Der Geringste und sein Gnadengesuch

Das Schicksal war mir nie hold gesinnt, und so liege ich nun in der Gosse als kümmerlicher Rest meiner eingeborenen Wenigkeit, die ich bin und immer sein werde. Über meine Herkunft weiß ich gar wenig zu berichten, verkroch ich mich doch schon früh vor dieser Welt in die hintersten Winkel schattiger Stellen, um nicht gesehen zu werden, um nicht mein Unglück dem Lichte einer spöttischen Welt darzubieten. Freunde, wahre Freunde, hatte ich nie. Nur Zweckbündnisse mit Missratenen, die wir uns zusammenfanden um kurzweilig gemeinsam unser Elend zu durchschreiten. Immer nur kurzweilig, waren wir einander doch kein Trost. Die Sieger jedoch mieden mich, die Sieger lästerten der Schmach, welche mich als untilgbares Stigma zeichnete. Meine Vergangenheit liegt in trostlosem Dunkel, verhangen von dichtem Nebel der Trauer über mein Selbst. Möge ich doch jetzt erblinden um nicht mehr meiner selbst ansichtig zu sein. Das Leben ist eine Abfolge von Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt. Ich bewältigte nicht eine einzige davon, sondern fiel und stürzte, seit dem ich auf Beinen stand. Und bald schon lernte die Bestie Mensch auf den Daniederliegenden einzutreten. Kinder können so grausam sein, und meine Kindheit unter Kindern war in der Tat eine nicht enden wollende Tortur. Zertrümmert bin ich nun an allen Gliedern; zersplitterte Gebeine im Dunst meines Fluchs wollen diesem Leib nicht mehr Stütze sein. Was bin ich noch? Den Wohlgestalteten ein Verdruss? Und mir selbst keine Träne mehr wert.

Es gab jugendliche Zeiten, da regte sich das Geschlecht an meinen Lenden und es dürstete mich das Weib zu kosten. Und das Weib war so nah und doch so fern, so unberührbar fern. Die Sehnsucht verzehrte mich, doch mich Scheusal ließ keine an ihre Brust. Meine Glut war entfacht um zu erlöschen; alle Dichtung von Liebe und Herz für mich nur Wortgespinst, das im Windzug verweht. Einsam mit meinem Verlangen ermattete in mir des Eros erstes Aufflackern. Ich hatte alles versucht und nichts gewonnen.

Nun liege ich in der Gosse, verfault und zerfressen; den Maden noch zur Wonne, den Mädchen ein Gelächter und mir selber eine nie enden wollende Bitternis. Gescheitert, wo immer ich scheitern konnte, und letztlich nicht mehr gefallen, da zu schwach um mich noch einmal aufzurichten. So führte ich in letzter Zeit das Leben eines Kriechers. Und ich kroch durch den Staub dieser Stadt, scheuerte mir Knie und Handflächen wund, zog eine Spur aus Blut und Eiter hinter mir her. Mein Anblick empört die Lebenstüchtigen, und sie schelten meiner Niedrigkeit aus der Höhe ihrer herzlosen Arroganz. Wie gerne wäre ich einer der ihren, genauso hoheitlich, ebenso gewonnen für das Leben. Dürfte ich doch nur in den Chorgesang der Wohlgeratenen einstimmen, der in schrillem Tone dem Verächtlichen höhnt.

So höret meine Worte! Ich bin der Niedrigste, den Gott zu euerer Prüfung gesandt. Nicht edel, nicht gut, noch anständig; einfach nur gering. Ich spreche aus zahnlosem Munde zu euch und bitte um nichtswürdige Gnade. Gebt mir einen Bissen Brot; der Hunger zerreißt mir die Eingeweide. Habet Gnade mit dem Wurm, den der Wassersturz aus himmlischen Fluten aus seinem Erdloch vertreibt. Zertretet ihn nicht! Habet Gnade mit dem Geringsten aller Geschöpfe, das ich bin.


(Harald Schulz; 27. Mai 2002)