Etgar Keret: "Mond im Sonderangebot"
Kurzgeschichten

"Ich will meinen Lesern keine Antworten geben; alles, was ich will, ist, dass sie anfangen, Fragen zu stellen."

(Etgar Keret in einem Interview)


Humor - die Waffe der Schwachen

Etgar Keret, israelischer Humorist und Bestsellerautor, lässt sich nicht leicht einordnen. Sein neues Buch, "Mond im Sonderangebot", enthält 33 Kurzgeschichten, in denen er sich als kreativer Künstler präsentiert. Einige seiner Geschichten triefen vor schwarzem Humor und erinnern an Roald Dahl, andere sind eher besinnlich. In manchen seiner Werke fließen Traum und Wirklichkeit ineinander über, andere haben einen realen Hintergrund. Wer glaubt, alle Geschichten verstehen zu können, wird das Klassenziel nicht erreichen. Keret gibt keine Antworten. Er überlässt dem Leser die Interpretation seiner fantasievollen Werke.

Sein besonderes Augenmerk gilt dem Beziehungsdrama zwischen Mann und Frau. In diese Kategorie passt zum Beispiel "Das Dickerchen". Die an "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" erinnernden nächtlichen Verwandlungen einer Frau stellen ihre Partnerschaft auf eine harte Probe. Wie sprach einst Goethe: "Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust" ...
Um Beziehungen geht es auch in der Parabel "Dein Mann". Dieser Thriller lässt viele Fragen offen und muss wohl tiefenpsychologisch gedeutet werden. Mit den unterschiedlichen Perspektiven von Mann und Frau hat die Kurzgeschichte "Wie ein Baby" zu tun. Wie eine Frau die Liebe interpretiert, wird dem Mann wohl immer ein Rätsel bleiben. "Eiserne Regeln" ist eine süffisante Beziehungsgeschichte, in der der äußere Anschein falsche Signale vermittelt. Hier wird bereits eine Spur schwarzer Humor erkennbar.
Rabenschwarz geht es in der Satire "Korrekttuttur" zu. Oder sollte ein Todkranker ernsthaft über langfristige Gewährleistungen nachdenken? "Der Mann ohne Kopf" ist eine makabere Kriminalgeschichte. Wirkt sie nur deshalb makaber, weil hier die Sicht von Kindern beschrieben wird, für die Terror zum Alltag gehört?
Von Terror handelt auch die reale Geschichte "Die Brüste der Achtzehnjährigen". Auch wenn der Titel erotische Fantasien beflügeln kann, geht es hier um den individuellen Umgang mit der alltäglichen Kriegs- und Terrorgefahr in Israel. Sozialkritischer Stoff verbirgt sich in "Eine gute Tat pro Tag". Wer diese vollbringen möchte, darf keine Hemmungen haben, sich von einem Junkie den Mond verkaufen zu lassen.
Das Thema Wünsche verarbeitet Keret in allen Variationen. In "Die Flasche" ist es der Wunsch eines Studenten nach der Liebe seiner Mitbewohnerin, der seine Fantasie anregt. Oder ist diese Geschichte einfach nur absurd? In "Glitzeraugen" muss eine verwöhnte Göre einsehen, dass es Wünsche gibt, die aus prinzipiellen Gründen nicht realisierbar sind, analog dem bekannten Allmächtigkeitsparadoxon: Gott könne keine Mauer bauen, die so hoch ist, dass er selbst nicht noch herüberspringen könnte. Dagegen sind die Wünsch der Eltern in "Stolze Freude" erfüllbar. Aber alles hat seinen Preis. Eltern und Sohn verhalten sich homöostatisch.  Sie bringen sich durch Selbstregulation stets in ein dynamisches Gleichgewicht. Der Sohn kann seine Erfolge nur zu Lasten seiner Eltern verbuchen.

Kann Keret auch besinnliche Geschichten schreiben? Wer daran zweifelt, sollte "Acht Prozent von nichts" lesen. Ein Makler wird in eine heikle Dreiecksgeschichte verwickelt. Durch die Stärke einer betrogenen Frau findet er zu sich selbst.
Keret ist nicht nur ein kreativer Künstler, sondern er behandelt auch, scheinbar selbstbezüglich, das Thema Kreativität in seinen Kurzgeschichten. In "Ein Gedanke in Form einer Geschichte" proklamiert er, dass der Kreative irgendwie anders ist und sich ständig in Gefahr begibt, die Gesellschaft gegen sich aufzubringen.

