Ernst Piper: "Alfred Rosenberg"
Hitlers Chefideologe
In seiner Bedeutung verkannt
Wenn es um die einflussreichsten Nazigrößen
geht, wird Alfred Rosenberg kaum genannt: Er trat eher selten in der Öffentlichkeit
auf, zumal er kein begnadeter Redner war, und hatte auch keinen unmittelbaren
Anteil an den Nazi-Gräueln. Schon während des Dritten Reichs wurde seine
Bedeutung sehr unterschiedlich beurteilt. Ernst Piper schließt mit seiner
Rosenberg-Biografie eine Lücke.
Rosenberg, geboren 1893 im estnischen Reval (Talinn), studierte nach dem Abschluss
der Oberrealschule am Polytechnikum in Riga und wurde Architekt. Das Baltikum
gehörte damals zu Russland; im Ersten Weltkrieg wurde das Polytechnikum daher
nach Moskau verlegt. Auf diese Weise lernte Rosenberg das revolutionäre Russland
kennen und verabscheuen. Sein Antisemitismus setzte schon in jener Zeit ein:
Er verband die von ihm in pathologischer Weise gefürchtete und bekämpfte jüdische
Weltverschwörung stets mit dem Bolschewismus, wozu die vor Stalins
Säuberungen in der sowjetischen Führungsriege recht häufigen jüdischen Namen
wohl beitrugen. Bereits Ende 1918 hielt er in Reval einen Vortrag zum Thema:
"Marxismus und Judentum".
Dass es Rosenberg als jungen Mann schließlich nach München verschlug, wo sich
gestrandete Existenzen aus dem rechten Lager regelrecht sammelten, und dort
über gemeinsame Bekannte auf Hitler traf, gehört zu
den Zufällen der Geschichte. Rosenberg war einer der wenigen Mitstreiter der
ersten Jahre, denen Hitler bis zum Ende die Treue hielt.
Und der fanatische Rosenberg fand seine Berufung, er verfasste das
Parteiprogramm und unzählige pseudowissenschaftliche Hetzschriften, die sämtlich
den Wahn von einer weltweiten jüdisch-bolschewistischen Verschwörung
widerspiegeln. Er verbreitete auch die ominösen "Protokolle der Weisen von
Zion". Zu dieser Zeit propagierte er noch die Aussiedlung der Juden nach
Palästina, später nach Madagaskar. Gerade bezüglich des Juden"problems"
hörte Hitler auf Rosenberg wie auf keinen Anderen, weil dieser so umfangreiche
Studien betrieben hatte und Hitler seine Intelligenz respektierte. In der
Folgezeit betätigte sich Rosenberg journalistisch und als Herausgeber bei
parteieigenen Medien und Verlagen.
Nicht zuletzt aufgrund der Wirtschaftslage zerbrach die von Anfang an instabile
Weimarer Republik am innerlichen "Zweifrontenkrieg" gegen Links- und
Rechtsextreme, wobei die Rechte bekanntlich lange unterschätzt worden war. Auch
nach 1933 blieb Rosenbergs Einfluss auf Hitler erhalten; der allzu steife, vom
Auftreten her wenig charismatische Balte erhielt freilich zu seiner Enttäuschung
kein Ministeramt. Rosenberg schrieb weiter und befasste sich auch mit Außenpolitik;
am liebsten hätte er ein Bündnis mit England gesehen, unterstützte aber trotz
ihrer "rassischen Inferiorität" und ihres mangelnden Antisemitismus
auch den Pakt mit den faschistischen Italienern: Wesentlich erschien ihm die
Isolierung des Erbfeindes Frankreich. Seine Versuche, die skandinavischen
Staaten durch Überzeugungsarbeit "ins Boot" zu holen, scheiterten.
