Ivica Osim: "Das Spiel des Lebens"


Ein Dialektiker des Fußballspieles

Nur nicht abfällig über sogenannte Sportbücher reden - denn auch sie erfüllen ihren Zweck. Dem Einen bieten sie mehr oder weniger interessante Informationen oder Hintergrundwissen, dem Anderen wiederum gereichen sie als doch eher "leichtere Kost für Zwischendurch" zur Entspannung - und den Verlagen bringen sie wahrscheinlich auf einen Schlag mehr Geld, als sie mit so manchem literarischen Werk verdienen können. Aus diesen guten Gründen erscheinen derartige Bücher mit schöner Regelmäßigkeit.

Anlass für dieses Buch war der 60. Geburtstag von Ivica Osim - jener herausragenden Trainerpersönlichkeit, die sich auch weit über die Landesgrenzen hinaus, in der internationalen Fußballszene, einen hervorragenden Namen erarbeiten konnte. Ivica Osim bürgt für Qualität und das nicht nur auf dem Spielfeld, wo er als ein gewitzigter Stratege gilt, sondern auch bei all seinen Auftritten, wo er dem ständig himmelhoch-jauchzenden, zu Tode betrübten "Homo Austriacus" in Form der Sportreporter regelmäßige Lektionen erteilt: Dass erstens alles anders ist, zweitens als sie glauben!
Entflieht die österreichische Seele nach - zugegebenermaßen - erstaunlichen internationalen Erfolgen seiner Mannschaft, Sturm Graz, in allzu luftige Höhen ist es an Osim, sie wieder auf den Boden der Realität zurückzuholen, indem er in seiner ruhigen, nachdenklichen Art darüber spricht, dass da einiges noch viel besser werden müsste - und nach vernichtenden Niederlagen baut er das wieder auf Zwergenformat geschrumpfte österreichische Fußball-Selbstverständnis auf und tröstet alle Zerknirschten damit, dass man prinzipiell gar nicht so schlecht gespielt hätte, und dass man sich eben bewusst sein müsste, dass Österreich nun einmal keine Fußballgroßmacht sei. Steht dann während derartiger Aussagen auch noch sein schmierenkomödiantischer Präsident Kartnig, der in solchen Momenten oftmals zumindest zwei Drittel der Mannschaft nicht nur des Vereines sondern am besten gleich des Landes verweisen möchte, mit entsetztem Gesicht neben ihm, so sind dies Momente von eigener und eigenartiger Schönheit.

Obgleich Ivica Osim Fußball stets mit all seiner Kraft gelebt und geliebt hat, weiß er aus ureigenster erlebter Erfahrung nur zu gut, dass es jenseits von Toren, Siegen und Niederlagen noch viel wichtigere - lebenswichtigere Dinge gibt. So zum Beispiel seine Erinnerung an die furchtbare Belagerung seiner Heimatstadt Sarajevo durch restjugoslawische Truppen, die er tausend Kilometer entfernt von seiner, im Kessel von Sarajevo eingeschlossenen Familie, miterleben musste. Oder den nationalistischen Fanatismus in seinem, von ihm immer als Heimat empfundenen, Jugoslawien, den nicht einmal die auf dem Balkan übliche Fußballbegeisterung zu besänftigen imstande war - sondern die im Gegenteil noch zu einer weiteren Vertiefung der Gräben führte. Wer solches erfahren musste, der wird eben - wenn er es nicht schon so wie Osim von Haus aus ist - nachdenklich, der bleibt auf dem Boden.
Die Beschreibung des Zerfalls von Jugoslawien, die Entstehung und die Auswüchse blinden Hasses und ihre Auswirkungen auch auf sportliche Belange zählen zu den stärksten Momenten in einem Buch, das im Prinzip den Anforderungen, die an ein Werk dieses Genres gestellt werden dürfen, vollkommen genügt.
Es wurde gute Handarbeit geleistet, und es ist alles darin zu finden: Die Beschreibung des Championsleague-Höhenfluges von Sturm Graz aus der nüchternen Sicht von Ivica Osim, sein eigener Werdegang vom Spieler aus Sarajevo zum Weltklassekicker und später auch Trainer. Abgerundet wird das Ganze durch Hommagen von anderen Kollegen und Spielern.

Das Besondere jedoch an diesem Werk ist eben der Gegenstand der Betrachtung selbst: Ivica Osim, jene auf spezielle Art charismatische Persönlichkeit, die beleuchtet wird. Nach der Lektüre dieses Buches weiß man dann doch, was diesen Osim von anderen Personen des Fußball- und Trainergeschäfts unterscheidet, was das Faszinierende an dem Mann aus Sarajevo ist, der nie ein Hehl aus seiner Sympathie für das alte Jugoslawien gemacht hat, und der dafür nicht selten auch angefeindet worden war, jedoch Kraft seiner Persönlichkeit über jeden Zweifel politischer Anbiederung erhaben ist, und der sich letztlich nur einer Sache wirklich verpflichtet fühlt: Der Ästhetik kultivierten Fußballspieles, welche, seiner Meinung nach, auch mit einer Kultiviertheit als Mensch einherzugehen hat.
So hat es Osim Diego Maradona nie wirklich verziehen, dass er bei der WM 1986 in Mexiko einen Treffer "mit der Hand Gottes" erzielt hatte. "Der Beste", so meint der Trainerphilosoph, "muss auch menschliche Qualitäten haben!" Dergestalt kann für Osim das Schöne nur dann wirklich schön sein, wenn es auch gut ist.
Aber zu dieser Erkenntnis ist ja bereits ein noch Berühmterer gekommen - und das sogar noch vor der Erfindung des Fußballspiels.

(Sebastian Wittich; 06/2001)


Ivica Osim: "Das Spiel des Lebens"
Deuticke, 2001. 208 Seiten.
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Freilich, ohne Trainer geht's eher als ohne Schiedsrichter ...