Etgar Keret hat einen unverwechselbaren Stil. Er verwendet eine Umgangssprache mit auffallend vielen vulgären Ausdrucksweisen. Beziehungsgeschichten, die gelegentlich ins Absurde abgleiten, gehören zu seinen Stärken. In einem Interview sagte er mal, dass Humor die Waffe der Schwachen ist, um Kritik zu üben. Manche beherrschen diese Waffe perfekt. Ihre Kritik erreicht ein breites Publikum. Warum wird Keret nicht manchmal konkreter und geht damit mehr in die Verantwortung?

Etgar Keret wurde 1967 in Tel Aviv geboren und veröffentlicht seit 1991 Kurzgeschichten und Comics. Er schreibt fürs Fernsehen, lehrt an der Filmakademie in Tel Aviv und hat über 40 Kurzfilme produziert. Seine Bücher sind in Israel Bestseller. Bekannt sind von ihm "Pizzeria Kamikaze", "Der Busfahrer, der Gott sei wollte" und "Gaza Blues".

(Klemens Taplan; 09/2003)


Etgar Keret: "Mond im Sonderangebot"
(Originaltitel "Anihu/ Cheap Moon")
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner.
Luchterhand, 2003. 208 Seiten
ISBN 3-630-87153-4.
ca. EUR 17,50. Buch bestellen

Ergänzende Buchtipps:

Etgar Keret: "Pizzeria Kamikaze"
Chaim befindet sich in der Welt, in der die Selbstmörder landen. Alles ist so ähnlich wie vorher, nur gibt es weniger zu tun. Aus Verlegenheit sucht er sich einen Job in der Pizzeria Kamikaze, und nachts zieht er durch die Kneipen. So freundet er sich mit Uzi Galfand an, der bis auf sein Einschussloch in der Schläfe wirklich in Ordnung ist. Es stellt sich heraus, dass Uzi bei seiner Familie wohnt, was ziemlich selten ist in dieser Gegend. Seine Eltern haben sich fünf Jahre vor ihm umgebracht.
Chaim und Uzi hängen herum, trinken, sehen immer die gleichen Leute, die irgendwie durch einen hindurchschauen. Als Chaim schon die Lust verloren hat, sich jede Nacht um die Ohren zu schlagen, trifft er einen ehemaligen Mitbewohner, der aus dem Fenster gesprungen ist, und dieser erzählt ihm, dass Orga, Chaims letzte Freundin, inzwischen auch Selbstmord begangen habe. Chaim beschließt, sie zu suchen, Uzi stellt sein Auto zur Verfügung. Die beiden fahren in Richtung Osten, treffen zunächst aber nur Araber. Sie gabeln Lihia auf, eine Anhalterin, die fest davon überzeugt ist, dass sie einem Unfall zum Opfer fiel, und nun jemandem sucht, bei dem sie sich beschweren kann. In der Dämmerung überfahren sie fast den Spaziergänger Rafael Kneller, der sie zu sich nach Hause einlädt.
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In Etkar Kerets kurzem Roman wechseln sich Tragik, Slapstick, Weltschmerz und Ironie in rasantem Tempo ab und fügen sich zusammen zu einem authentischen Zeugnis des Lebensgefühls der jüngeren Generation in Israel.
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Etgar Keret: "Gaza Blues. Erzählungen"
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Kurze, drastische, schräge, doppelbödige Geschichten über Randexistenzen, Misserfolge, Liebeskummer, Araber, Rassismus, Pubertät, Militär - auch in diesem Erzählband macht Etgar Keret keine Zugeständnisse an die Political Correctness.
Ein Busfahrer entdeckt seine eigentliche Berufung, als ein notorischer Zuspätkommer sich vor ihn hinkniet und ihm wieder einfällt, dass sein ursprünglicher Berufswunsch Gott war. Drei Freunde werden in regelmäßigem Turnus von Wahnsinnsschüben heimgesucht, bis sie draufkommen, dass womöglich die Seele des vierten im Bunde, der den Wehrdienst nicht aushielt und sich umbrachte, zu einsam ist. Eine Frau beschwert sich, dass immer nur die Männer erschossen werden und den Frauen nichts als der Trost und der Saft der Mythen bleibt &
In Etgar Kerets Geschichten aus Tel Aviv liegen Poesie und Brutalität, Komik und Verzweiflung, Alltägliches und Absurdes nah beisammen. Seine Ich-Erzähler sind Kinder, Jugendliche oder eben erst erwachsen Gewordene, und sie haben keine Lust, die Last der Vergangenheit zu tragen, für ihr Land zu sterben oder sich in die Gesellschaft einzupassen. Sie haben nur keine andere Welt als die ihre ...
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