Ingo Schulze: "Tausend Geschichten sind nicht genug"


In diesem kleinen Sonderdruck der edition suhrkamp sind zwei Reden enthalten, die der Schriftsteller Ingo Schulze im Jahr 2007 gehalten hat

Die erste ist eine Poetikvorlesung in Leipzig und die zweite eine Dankesrede ("Was wollen wir?") aus Anlass der Verleihung des "Thüringer Literaturpreises".

Besonders in seiner Leipziger Poetikvorlesung geht Ingo Schulze auf die autobiografischen Hintergründe seines Schreibens ein, erzählt von seiner Zeit in St. Petersburg, ordnet seine ersten drei Bücher in diesen biografischen Rahmen ein, gibt Auskunft über die Schriftsteller und Werke, die ihn beeinflusst und inspiriert haben, und stellt immer wieder den Zusammenhang zwischen Schreiben und gesellschaftlicher Existenz her.

Sehr gut gefallen hat dem Rezensenten, wie Ingo Schulze die Literatur verortet:
"Literatur ist dafür da, dass man mit bestimmten Erfahrungen nicht allein bleibt, mit Erfahrungen, die nicht im Gespräch oder einer wissenschaftlichen Erörterung sagbar sind, die in ihrer Universalität und Gleichzeitigkeit nur in einer Geschichte, einem Gedicht, einem Roman Ausdruck erhalten. Literatur ist nicht dafür gemacht, etwas zu erklären, aber sie darf und sollte für eine gesellschaftliche Selbstverständigung genutzt werden. Denn das Bild, das wir uns von unserer Zeit, von unserem Ort machen, hat Einfluss auf das, was wir wollen, was wir tun. In diesem Sinn halte ich diejenige Literatur für die wirksamste, die unsere Welt am differenziertesten beschreibt. Die Differenzierungen werden umso bedeutsamer, je grundsätzlicher die Fragen sind, die aufgeworfen werden. Ich will eine Literatur lesen, die nichts für selbstverständlich nimmt und die grundsätzliche Fragen stellt, eine Literatur, die zu den neuen und alten Vereinbarungen und Selbstverständlichkeiten dieser Gesellschaft vordringt, sie befragt und auch in Frage stellt ... Die Literatur müsste viel mehr staunen und sich wundern."

Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren, studierte klassische Philologie in Jena und arbeitete in Altenburg als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Für sein erstes Buch "33 Augenblicke des Glücks" wurde er u. A. mit dem "Aspekte-Literaturpreis" ausgezeichnet. Für "Simple Storys" erhielt er den "Berliner Literaturpreis" mit der "Johannes Bobrowski-Medaille". 2000 erschien "Von Nasen, Faxen und Ariadnefäden" (zusammen mit Helmar Penndorf). 2001 erhielt er den "Joseph-Breitbach-Literaturpreis". 2005 wurde sein Roman "Neue Leben" veröffentlicht, und 2007 bekam er für seinen zweiten Erzählungsband "Handy" den "Preis der Leipziger Buchmesse". Ingo Schulze ist Mitglied der "Akademie der Künste Berlin" und der "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtkunst". Seine Bücher wurden zahlreiche Sprachen übersetzt.

Selbst wenn man vor der Lektüre der beiden Reden noch nichts von diesem erstaunlichen Autor gelesen haben sollte: danach wird man es (nachholen) wollen.

(Winfried Stanzick; 07/2008)


Ingo Schulze: "Tausend Geschichten sind nicht genug"
edition suhrkamp, 2008. 76 Seiten.
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Weitere Bücher des Autors (Auswahl):

"Adam und Evelyn"

