»In Havanna klagen viele Leute über Langeweile. Ich behaupte, daß sie über mangelnde Neugierde klagen müßten. Denn Havanna hat einen Vorzug, den nur die großen Metropolen der Welt genießen, nämlich daß in seinen Straßen keine Langeweile herrscht. Die Straße in Havanna ist ein fortwährendes Schauspiel, Theater, Karikatur, Komödie oder was auch immer. Aber es gibt darin echtes Leben, Menschlichkeit, Kontraste, die jeden Beobachter in Begeisterung versetzen können...«

Urbane Abschweifungen

Die Vorverlegung der offiziellen Uhrzeit hat eine sehr bedauerliche Auswirkung gehabt: Um eine weitere halbe Stunde verzögert sich das Herannahen der Nacht, das wir in dieser Zeit und bei unserem Klima jeden Tag wie eine verheißungsvolle Übergangsphase erwarten. In Havanna haben die Glücklichen, die sich stolz »Nachtschwärmer« nennen, zweifellos eine Reihe ganz wesentlicher Probleme gelöst … Seht sie nur, wie sie feist, eingebildet und selbstzufrieden den armen Sterblichen verächtliche Blicke zuwerfen, die mit ihrer Arbeit zur Unzeit beginnen müssen und naßgeschwitzt sind an diesen grausamen Mittagen, wo die Absätze ihren Abdruck im aufgeweichten Asphalt hinterlassen.

Ich betrachte diese Nachtschwärmer mit wahrem Neid, fast wie Phantome, denen ich höchstens zwei- oder dreimal im Monat aus sportlichem Ehrgeiz nacheifern kann … Ohne die mannigfachen Wonnen zu zählen, welche die Nacht gewährt: das Gefühl, daß einem die Straßen gehören, die Freiheit, nicht auf die Bürgersteige zu achten, der Prado ohne Kindermädchen, ohne blöde Visagen, die Gewißheit, nicht auf Vistilla, den Andarín Carvajal oder auf manche Mitglieder gewisser Akademien zu stoßen, die noch unnützer sind als diese zwei pittoresken Individuen …

Endlich! Wo nun all diese Wunder – »die Nacht und ihre Verheißungen«, wie Louis Bertrand sagen würde – uns ein wenig ferner gerückt sind, die wir unter dem furchtbaren biblischen Fluch zu leiden haben, der uns zwingen will, feuchtes Brot zu essen, habe ich gestern beschlossen, die letzten Stunden des Tages zu nutzen und sie auf das äußerst sinnvolle Geschäft zu verwenden, durch die Straßen zu schlendern.
Ich blieb nur ganz kurz in der San Rafael, um nicht ein paar feine – oder nur fein herausgeputzte – Jungen bei ihrem Bemühen zu stören, irgendwelche Mädchen aufzureißen. Ich versuchte, einen Bogen um die Calle Obispo zu machen, wo um diese Zeit für gewöhnlich die Intellektuellen hocken, und ohne so recht zu wissen, wie, oder mit unbändiger Vagabundierlust geriet ich in die alten Viertel um den Hafen herum.

Seit einiger Zeit sind die Ausflüge in diesen Teil der Stadt interessant. Nach und nach entsteht im Schutz der Molen eine wahre Einwanderervorstadt mit malerischen Buden. Den altehrwürdigen schönen Platz der Kathedrale haben anscheinend die Polen in Besitz genommen. In den breiten Kolonnaden haben sich Krämerstände mit allem erdenklichen Plunder eingenistet, mit Sachen von fragwürdigem Nutzen und einigen von diesen Spielwaren, deren Häßlichkeit einen ganz traurig stimmt. In den Fenstern der alten Paläste von ehedem erscheinen die Gesichter bleicher Frauen, deren Blicke eine andere Sprache sprechen … Es ist die Stunde, zu der die Horde der Krawatten- und Pantoffelverkäufer an ihren Lagerplatz zurückkehrt.

Ein ganzes Ghetto entsteht rings um die Hafenanlagen. In den Straßen, die gegenüber der klassischen Alameda de Paula einmünden, gibt es armselige Geschäfte, die Kleidungsstücke ausstellen, die aus fast unvorstellbaren Stoffen gefertigt sind; innen stapeln sich Hosen aus dickem, schmuddeligem Cordsamt, Mützen aus Astrachan und Überröcke, deren wunderbare Absenz einer eindeutigen Farbe an das Wams des Licenciado Cabras erinnert. Es gibt jüdische Restaurants, deren verschnörkelt beschriftete Schilder die Qualität von gezuckertem borsch oder von undefinierbaren Alkoholika anpreisen … Es gibt anachronistische Friseurläden mit Sesseln aus rotem Samt, es gibt einen Zahnklempner, der vor versammeltem Publikum zu Werke geht.

