Bestien
In einer Bremer Menagerie haben zwei
Königstiger Streit angefangen und sich gegenseitig zerrissen. Ein bedauerlicher
Vorfall, der aber zum Glück äußerst selten ist.
Brehm
erzählt, daß die Königstiger friedliche Geschöpfe sind, die nie untereinander
kämpfen und die in der Gefangenschaft sich auch mit anderen Tieren auf das beste
vertragen.
Manchmal wollen gewisse Menageriebesitzer zur Belustigung des Publikums einen
Kampf zwischen einem Tiger und einem
Löwen
veranstalten. Dann weigert sich der Tiger zu kämpfen, er möchte seine Ruhe haben,
und man muß ihn anstacheln, indem man ihn mit spitzen Messern sticht und mit
kochendem Wasser begießt. Und es kann wohl kein Zweifel vorliegen, wer in diesem
Falle die Bestie ist: der Tiger, der nicht will, oder der stachelnde Menageriebesitzer
neben dem belustigten Publikum.
Durch die Natur geht das Gesetz, daß die
zoologischen Objekte im allgemeinen sanft und milde sind, daß sie aber immer
wilder werden, je näher sie verwandtschaftlich dem Menschen stehen und je mehr
sie mit ihm zu tun haben.
Alle Raubtiere leben friedlich und verträglich
unter sich; mit einziger Ausnahme des
Haushundes,
den wir vermanscht und verdorben haben und der in unseren Kammern den täglichen
Hader des Menschen mit ansehen muß.
Die
Affen sind, wie die
Welt weiß, unsere nächsten Verwandten, und wir haben diese Verwandtschaft
verdient; deshalb sind sie ebenso verrückt wie wir, liefern sich untereinander
Schlachten und kennen sogar die Errungenschaft der Artillerie, da sie sich mit
Steinen und Kokosnüssen bombardieren.
Die Ameisen haben dieselbe
politische Organisation wie wir, und ebenso wie bei uns gilt als Basis ihrer
Gesellschaft das Prinzip der Arbeit, auf dem seit der Paradiesespforte der
Fluch Gottes des Herrn ruht; die Folge ist, daß sie ebenso wie wir nichts
vom Leben haben und in unaufhörlichen wirtschaftlichen Kriegen begriffen sind.
Und dann in der tiefsten, achtlosen Tiefe das wimmelnde Gewürm der
Menschen, die sich gegenseitig die Bäuche aufschneiden und die Broschüren
schreiben, um zu beweisen, daß Jesus Christus dieses Bauchaufschneiden nicht nur
gestattet, sondern sogar dringend empfohlen habe.
(von Victor Auburtin.)