Während Hitler sich mit Rosenberg einig war, dass der Nationalsozialismus als
Religionsersatz zu fungieren hatte, arrangierte er sich aus taktischen Gründen
mit den beiden großen Kirchen, anstatt sie, wie von Rosenberg gefordert, mit
allen Mitteln zu bekämpfen. Rosenberg hasste insbesondere den "jüdischen"
Katholizismus, dem in seinem Weltbild ebenfalls der Geruch einer Weltverschwörung
anhaftete.
Dadurch, dass missliebige Wissenschaftler und Künstler ausgeschaltet wurden,
gingen Deutschland in diesen Disziplinen fast alle führenden Köpfe verloren.
Auch ein Rosenberg konnte ein Abgleiten in die Mittelmäßigkeit nicht
vermeiden. Goebbels etwa ging nicht immer so rigoros vor, wie Rosenberg es gern
getan hätte, und daher prallten diese beiden häufig aufeinander - und nicht
nur sie. Rosenberg wurde unendlich oft düpiert, die Umsetzung seiner Arbeit als
Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und
weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP von hochrangigen Konkurrenten
be- oder verhindert. Seinem Idealismus tat das keinen Abbruch; nach den ersten
erfolgreichen Kriegszügen beschlagnahmte er unvorstellbare Mengen jüdischer
und sonstiger "feindlicher" Literatur und Kunst zu Studienzwecken für
Bibliotheken; Göring, ein regelrechter Kunstkleptomane, bezog viele wertvolle
Stücke über Rosenberg.
Die Stunde des immer zurückgesetzten Balten schlug scheinbar, als der Krieg
gegen die Sowjetunion begann. Endlich wurde er Minister - für die Ostgebiete.
Aber auch in dieser Position wurden sein Kompetenzbereich ständig beschnitten
und seine Entscheidungen übergangen, vor allem durch SS-Chef Himmler und Reichskommissar
Koch. Als das Kriegsglück sich wendete, Stalins Armee die Wehrmacht zurückschlug
und somit Rosenbergs Wirkungsbereich den Nazis bald vollständig entglitten war,
weigerte sich Rosenberg hartnäckig, sein Ministerium aufzugeben. Er wurde mit
Größen wie Dönitz gefangengenommen und in Nürnberg angeklagt. Im
Prozess wich er keinen Fingerbreit von seiner nationalsozialistischen Überzeugung,
schob aber wie viele seiner Mitangeklagten Schuld und Verantwortung auf die
bereits toten Naziführer ab. Seine Behauptungen, von vielen Gräueln nichts gewusst
zu haben, die doch auf seinem ideologischen "Mist" gewachsen waren, brachten
ihm den Ruf einen weltfremden Trottels ein, dem freilich die vielen heute zugänglichen
Quellen deutlich widersprechen. Rosenberg wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Was bleibt, ist das Bild einer in Teilen rätselhaften "grauen
Eminenz", eines einflussreichen Inquisitors und Reinerhalters der Lehre,
der doch immer wieder unterlaufen und nicht selten der Lächerlichkeit
preisgegeben wurde, eines steifen, etwas weltfremden und dennoch politisch
ungeheuer aggressiven pseudowissenschaftlichen Fanatikers - so paradox das
klingt -, der mit seinen umständlichen Herleitungen sogar Ankläger und Richter
in Nürnberg langweilte.
Ernst Piper schildert in seinem monumentalen Werk nicht nur detailliert
Rosenbergs Biografie, sondern auch die Hintergründe und Gegebenheiten, die zum
Entstehen der nationalsozialistischen Bewegung, überhaupt der zahllosen rechten
Gruppierungen führten; er zeichnet die Katastrophe der Weimarer Republik nach
und das Räderwerk, das den Nazistaat am Laufen hielt, die Bündnispolitik, die
vielen internen Zänkereien und Machtspielchen, die kriegerischen Erfolge und
schließlich die sich abzeichnende Katastrophe, die zur Errichtung der
unvorstellbaren Vernichtungsmaschinerie führte. Zwangsläufig erhält der Leser
einen tiefen, mitunter erschreckend klaren Einblick in die in anderen Büchern
zumeist diffus wirkende, aber in Wirklichkeit vor allem dank Rosenberg sehr
sorgsam und gründlich ausgearbeitete NS-Ideologie. Somit ist die
Rosenberg-Biografie zugleich eines der gründlichsten Bücher über den
Nationalsozialismus an sich, aber die Figur Rosenberg lässt sich nur im
historisch-politisch-ideologischen Zusammenhang plastisch darstellen.
