(...) "Nun denn!" rief Raphael - offenbar längst nicht mehr Herr seines maßlosen Verlangens - in wolllüstiger Erregung. "Es ist an der Zeit, das Opfer darzubringen! Ein jeder mache sich bereit, es seine Liebeslüste erleiden zu lassen."
Und es führte mich jener ehrlose Mensch zu einem Diwan, wo er mich in eine seinen fluchwürdigen Wünschen günstige Lage zwang, und - indem er mich durch Antonin und Clement festhalten ließ - sättigte der lasterhafte Mönch und Italiener seine schändliche Begierde, ohne dass meine Jungfräulichkeit indes Schaden nahm. O welche Ausschweifung! Es wollte scheinen, als habe jeder dieser Wüstlinge seine Ehre dareingesetzt, bei der Wahl seines Vergnügens möglichst der Natur zu vergessen.
Nunmehr näherte sich mir Clement, getrieben vom Anblick des unzüchtigen Schauspiels, welches sein Superieur aufgeführt, und wohl mehr noch gereizt durch jenes Tun, dem er selbst sich während des Betrachtens hingegeben. Keineswegs, so tat er mir kund, werde er verderblicher für mich sein als sein Vorgesetzter; seine Huldigungen werde er einem Ort erweisen, wo meiner Tugend nicht die geringste Gefahr drohe. Er hieß mich auf den Boden knien, drängte sich dann an mich, die ich in dieser Haltung verharrte, und ließ seinen üblen Lüsten auf eine Art Lauf, die es mir verwehrte, ob seiner ruchlosen Verirrung vernehmliche Klage zu erheben.
Es folgte Jerome. Er wählte jenen Tempel, den vor ihm schon Raphael betreten, doch drang er nicht bis zum Allerheiligsten vor. Sich am Anblick des Vorhofs ergötzend und in plumpen Verrichtungen von unsagbarer Obszönität Erregung suchend, sah er seine Wünsche dennoch nicht eher erfüllt, als bis man mich jenen barbarischen Maßnahmen unterwarf, deren Opfer ich - wie Ihr wisst - beinahe im Hause Dubourgs, vollends jedoch in den Händen des Marquis de Bressac geworden war.
"Nun seid Ihr ja bestens vorbereitet"; rief Antonin und griff nach mir, "kommt her, mein Täubchen, kommt, dass ich die Unnatur räche, derer meine Mitbrüder an Euch schuldig wurden, und die köstlichen Erstlinge pflücke, welche mir die Zügellosen überließen!"
Ach, Euch getreulich zu beschreiben, was nun geschah - ich vermag es nicht! Dieser gottlose Mensch erwies sich unter den vieren als der schlimmste Libertin, wenngleich er sich aus dem Gesichtsfeld der Natur am wenigsten zu entfernen schien; aber wenn er im Bereich des Natürlichen verweilte, wenn er bei seinem Kult auf allzu abseitige Riten verzichtete, so fand er sich hierzu offenbar nur bereit, weil er sich für den Anschein geringerer Verderbtheit schadlos halten konnte, indem er ihr um so größeren Schimpf antat ... Ach, jene seltenen Male, die sich meine Fantasie verleiten ließ, der irdischen Freuden zu gedenken, glaubte ich diese keusch und rein wie den Gott, der sie uns eingab, ein Geschenk der Natur zum Troste des Menschen, Früchte der Liebe und des zarten Sinns. Nie hätte ich gewähnt, dass der Mensch wie die
wilden Tiere nur zum Genuss findet, wenn er seinen Gefährten erzittern lässt. Nun erfuhr ich es - und zwar auf so heftige Art, dass der Schmerz, unter dem meine Jungfräulichkeit zerriss, gering war angesichts der Martern, denen darüber hinaus mein Leib während dieser bedrohlichen Gewalttat unterworfen wurde. Antonin gelangte zum Gipfel seiner Lust unter so wüsten Schreien, mörderische Ausfälle gegen alle Teile meines Leibes und Bissen, welche den blutrünstigen Liebkosungen der Tiger glichen, dass ich mich wahrhaftig einen Augenblick lang die Beute einer wilden Bestie glaubte, die mich zu verschlingen trachtete. Als diese Greuel geendet, fiel ich auf den Opferaltar zurück, wo man mich soeben hingeschlachtet, und blieb dort, einer Ohnmacht nahe, regungslos liegen. (...)


(aus "Justine oder vom Missgeschick der Tugend" von de Sade
aus dem Französischen von Walter Fritzsche)