Spätsommer 1989, Ferien am Balaton - plötzlich öffnet Ungarn die Grenze, und der verbotene Westen mit all seinen Verlockungen ist zum Greifen nah. In dieser Situation entdeckt Ingo Schulze den Mythos von Adam und Eva. Entstanden ist eine große Tragikomödie über Verbot und Erkenntnis und die Suche nach dem wahren Paradies.
Die Frauen lieben Adam, weil er ihnen Kleider schneidert, die sie schön und begehrenswert machen. Adam liebt schöne Frauen. Wenn sie erst seine Kleider tragen, begehrt er sie alle, und abgesehen davon liebt er Evelyn. Die ertappt ihn eines heißen Augusttages 1989 in flagranti mit einem seiner Geschöpfe. Statt mit Adam fährt Evelyn gemeinsam mit einer Freundin und deren Westcousin nach Ungarn an den Balaton. Adam setzt sich mit seinem alten Wartburg dem roten Passat auf die Spur. Für Evelyn würde er bis ans Ende der Welt fahren - und vielleicht muss er das auch, denn Ungarn will die Grenze gen Westen öffnen. Plötzlich ist die verbotene Frucht greifbar, und alle müssen sich entscheiden.
In der Ausnahmesituation jenes Spätsommers 1989, dem Schwebezustand plötzlicher Wahlfreiheit, entdeckt Ingo Schulze die menschliche Urgeschichte von Verbot und Verlockung, Liebe und Erkenntnis und nicht zuletzt der Sehnsucht nach dem Paradies. Doch wo ist das zu finden? In der Verheißung des Westens, der Ungebundenheit eines endlosen Feriensommers am Plattensee oder doch im vertrauten Amtsstubenduft einer frisch geöffneten Brotkapsel und dem eigenen Garten?
Im Spiel mit dem biblischen Mythos von Adam und Eva gelingt Ingo Schulze eine grandiose Tragikomödie. Mit seinem ironisch gebrochenen Begriff vom Sündenfall findet er eine Chiffre für den Eintritt in unsere heutige Welt. (Berlin Verlag)
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"Neue Leben"
Rien ne va plus - es gibt kein Zurück, und alle Wege stehen offen: Ostdeutsche Provinz, Jänner 1990. Enrico Türmer, Theatermann und heimlicher Schriftsteller, kehrt der Kunst den Rücken und heuert bei einer neu gegründeten Zeitung an. Scheinbar erlöst vom Zwang, die Welt zu beschreiben, stürzt Türmer sich ins tätige Leben. Unter der Leitung seines Mephisto, des allgegenwärtigen Clemens von Barrista, entwickelt der Schöngeist einen ungeahnten Aufstiegswillen ...
Von dieser Lebenswende in Zeiten des Umbruchs erzählen die Briefe Enrico Türmers, geschrieben im ersten Halbjahr 1990 an seine drei Lieben - an die Schwester Vera, den Jugendfreund Johann und an Nicoletta, die Unerreichbare. Während er den Kapitalismus für sich entdeckt und von den Abenteuern des Geschäftsmannes berichtet, trägt er die Schichten seines bisherigen Lebens ab. Dabei entsteht, wovon Türmer so lange geträumt hat: Der Roman seines Lebens, in dessen Facetten sich die Zeitgeschichte bricht und spiegelt. So wird die widersprüchliche Gestalt Türmers zur Allegorie für die Fragwürdigkeit der alten, aber auch der neuen Leben. Ingo Schulze erweist sich wiederum als großer Erzähler, der es auf unnachahmliche Weise versteht, den Irrwitz der so genannten Wendezeit heraufzubeschwören. Als Chronist der jüngsten deutschen Geschichte gelingt ihm das Panorama des Weltenwechsels 1989/90.
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"Handy - Dreizehn Geschichten in alter Manier"
Silvester 1999 in Berlin. Frank Reichert, als ostdeutscher Jungunternehmer erfolgreich im Westen angekommen, begegnet auf der Silvesterfeier an der Schwelle zum neuen Jahrtausend Julia, seiner verlorenen großen Liebe. Seit der Trennung im Herbst 1989 wandelt er wie ein Fremder durchs Leben, fast unbeteiligt erlebt er neue Beziehungen und den Erfolg seines florierenden Geschäfts. Nichts mehr kann ihn im Tiefsten berühren, über allem liegt Julias Schatten und die Möglichkeit eines anderen Lebens. So wird das Ende der Nacht zu einem Neubeginn, mit dem keiner gerechnet hat. Zwischen Abschied und Aufbruch taumeln fast alle Figuren in Ingo Schulzes Erzählungen. Oft reicht schon ein einziger irritierender Blick, um das scheinbar harmonische Gefüge einer frischen Liebe, einer nachbarschaftlichen Bekanntschaft oder eines unbeschwerten Urlaubs aus den Angeln zu heben. Ob im Friseurladen in Manhattan, in einer Datscha im Berliner Umland - stets umgibt eine Atmosphäre diffuser Bedrohung die selbstgeschaffenen Fluchtorte. In diesen Heterotopien der Seligkeit behaupten sich Schulzes Protagonisten gegen eine ständig beschleunigende Welt, die mit ihren Fallstricken bis in die eigenen vier Wände reicht. Mit untrüglichem Gespür für tragikomische Situationen umkreist Ingo Schulze das Wesen der Liebe, das Ringen um Würde im Abschiednehmen und das Geschenk glückhafter Epiphanien mitten im Alltag. (Berlin Verlag)
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"33 Augenblicke des Glücks"
33 Episoden erzählen von einer Stadt, die Generationen von Schriftstellern, Künstlern, Musikern - und Lesern - in ihren Bann gezogen hat. Auch Ingo Schulze bleibt davon nicht unberührt: "Piter", ein Kosename für St. Petersburg, eignet sich auf vortreffliche Weise als Projektionsfläche für seine grenzenlosen Fantasien.
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"Der Herr Augustin"
Eine nachdenkliche Geschichte über Einsamkeit und das Glück der Freundschaft - illustriert in einer ganz eigenen, eindrücklichen Bildersprache von Julia Penndorf.
"Habe die Ehre", grüßt Herr Augustin stets freundlich und lüftet seinen Hut, falls er ihn nicht gerade vergessen hat. Manchmal vergisst Herr Augustin auch seinen Schirm, oder wie man Hemd und Mantel ordentlich zuknöpft. Wenn er bemerkt, dass die Dinge sich um ihn herum selbstständig machen, wird er traurig. Wenn er bemerkt, dass die Kinder ihn deshalb auslachen, kann er sehr zornig werden, und eines Tages vergisst Herr Augustin, dass man nicht mit Steinen wirft ...
Vielleicht hat Herr Augustin einfach vergessen, sich etwas Wichtiges zu wünschen? Zum Glück gehen manchmal auch ungewünschte Wünsche in Erfüllung. (Kinderbuch, Bloomsbury Berlin)
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