Leseprobe aus
dem Kinderbuch
"Geschichten vom Raben EINS"
von Regina Károlyi
Im Zoo
Als es jeden Tag ein bisschen kühler
wurde und die Sonne immer etwas früher unterging, sagte Mama
zu Tante Dolly,
der Mama von Tobi:
"Jetzt ist schon Ende September, und wir haben es immer noch nicht
geschafft,
mit den Kindern in den Zoo zu gehen. Bald wird es draußen so
eklig sein, dass
ein
Zoobesuch nicht mehr viel Spaß macht. Wollen wir am
Sonntag hingehen?"
Und so kam es, dass bald darauf Ákos und Mama sowie Tobi,
Isabell und Tante
Dolly den
Zoo ansahen. Und weil der Zutritt für Tiere nicht
verboten war,
durfte der Rabe EINS auch mit.
"Ich will nämlich die Pinguine sehen und den Vogel
Strauß und die Geier und
ein paar Adler und die Flamingos und überhaupt alle meine
Verwandten!",
erklärte er. "Und wer sind eure Verwandten?"
Mama guckte Tante Dolly an. "Wollen wir's ihm sagen?"
Tante Dolly lachte. "Das wird er ja dann merken, wenn wir vor dem
Käfig
stehen!"
Weißt du schon, welche Tiere am engsten mit dem Menschen
verwandt sind?
Hinter dem Eingang gab es große Gehege mit Kamelen, Antilopen
und Büffeln. Ákos
hatte ein bisschen Angst vor diesen Tieren. Sie waren ziemlich
groß, und sogar
die kleinen Antilopen hatten sehr spitze Hörner. Da gefielen
ihm doch die Nilpferde nebenan besser. Wie lustig sie in ihrem Becken
planschten! Eines von
ihnen gähnte. Uuuh, was für ein riesiges Maul es
hatte, und so hässliche
braune Zähne!
"Nächstes Mal bringen wir ihm eine Zahnbürste mit",
sagte Ákos.
"Wo sind denn die Pinguine?", fragte der Rabe ungeduldig. "Dieses
seltsame Tier mag ich nicht. Das könnte ja zwanzig Raben auf
einmal fressen!"
"Nilpferde fressen keine Tiere", antwortete Mama.
Nun kamen sie zu den Raubkatzen. Die Löwen lagen
träge im Gehege und ließen
sich die Sonne auf den Pelz scheinen.
"Das soll der König der Tiere sein?", fragte der Rabe. "So
langweilig und faul kann doch kein König sein!"
Er flatterte über den hohen Zaun und den Wassergraben.
"Was machst du da?", rief Ákos ängstlich. "Komm
zurück!"
|
|
Aber der Rabe war nicht aufzuhalten. Er setzte sich
auf die Schulter des schlafenden Löwen und zupfte an dessen
gewaltiger Mähne. Und als der Löwe sich immer noch
nicht bewegte, pickte er ihn frech ins Ohr! Oh, da wurde der
Löwe wütend! Er sprang auf und schüttelte
wild den Kopf. Und wie laut er brüllte! |
Denn sie hatten sich gegenseitig nicht
gesehen, weil der Felsen im Weg gewesen war! Der Rabe kreischte ganz
laut auf
und flog schnell davon. Die Löwinnen machten dumme Gesichter.
EINS aber setzte
sich auf Ákos' Schulter und krächzte kleinlaut:
"Ich glaube, ich ärgere
lieber keine Riesenkatzen mehr. Hoffentlich kommen bald die Pinguine."
Es kamen jedoch erst einmal
Eulen
- die schliefen, weil Eulen nachts munter
werden -, Flamingos - kennst du diese wunderschönen rosa
Vögel mit den
langen Beinen? -, Geier und Adler. Und natürlich der Vogel
Strauß, der so groß
und schwer ist, dass er nicht fliegen kann. Im Straußengehege
gab es ein Nest
mit riesigen Eiern. Der Rabe EINS äugte zum Nest.
"Mannomann", krächzte er, "so ein Ei macht aber
länger satt als
ein Amselei! Ob der Strauß mal wegguckt, damit ich mir eines
holen kann?"
Und ehe Ákos etwas sagen konnte, war der Rabe schon zum Nest
geflogen. Er
wollte gerade an einem der Eier picken, das ungefähr so
groß war wie der Rabe
selbst, da tauchte über ihm ein großes Vogelgesicht
an einem langen Hals auf.
Der Strauß sagte mit strenger Stimme etwas zum Raben EINS,
der daraufhin
verlegen zu Ákos zurückflatterte.
"Was wollte der Strauß?", fragte Ákos.
EINS antwortete verlegen: "Er hat mir erklärt, wenn ich nicht
sofort Land
gewinne, macht er Termitenfutter aus mir."