Nähert euch dem Meer, und ihr werdet miese spanische Kneipen sehen, voll von beißendem Ölgeruch und mit Papiergirlanden geschmückt. Dort erklingen die spröden, mechanischen Triller eines Dudelsacks (für ein halbes lager wird der Virtuose den Schlauch mit Luft füllen und die besten Stücke aus seinem Repertoire spielen).

Die Bürgersteige führen verschwitzte Menschen verschiedenster Herkunft zusammen; stämmige Kerle, deren breite Schultern an die Schmächtigkeit der Athleten der clubs denken lassen; kleine Deutsche mit mißtrauischem Blick; Typen mit fettigen Gesichtern und Baskenmützen auf dem Kopf, die uns immer zu klein vorkommen; der ein oder andere Syrer mit dem Gesichtsausdruck einer Ratte; seltsame Gestalten mit hervorspringenden Backenknochen, mit ziegenhaften Gesichtszügen …

In ihnen allen ist die gleiche Melancholie; die gleiche Unbestimmtheit spricht aus ihrem Blick. Die Einmütigkeit der Wünsche, Bedürfnisse und Entbehrungen macht sie zu Mitgliedern einer großen Familie, die sich jedoch, tief hinten in ihren schmutzigen Herbergen, gegenseitig ignorieren. Auf der Schwelle zu Amerika – dem Eldorado von tausend Wunschträumen – sind sie ärmer als je zuvor. Sie haben alles hinter sich gelassen, was sie hatten, und sie haben noch nicht, was sie suchen.
Da sich die Abenddämmerung allmählich über die alten Gassen herabsenkte und den eisenbeschlagenen, massiven Portalen und den Fenstern mit ihren gedrechselten Gitterstäben eine Schattenpatina gab, verließ ich diese alten Stadtviertel, deren Bewohner schon im Begriff waren, sich schlafen zu legen. (1925)

Havanna aus der Sicht eines Touristen

Nach elf Jahren Abwesenheit kehrt einer, der so lange in der Ferne weilte, zweifellos mit der Einstellung eines Touristen in sein Vaterland zurück … Mit neuen Augen, frei von Vorurteilen, tritt man der eigenen Welt gegenüber, all dem, was als Rahmen für die Kindheit diente und als Grundlage für die Jugendträume. Außerdem verschaffen einem die Erlebnisse, die das Bereisen anderer Länder mit sich bringt, neue Vergleichsmaßstäbe und Bezugspunkte … Angespornt von frischer Neugier, fühlt sich der Betrachter der eigenen Heimat genötigt, Werte zu revidieren, seine Ideen neu zu definieren, das Stadtviertel, das ihm Jahre zuvor noch völlig uninteressant erschienen war, ganz genau zu erforschen, die Straße zu erkunden, durch die er noch nie gegangen war. Dann begreift er, daß die Gewohnheit, das erzwungene Zusammenleben mit Menschen und Steinen die Emotionen furchtbar neutralisiert und daß die boutade Cocteaus: »Wenn man Kentauren in einem Zoo zur Schau stellen würde, ginge niemand hin«, im Grunde eine große Wahrheit enthält.

»Jeden Tag Fasan essen!« sagte Ludwig XIV. tieftraurig zu seinem Beichtvater, der ihm seine Untreue vorwarf und die Vorzüge der königlichen Gemahlin pries. »Schon wieder Innereien!« murrten die kleinen Pelikane des Karikaturisten, als sie sahen, wie sich die Pelikanmutter die Eingeweide mit dem Schnabel herausriß, um ihnen etwas zu fressen zu geben …

Wenn ich mir in diesen Tagen mit Freunden von damals die letzten Jahre unserer Jugend in Erinnerung rufe, denke ich, daß fast alle Schriftsteller und Künstler, die zwischen 1920 und 1925 ihre Arbeit in Havanna aufnahmen, irgendwie so auf diese Stadt reagierten wie die undankbaren Pelikane von Caran d’Ache … Es waren die Zeiten, als Miguel Ángel Limia vorhatte, eine Schmähschrift über Havanna zu schreiben mit dem Titel Die dumme Stadt. Andere waren der Ansicht, daß »im Zeitalter von Athen kein vernünftiger Mensch auf die Idee gekommen wäre, auf dem Peloponnes zu leben« … Und in den frühen Morgenstunden unserer nächtlichen Streifzüge machten wir unweigerlich Halt vor dem inzwischen verschwundenen pseudohellenischen Rundtempelchen des Malecón, um den Morro mit einem romantischen Seufzer zu fragen: »Wann entläßt du uns endlich aus deinem Schlund?« Denn die Gewohnheit hatte Havanna und all seine Dinge mit einer so dicken Patina überzogen, daß jede Entdeckung, jede Offenbarung für uns unmöglich wurde.

