerät Harry in einen Strudel aus seltsamen Ereignissen, die ihn bald zweifeln lassen, ob nicht sogar er selbst in dieses Verbrechen verwickelt ist. Hat er vielleicht im Vollrausch seine ehemalige Flamme erschossen? Die Lösung dieses Rätsels ist ebenso fantastisch wie unglaubwürdig.

Sprachlich ist Nesbö wiederum auf einem einfacheren Niveau angelangt - er ist zu Besserem fähig. Stilistisch nutzt Nesbö eine Technik,  die, wenn wie hier nicht übertrieben eingesetzt, durchaus ihren Reiz hat: Er führt den Leser innerhalb eines Absatzes auf eine falsche Spur, die er sehr schnell auflöst. Als Beispiel sei der Anfang genannt, wenn er den Protagonisten scheinbar mitten in den Bankraub stellt und erst am Ende der Szene klar wird, dass Harry diese Szene auf einem Video beobachtet. Erst dadurch werden dann auch Fragen aufgelöst, die man sich die ganze Zeit stellte, nämlich warum zählt Harry von Anfang an mit, statt etwas zu unternehmen.

Was Nesbö wirklich gut gelingt, ist die Entwicklung seines Protagonisten. Die Person des Harry Hole ist tatsächlich ein vielschichtiger Mensch mit Selbstzweifeln, Fehlern und Stärken. Ein ganzer Mensch, nicht bloß ein Klischee - mit den anderen Figuren ist es sehr ähnlich. Insgesamt haben wir dennoch lediglich einen mittelmäßigen Krimi vor uns. Nicht schlecht aber auch nicht herausragend, wie es z.B. der zweite Roman von Jo Nesbö war. Da die Geschichte des Protagonisten und die im Hintergrund ablaufende Geschichte eines korrupten Kollegen von Harry dennoch sehr interessant ist, darf man auf Band vier hoffen.

(Reinhold Stansich; 12/2004)


Jo Nesbö: "Die Fährte"
(Originaltitel "Sorgenfri")
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob.
Ullstein, 2004. 557 Seiten.
ISBN 3-548-25958-8.
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Weitere Bücher aus der Krimireihe:

"Der Fledermausmann"
(Band 1)
Harry Hole ermittelt in Australien. (Ullstein)
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"Rotkehlchen" (Band 2)
Harry Hole auf den Spuren von Nazi-Kollaborateuren. (Ullstein)
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