Harry Mulisch: "Die Entdeckung des Himmels"
Bürokraten bevölkern nicht nur die Kanzleistuben auf Erden. Sie lenken mit kalter Buchstabentreue auch die Geschicke des Himmels; Engel nennt man sie dort. Und sie wollen eines: Die Tafeln mit den 10 Geboten zurück. Als Handlanger wider Willen bedienen sie sich zweier Niederländer und ihrer gemeinsamen Geliebten.
Der Mensch, die
Himmelsmarionette?
Mit seinem Roman "Die Entdeckung des
Himmels" gibt der niederländische Autor Harry Mulisch ein sehr magisches
Weltbild wieder. Freier Wille gerät darin zur Illusion. Der Mensch denkt, Gott
lenkt - und besser gesagt, dessen himmlische Beamtenschaft, denn die Erde ist
schon längst gottverlassen im engsten Sinne des Wortes. Alle Protagonisten des
Buches sind lediglich Spielball metaphysischer Mächte, Marionetten an
Schicksalsfäden, gesponnen von bürokratisch-kalten Engeln.
Doch der Reihe nach: Im ausgehenden 16. Jahrhundert beschloss Luzifer, der gefallene
Erzengel, einen Pakt mit Adam und Evas Nachkommenschaft zu schließen; einen
Pakt, als Gegenstück zu den 10. Geboten.
So wie Gott Moses als Vertragspartner erkor, wählte der Teufel den jungen Francis
Bacon, einen naturwissenschaftlich interessierten, machtbesessenen Höfling Königin
Elisabeths II. Bacon setzte seine Seele als Preis für "Wissen ist Macht" ein.
Ein Einsatz symbolhaft für den der ganzen Menschheit. Denn ab nun sollte eine
Wissenschaft ohne Ethik den Platz des Glaubens einnehmen. Ausgehend von Francis
Bacons Vision des "Nova Atlantis" wurde das alte Versprechen der Schlange zu
Eva im Paradies langsam wahr: "Ihr
werdet sein wie Gott". Erkenntnisse nahmen rapide zu; Erfindung folgte auf
Erfindung. Doch zu welchem Preis? Der technische Fortschritt brachte nicht primär
die erhoffte bessere Welt, sondern vor allem immer neue Mittel der Zerstörung,
vom Zyklon B der Gaskammern, über die Bombe von Hiroshima bis zu Umweltgiften
der Gegenwart - das Kleingedruckte im Teufelspakt eben .... !
Zeitsprung,
Niederlande 1967: Onno Quist, seines Zeichens sarkastisches Sprachgenie, dessen
Leidenschaft der Entzifferung eines antiken etruskischen Diskus gilt, sowie Max
Delius, Lebemann und angehender Astronom, wissen von alldem nichts. Natürlich
bleibt ihnen auch verborgen, dass ihr scheinbar zufälliges Zusammentreffen und
die daraus resultierende tiefe Freundschaft Bestimmung war. Obwohl nicht am
selben Tag geboren, sind sie so genannte "kosmische Zwillinge", das heißt:
gezeugt in derselben Nacht. Schon bald erweitern sich die Zwillinge zum Dreieck;
als Ada Brons, eine Cellistin, in ihr Leben tritt. Zuerst mit Max liiert, wird
sie späterhin Onnos Frau. Doch während einer Liebesnacht auf Kuba schläft Ada,
durch wenige Stunden getrennt, mit beiden Männern und wird wider alle Verhütung
schwanger. Erneut war höhere Fügung im Spiel, denn Quinten Quist, dessen
Initialen Q.Q. - das optische Symbol für das Eindringen des Spermiums in die
Eizelle sind - und das gleich auf doppelte Weise, musste geboren werden. Ada
sollte es nicht vergönnt sein, ihren Sohn zu sehen, denn noch vor der Entbindung
stürzt ein Baum auf das Auto, in dem sie "zufällig" sitzt. Ada liegt danach 17
Jahre im Koma, während Quinten von ihrer Mutter und Max herangezogen wird, und
sich Onno, der rechtskräftige Vater, als Staatssekretär der Niederlande der
Politik widmet.
