Nicolas Dickner: "Nikolski"


Dieser Debütroman des französischsprechenden und -schreibenden Kanadiers Nicolas Dickner ist, das muss zu Anfang gleich gesagt werden, ein literarisches Erlebnis und ragt unter den Neuerscheinungen des Frühjahrs 2009 in ganz besonderer Weise heraus.

Dickners Roman schillert und glänzt in einem wahren Überfluss und Reichtum an schönen Geschichten; Geschichten, die mit Lust am Fabulieren erzählt sind. "Nikolski" ist ein charmanter Roman, der so erfrischend und mitreißend wirkt, dass er den begeisterten Leser in eine wunderbare Welt von Büchern und Ländern einhüllt.

Dickners Geschichte erzählt von drei Menschen. Sie kennen einander nicht und begegnen einander leider nie, obwohl sie sich im Verlauf der Handlung einander ganz dicht annähern. Aber alle drei stammen von einem Mann ab, dem ruhelosen Matrosen Jonas Doucet, einem überall herumgekommenen Weltenbummler. Sein einer Sohn ist der namenlose Erzähler des vorliegenden Buches, ein Mann, der in Montréal als Buchhändler arbeitet. Er hat an seinen Vater, den Matrosen, keine einzige Erinnerung, nur einen Kompass, ein Gerät, das nicht wie üblich nach Norden weist, sondern stetig auf einen auf den Aleuten gelegenen Ort namens Nikolski, wo es außer Tausenden Schafen nur wenige menschliche Einwohner gibt.

Der andere Sohn ist der Halbbruder des Montréaler Buchhändlers und Erzählers. Er heißt Noah, und seine Mutter ist eine von ihrem Stamm verstoßene Indianerin. Er schreibt seiner Mutter, die ruhelos auf dem Kontinent mit ihrem Wohnmobil herumfährt, Briefe, die aber alle ungeöffnet bzw. unzustellbar zurückkommen. Verständlicherweise entwickelt Noah ein besonderes Interesse am Schicksal indigener Völker, besonders das der Indianer. Er studiert bei Thomas Saint-Laurent Archäologie, "einer rätselhaften Person, die sich mit Abfallarchäologie beschäftigte. Sein Lebenslauf war beeindruckend: Ordinarius für Archäologie, Direktor eines der bestangesehenen Forschungszentren des Landes, Ausgrabungsleiter auf mehreren vorgeschichtlichen Ausgrabungsstellen in Nunavik sowie der Autor eines Dutzend Bücher. Außerdem waren seine Arbeiten über die Müllhalden der Gegenstand von zahlreichen Artikeln, drei Dokumentarfilmen und einigen Fernsehbeiträgen." Postindustrielle Archäologie nennt er das, was er da tut und was Noah zunehmend begeistert.

1994, die Geschichte des Buches selbst beginnt 1989 und endet zehn Jahre später, lernt Noah eine Frau kennen, Arizna Burgos Mendez, eine in Caracas geborene Venezolanerin, die bei ihrem Großvater in Montréal aufgewachsen ist, der einen Posten im venezolanischen Konsulat in Montréal bekleidet. Von dort ist sie irgendwann nach Venezuela zurückgekehrt, wo ein gewisser Hugo Chávez schon von sich reden macht. Sie erzählt Noah, dass sie am Instituto Indigenista Autonomo ein Studium begonnen hat, an einer kleinen, wenig bekannten Universität in Caracas. Sie interessiert sich nur für ihr Studium und ihre indianischen Forschungen, redet gerne über die Zapatisten.

Noah findet nirgendwo im Internet ein solches Institut erwähnt, auch sein Lehrer Thomas Saint-Laurent kennt es nicht. Über viele Jahre werden die beiden eine Beziehung haben, und bis zuletzt ist unklar, ob der kleine Simon Noahs Sohn ist.
Natürlich hat die Beziehung insgesamt etwas mit Noahs indianischer Mutter, die er im Verlauf des gesamten Buches nicht wiederfindet, zu tun.

Die Dritte in der illustren Reihe der Abkömmlinge des Matrosen Jonas Doucet ist Joyce, eine Nichte Doucets. Sie arbeitet in einer Fischfabrik, und in ihrer Freizeit sucht sie alte Computer in Mülltonnen und bastelt sie wieder zusammen, wobei sie ihnen jeweils lustige bzw. originelle Namen gibt. Auch sie ist auf ihre Weise auf der Suche nach ihrer Mutter, von der ihr der Großvater Lyzandre Doucet viel erzählt hat. Die Mutter wird als Datenpiratin vom FBI verhaftet, worüber Joyce in einer Zeitungsmeldung liest. Sie kann ihr aber nicht begegnen.

Der wunderbare Roman erzählt die Parallelgeschichten dieser drei Menschen, lässt den Leser an ihren Erfahrungen und Gedanken teilhaben und führt die Drei irgendwann in Montréal fast zusammen. Doch der Nikolskikompass funktioniert nicht richtig, und so werden sie bis an ihr Lebensende nur die gemeinsame Abstammung, die Suche nach den Ursprüngen sowie die Liebe für Bücher verbinden.

(Winfried Stanzick; 02/2009)


Nicolas Dickner: "Nikolski"
(Originaltitel "Nikolski")
Aus dem Französischen von Andreas Jandl.
Frankfurter Verlagsanstalt, 2009. 302 Seiten.
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Nicolas Dickner, geboren 1972 in Rivière-du-Loup, Kanada, lebt heute nach ausgedehnten Reisen durch Lateinamerika und Europa in Montréal. "Nikolski", sein erster Roman, war das Lieblingsbuch der Buchhändler, wurde mit dem "Prix des Libraires 2006" ausgezeichnet und aus Anlass des fünfzehnjährigen Bestehens dieses von Buchhändlern gestifteten Preises zum "Besten der Besten" gewählt. Weiterer Tipp:

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