Allein rund 150 der über 800 Buchseiten enthalten Anmerkungen und
Quellenverweise, die zeigen, welch immenser Rechercheaufwand hinter diesem Buch
steckt. Erfreulicherweise ist es, anders als viele umfassende Werke über den
Nationalsozialismus, in einem angenehmen, flüssigen Stil verfasst und somit
auch für den geschichtlich interessierten Laien gut lesbar. Piper bleibt in
seiner Darstellung fast immer objektiv trotz gelegentlicher, freilich sehr
treffender sarkastischer Anmerkungen - bei diesem Thema kein leichtes
Unterfangen. Vierundzwanzig Seiten mit Fotografien illustrieren Rosenbergs
Werdegang.
Immer wieder einmal treten inhaltliche Redundanzen, mitunter auch Wiederholungen
auf, was bei einem derart umfangreichen Werk vielleicht schwer zu vermeiden ist;
gelegentlich ufert die Detailgenauigkeit der Darstellung für meinen Geschmack
auch ein wenig aus.
Die Aufmachung des Buchs ist hervorragend gelungen, dem Korrektorat sind nur
wenige, marginale Fehler entgangen. Insgesamt also ein sehr empfehlenswertes
Buch, das sich wohl einen Platz unter den bedeutendsten Werken über
Nationalsozialismus und Drittes Reich sichern wird.
(Regina Károlyi; 11/2005)
Ernst Piper: "Alfred Rosenberg"
Blessing, 2005. 832 Seiten, 34 Abbildungen.
ISBN 3-89667-148-0.
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Ernst Piper wurde 1952 in München
geboren. Studium der Geschichte. 1981 Promotion. Langjährige Verlagstätigkeit.
Zahlreiche Publikationen. Seit 2003 Leiter der Abteilung für Holocaust-Studien
am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (Potsdam). 2005
Habilitation. Lebt mit seiner Familie in Berlin.
Noch ein Buchtipp:
Mario R. Dederichs: "Heydrich. Das Gesicht des Bösen"
Reinhard Heydrich war das Musterbild eines Nationalsozialisten, die Personifikation des Bösen. Mario R. Dederichs und Teja
Fiedler legen die erste umfassende Biografie des Mannes vor, der als eine Schlüsselfigur des "Dritten
Reiches" gilt.
Blond, schlank, hochgewachsen, mit blauen Augen, intelligent und gewissenlos:
Reinhard Heydrich (1904-1942) war der Muster-Nationalsozialist schlechthin. Eine steile Karriere führte ihn
bis in das Entscheidungszentrum des Dritten Reiches, bis er in Prag einem
Attentat zum Opfer fiel. Er organisierte den Unterdrückungsapparat, schaltete
Gegner aus und leitete die "Endlösung" ein.
Wie wurde dieser Mann zur Verkörperung des Bösen? Mario Dederichs schrieb die Biografie
eines Mörders mit der doppelten Kompetenz des Historikers und des Reporters: Er
verließ sich nicht nur auf die Quellen, sondern recherchierte minutiös, hat mit Zeitzeugen
gesprochen und die Schauplätze aufgesucht. Er verband dies mit einer ebenso
facettenreichen wie gründlichen Lebensbeschreibung, die den Abgründen dieses
Mannes nachspürt. So entstand eine faszinierende Mischung aus Psychogramm,
Biografie und historischer Reportage. (Piper)
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