Jetzt, als Tourist im eigenen Land, beginne ich Havanna mit einer Ehrfurcht zu betrachten, der das persönliche, intime Gefühl der Zuneigung fremd ist. Ich staune angesichts seiner Vielfältigkeit, der buntgemischten Bevölkerung und seines wirklich malerischen Charakters. Und auf dem Weg der Assoziation suche ich spaßeshalber nach authentischen Analogien zu Winkeln von Europa, die mir besonders aufgefallen waren. Denn wenn Havanna auch eine unverwechselbare Physiognomie, Farbe und Atmosphäre hat, so weckt es in uns doch manchmal, wenn wir um eine Ecke biegen, an einer Straßeneinmündung stehenbleiben, ganz überraschende Erinnerungen an ferne Orte … Cádiz, Almería, Ondárroa, Pasajes, Bayonne, Morlaix, Perpignan, Nizza, Valencia haben interessante Botschaften in unserer Stadt, ohne von den Metropolen wie Paris, New York oder Madrid zu reden, die sie in allen Hauptstädten der Welt haben.

Aber dies ist schon eine andere Geschichte, wie Kipling sagen würde. Versuchen wir einstweilen, unsere Impressionen als Touristen im eigenen Land festzuhalten und auf Havanna diejenigen Erkundungsmethoden anzuwenden, die wir befolgt haben bei der Entdeckung – jede Reise ist eine Entdeckung für einen selbst – von Städten wie Madrid, Toledo, Antwerpen oder Tours … Das Spiel ist äußerst unterhaltsam, und in manchen Fällen erweist es sich als aufschlußreich. Denn ich gestehe, daß Havanna mir diesmal Dinge offenbart hat, die ich vor elf Jahren nicht gesehen hatte oder »nicht zu sehen verstanden habe« – aus mangelnder Neugierde? Vielleicht …, denn eine der Eigenschaften, die Europa (ein Kontinent, auf dem der kleinste in einem Ackerfeld entdeckte Kieselstein zu einem nationalen Denkmal proklamiert wird) in höchstem Maße entwickelt, ist die Neugier.

Beginnen wir also unsere touristische Reise nach Havanna an ihrem logischen Ausgangspunkt: dem Reisebüro.

Thes. Cook and sons

An der Ecke Boulevard de la Madeleine und Rue Scribe herrscht allmächtig und gefährlich suggestiv L’invitation au voyage. Ein Gedicht von Baudelaire. Musik von Duparc … Mit diabolischer Raffinesse entworfene Plakate laden uns ein in Länder, wo alles, nach den Worten des Dichters der Fleurs du mal, »Luxus, Ruhe und Wollust …« sein sollte.

Die algerischen Minarette, die Palmenhaine von Madeira, die Folkloretänzer Rumäniens, die Tänzerinnen aus Java, die Pullmans des Ave Azul, die Swimmingpools der Überseedampfer, der Zuckerhut, das Hotel Frontenac, die Strände Kaliforniens und vor allem das gleichschenklige Dreieck und die Erdkugel der Weltausstellung von New York erscheinen in den Reisebüros Cook, wie so viele andere Einladungen, der Atmosphäre kriegerischer Bedrängnis zu entfliehen, in der wir seit dem letzten September leben … Keines all dieser Plakate hat mit Kuba zu tun – außer denen der englischen und holländischen Schiffahrtsgesellschaften, die kurz vor einer cruise durch die Karibik veröffentlicht werden.

Das erinnert mich an einen Exzeß im umgekehrten Sinn, ein wahres Meisterwerk unfreiwilligen Humors, den ich auf einer meiner Reisen durch Spanien zu notieren Gelegenheit hatte. Einmal hielt ich mich frühmorgens in einer der traurigsten und trostlosesten Ortschaften Kastiliens auf: Dueñas. Auf den Bänken schliefen bettelarme Bauern, gegen Kartoffelsäcke gelehnt. Ein Kind wimmerte leise vor sich hin. Es war kalt.