"Was ist denn Termitenfutter?", wollte Ákos wissen..
"Keine Ahnung", antwortete der Rabe, "irgendwas Afrikanisches halt,
aber es hört sich nicht gut an, oder?"
Ákos nickte. Ihm fiel ein, dass Termiten so ähnlich
aussahen wie Ameisen und
auch nicht viel größer waren. Termitenfutter bestand
also wohl aus ziemlich
kleinen Krümeln. Oh je! Nein, zu Termitenfutter sollte man
sich lieber nicht
machen lassen.
Die
Elefanten fand Ákos toll. Sie waren zwar sehr
groß, sahen aber richtig gemütlich
aus. Mit ihren langen Rüsseln hoben sie ihr Futter auf und
steckten es sich
geschickt ins Maul, als wäre der Rüssel eine Gabel.
"Das sind doofe Tiere", sagte der Rabe laut. Er hatte sich auf einen
Zaunpfosten gesetzt. "Die haben ja statt einem Schnabel einen langen
Schwanz im Gesicht!"
Einer der Elefanten hatte es wohl gehört. Er saugte mit seinem
Rüssel Wasser
aus dem Graben, und tsssschhht! spritzte er den frechen Raben
pitschepatsche-nass!
"Geschieht dir recht", meinte Mama grimmig, aber dann holte sie doch
ein
paar Taschentücher heraus und rieb den Raben EINS
einigermaßen trocken.
Das Affenhaus gefiel Ákos besonders gut. Vor allem die
Schimpansen, denn sie
machten so viele Späße. Sie spielten Fangen und
Verstecken wie Menschenkinder
und ärgerten sich gegenseitig. Affenmamas schmusten mit ihren
Babys genauso wie
Menschenmütter mit ihren Kindern. Und wie geschickt sie am
Gitter kletterten!
"Die haben ja vier Hände!", rief Tobi.
Ákos schaute genau hin. Es stimmte. Die
Affenfüße sahen nämlich auch wie
Hände
aus. Die Schimpansen konnten mit ihnen richtig greifen. Ákos
zog gleich seine
Schuhe und Strümpfe aus und versuchte, mit den Zehen einen
Strumpf hochzuheben.
Aber wie sehr er sich auch anstrengte - es wollte und wollte nicht
klappen.
Tobi probierte es ebenfalls, doch auch ihm gelang es nicht.
"Manches können unsere Verwandten eben doch besser als wir",
bemerkte
Tante Dolly.
Aha. Also waren die Schimpansen die Verwandten?
"Ich dachte, du und Tobi und Isabell seid unsere Verwandten?" fragte
Ákos.
Tante Dolly lachte. "Ja, wir auch. Aber vor ganz langer Zeit gab es mal
ein
Wesen, das war der Vorfahr
von Affen und Menschen. Einige seiner
Nachkommen
wurden Affen, andere Menschen."
"Und wo sind meine Verwandten, die Pinguine?", jammerte der Rabe. Aber
da
kamen sie schon zum Pinguinbecken. Man konnte eine Treppe hinuntergehen
und
durch eine Glasscheibe die Pinguine schwimmen und tauchen sehen. War
das toll!
Die Pinguine sprangen vom Eis ins Wasser, tauchten unter, schwammen
unter der
Wasseroberfläche durch das Becken und hüpften auf der
anderen Seite wieder auf
das Eis. Es sah sehr lustig aus.
Ákos sah mit so strahlenden Augen zu, dass der Rabe
eifersüchtig wurde. Als Ákos
wieder nach oben gegangen war und von dort in das Pinguinbecken
schaute,
kreischte der Rabe EINS: "Pinguine sind keine richtigen Vögel!
Die können
nicht fliegen!"
Einer der Pinguine,
der gerade auf das Eis gehopst war, rief zurück: "Was,
willst du etwa ein Vogel sein? Du kannst ja noch nicht mal schwimmen!"
"Kein Vogel muss schwimmen können!", zeterte der Rabe.
"Fliegen ist Blödsinn, dafür gibt's Flugzeuge!",
antwortete der
Pinguin.
Sie stritten noch, als Mama und Tante Dolly die Kinder zu Kuchen und
Kakao
einluden. Als der Rabe schließlich an den Tisch kam, war kein
einziger Krümel
mehr übrig. Aber der Rabe hatte sowieso keinen Hunger. Traurig
fragte er Ákos:
"Sag mal, bin ich kein richtiger Vogel, bloß, weil ich nicht
schwimmen
kann?"
"Ach, ich kann doch auch nicht schwimmen", lachte Ákos.
"Hauptsache, du bist so, wie du bist - nämlich mein lieber
Freund
EINS!"
![]() |
Eine Sammlung von 20 witzigen und spannenden
Geschichten für Kinder im Kindergartenalter. |