Claudia Ott (Hrsg.): "Tausendundeine Nacht"
Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott
Die
Emanze und der Macho
Alf layla wa layla - hier geht es um lebensrettendes Erzählen,
welch edlerem Zweck sollte die Poesie sonst dienen?! Nachdem es schon
verschiedene unterschiedliche Übersetzungen gab (Antoine
Galland, Gustav Weil, Enno Littmann, Inge Dreecken) hat sich nun die
Orientalistin Claudia Ott noch einmal daran gewagt und die
älteste arabische Handschrift (aus dem 14. Jahrhundert) in der
Ausgabe von Muhsin Mahdi (von 1984) befragt. Bei der hier vorliegenden
Taschenbuchausgabe handelt es sich um die Version der Leinenausgabe von
2005 (C.H. Beck), die schon in die 8. Auflage ging. Verglichen mit
vorigen Übersetzungen erscheinen die Erzählungen hier
ausführlicher und blumiger, "frei von allen
europäischen Übermalungen, Ausschmückungen
und Prüderien" (Klappentext). Statt 1001 gibt es allerdings
nur 282 "Nächte", in denen Schahrasad ihre Geschichten
erzählt.
Die Rahmenhandlung macht uns bekannt mit dem perversen König
Schahriyar, der nach einer bitteren Enttäuschung (seine Frau
hatte ihn mit dem Koch betrogen) seinen persönlichen
Rachfeldzug gegen die Frauen startet, indem er eines Abends in seinem
Palast eigenhändig mit dem Schwert alle Sklavinnen
tötet und den Schwur tut: "Er werde in Zukunft nur noch
für eine einzige Nacht heiraten
Von der Struktur her handelt es sich also um eine
Rahmenerzählung mit sogenannten Schachtelgeschichten.
Eigenartig klingt es schon, wenn diese Erzählungen um den
frauenmordenden Sultan zu Beginn Allah gewidmet sowie einem
"hochgebildeten und vornehmen Publikum" ans Herz gelegt werden, "um
einem jeden nützlich zu sein, damit er Menschenkenntnis
erwirbt, so dass ihn keine Hinterlist mehr treffen kann." Da man von
keinem einzelnen Autor weiß, muss davon ausgegangen werden,
dass die Geschichtensammlung im Lauf der Jahrhunderte
verändert und ergänzt wurde. Ursprünglich
aus Indien stammend, wurden verschiedene Geschichten
überliefert, ins Persische und ins Arabische
übersetzt. Die älteste erhaltene arabische Sammlung
ist eine Handschrift aus der Zeit um 1450, von welcher Galland ab 1704
eine französische Fassung herausgab. Aber erst mit der Fassung
von Muhsin Mahdi von 1984 wird die ursprüngliche Fassung ohne
"europäische" Verfälschungen zugänglich
gemacht.
Die Geschichten sind philologisch betrachtet recht unterschiedlich:
Anekdoten, Liebesgeschichten, Burlesken, Legenden, historische
Erzählungen - ein Dokument jahrhundertelanger
überbordender Erzähllust. Im Original sind das
jedenfalls Geschichten für Erwachsene mit teilweise erotischem
bzw. derbem Inhalt, während die meisten Übertragungen
im deutschsprachigen Raum Märchen für Kinder daraus
machten. Das hieße, dass die nun vorliegende Fassung von
Claudia Ott nicht ganz jugendfrei ist! Im übrigen war es
Galland, der die Episoden um Aladin, Ali Baba und Sindbad
hinzufügte - welche im arabischen Original überhaupt
nicht vorkommen! Welche allerdings Inge Dreecken in ihrer Version von
1982 (basierend auf Gustav Weil 1838/41) ebenfalls präsentiert.
Da es im eigentlichen Sinn also keinen identifizierbaren Autor und
keine alleingültige Urfassung gibt, ist davon auszugehen, dass
die Überlieferungs- und Editionsgeschichte aus wohlmeinenden
Verfälschungen besteht. Immerhin ist um 1150 der Titel 'Alf
layla wa layla'
(KS; 12/2006)
Claudia
Ott (Hrsg.): "Tausendundeine Nacht"
Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von
Muhsin Mahdi
erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott.
dtv, 2006. 690 Seiten.
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Gebundene Ausgabe:
C.H. Beck. 687 Seiten.
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Claudia Ott, Dr. phil., studierte Orientalistik in Jerusalem, Tübingen und Berlin sowie arabische Musik in Kairo. Sie hat mehrere Jahre in arabischen Ländern gelebt und arbeitet als Übersetzerin und Musikerin. Seit 2000 ist sie außerdem wissenschaftliche Assistentin am Institut für außereuropäische Sprachen und Kulturen der Universität Erlangen-Nürnberg.