Über der Gruppe von Bauern verkündete ein Tourismusplakat, auf dem ein riesiges Känguruh prangte, mit großen Druckbuchstaben die folgende schöne Einladung: »Machen Sie Ferien in Australien

 

Grenzen … Grenzen …

Heute nachmittag kam ich aus dem Reisebüro, die Taschen voller Prospekte und Pläne von Überseedampfern. Es ist beschlossene Sache! Um der Einladung eines guten Freundes, Carlos Eduardo Frías, nachzukommen, den ich in Venezuela besuche, werde ich auf Umwegen dorthin reisen: Rotterdam, New York, Havanna … ich werde es ausnutzen, daß der Dampfer Rotterdam in der Stadt der Wolkenkratzer einen Halt einlegt, bevor er hinunter in Richtung Tropen fährt. So werde ich kurz in die Ausstellung hineinschauen und vor allem das National Broadcasting aufsuchen können, woran mir aus beruflichen Gründen außerordentlich viel gelegen ist.

Grenzen … Grenzen … Seitdem in Europa eine Atmosphäre des Krieges herrscht, sehe ich der Aussicht, eine Grenze zu überqueren, nicht ohne eine gewisse Beunruhigung entgegen. Entlang der gesamten virtuellen Grenzlinien der Länder gedeihen Mißtrauen, lästige Fragen, scheele Blicke, die Hand, die Koffer durchwühlt und Taschen betastet, die Unhöflichkeit, die fortwährende Verdächtigung. Nachdem er viele Tage damit vergeudet hat, die erforderlichen Visa und Autorisierungen zu beschaffen, kann es dem Reisenden passieren, daß man ihm mehr oder weniger willkürlich erklärt, seine Papiere seien unvollständig, »etwas fehle«, um das unvergleichliche Vergnügen zu genießen, dieses oder jenes Land zu besuchen … Hier habe ich ein schönes Beispiel für meine Behauptung.

Beim Grenzübertritt von Belgien nach Holland allgemeine Paßkontrolle (schon das vierte Mal in vier Stunden!). Ein Grenzpolizist steigt in den Zug, um die Papiere jedes Reisenden ausgiebig zu prüfen. Er ist eindeutig mit meinem Paß nicht zufrieden. Er dreht ihn hin und her, schaut ihn sich noch einmal an, untersucht ihn voller Mißtrauen. Er stellt mir merkwürdige Fragen zu meinen Plänen und zum Zweck meiner Reise. Ich habe eine wahnsinnige Lust, alle zum Teufel zu jagen, denn schließlich kommen wir nur als Transitreisende nach Holland, um uns in der gleichen Nacht auf einem holländischen Dampfer einzuschiffen. Keine Rede davon! Jetzt ist es soweit, daß wir aus dem Zug aussteigen müssen, um unseren Fall einer höheren Instanz vorzutragen. Wir sind die einzigen Reisenden, die dieser Schikane unterzogen werden …!

Die höhere Instanz nimmt sich den Paß wieder vor. Sie prüft ihn. Sie dreht ihn hin und her. Sie schaut mich an, als hätte sie Röntgenstrahlen in der Netzhaut, um mich zu durchleuchten. Und schließlich fragt sie mich mit einem diabolischen Lächeln:
»Und Sie behaupten, Sie reisen nach Havanna?«
»Ja, mein Herr!«
»Warum vermerkt Ihr Transitvisum für New York dann, daß sie nach Kuba fahren?« (!!!)
Ich bin derart verblüfft, daß ich keine Antwort weiß auf diese Frage. Zum Glück erlaubt sich ein Gepäckträger, der das Gespräch gehört hat, bei dieser Auseinandersetzung zu vermitteln.
»Also, soviel ich weiß … ist Havanna eine Stadt in Kuba.«
»Aha!« läßt der Holländer verlauten und beginnt allmählich zu begreifen.
… Schließlich schaffen wir es, zum Zug zurückzukehren. Dreißig Sekunden länger, und der Zug wäre abgefahren …! Grenzen … Grenzen …


aus "Mein Havanna" von Alejo Carpentier
Geschichten über die Liebe zur Stadt
Aus dem kubanischen Spanisch von Wolfgang Eitel
»Ich kann mich rühmen, ein profunder Kenner Havannas zu sein, nicht nur seiner Topographie und seiner interessanten Besichtigungstouren. Ich habe Havanna zusammen mit unserem Jahrhundert wachsen sehen. Ich habe es im unterschiedlichsten Licht erlebt. Bei hundert Gelegenheiten habe ich seinen Stimmen, seinen Geheimnissen gelauscht und der Stadt den Puls gefühlt.«
Über fünf Jahrzehnte hinweg war Alejo Carpentier ein aufmerksamer und genauer Beobachter seiner Heimatstadt Havanna. Die hier versammelten Texte – der erste aus dem Jahr 1925, der letzte von 1973 – zeichnen liebevoll ein farbiges Porträt dieser Stadt und ihrer Bewohner im Wandel der wechselvollen Zeiten. (Ammann)
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