Quintens Jugend verläuft auf einem Schloss, wo er
früh von einem wiederkehrenden Traum heimgesucht wird. Dieser Somnium Quinti
handelt von einer Burg, die auf seltsame architektonische Weise errichtet ist;
ähnlich den Zeichnungen der "Carceri" des Malers Piranesi. Auch sonst ist der
Junge untypisch für sein Alter: Obelisken, heilige Geometrie oder Musiktheorie
interessieren ihn weit mehr als Sport und Spiel. Seine Jugend wird abrupt
beendet als der Ziehvater, mittlerweile Leiter der Sternwarte von Westerbork,
durch einen Meteoriten getötet wird. Max war tief im All, hinter dem Quasar MQ
3412, auf eine blasphemische Entdeckung gestoßen: nichts Geringeres als die
Ursingularität, dort wo weder Raum noch Zeit existieren, verbarg sich dort. Max
Delius hatte den Himmel entdeckt und dafür musste er sterben, denn wie alle
Bürokraten mögen es auch die Engel á la Mulisch nicht, wenn ihre Ruhe gestört
wird.
Onno war mittlerweile in Italien untergetaucht, hatte genug
vom Politikerleben in Holland. Erst kurz vor seinem 17. Geburtstag sollte
Quinten ihn in Rom wiederfinden - und damit den Showdown des Buches einleiten,
der vom Sancta sanctorum der Ewigen Stadt bis zum Felsendom in Jerusalem führt,
in die "Mitte der Mitte", wo einst das Allerheiligste mit Bundeslade und
Gesetzestafeln stand. Quinten ist DER Auserkorene, ein seit langem geplantes
Wesen mit dem Auftrag, die Tafeln mit den 10 Geboten in den Himmel
zurückzubringen, womit Gottes Bund mit der Menschheit für alle Male aufgehoben,
und der Weg für Luzifer auf Erden endgültig frei wäre. Die Rache eines
lieblosen, eifersüchtigen Schöpfers an seiner Schöpfung? Die Retourkutsche für
den Ungehorsam? Ob Apokalypse oder neue Hoffnung Buch und Welt beenden, soll ein
Geheimnis bleiben.
Selber lesen, freien Willen walten lassen, heißt die
Devise ...
(lostlobo; 12/2003)
Harry Mulisch: "Die Entdeckung des Himmels"
Deutsch von Martina den Hertog-Vogt.
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Zu einer Verfilmung des Romans ...
Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in
Haarlem, als Sohn eines ehemaligen Offiziers aus Österreich-Ungarn, welcher im
Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Besatzern kollaborierte, und einer Jüdin aus
Frankfurt, geboren. Seine später geschiedenen Eltern sprachen Deutsch
miteinander. Mulisch verfasste zwischen 1947 und 1959 einige Romane,
literarische Artikel und Rezensionen in niederländischen Zeitungen
(Berichterstatter u.a. für "Elseviers Weekblad"). Die Teilnahme am
Eichmann-Prozess verarbeitete er in der Reportage "Strafsache 40/61", die 1963
mit dem Vijverberg-Prijs ausgezeichnet wurde. Sein umfangreiches Werk umfasst
Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Studien, Reportagen,
Libretti und Drehbücher. Darin spielen der Zweite Weltkrieg und dessen Folge,
der Kalte Krieg, eine wichtige Rolle. Harry Mulisch erhielt zahlreiche
Literaturpreise, unter anderem den Niederländischen Staatspreis für
Literatur.
Harry Mulisch erlag am 30. Oktober 2010 im Alter von 83 Jahren in
Amsterdam einem Krebsleiden.
Ergänzende
Buchtipps:
"Siegfried. Eine schwarze Idylle"
Nach einer Lesung in
Wien spricht ein altes Paar den niederländischen Schriftsteller Rudolf Herter
an. Die beiden erzählen Unglaubliches. Hausangestellte waren sie, auf dem
Obersalzberg, Hitlers Refugium, und erzählen eine unglaubliche Geschichte: Hitler und Eva Braun
hatten einen Sohn, Siegfried, der im Untergang des Nazireiches sterben musste.
Herter ist wie besessen von dem Gehörten. Er greift zum Diktafon um die
Geschichte der monströsen Familie H. zu erzählen, und plötzlich liegt auch Eva
Brauns Tagebuch vor ihm. Ein spannender Roman, der nach der Ursache des Bösen
sucht.
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"Die Prozedur"
Die
Geschichte eines Mannes, dem es gelingt, wie Gott zu sein und toter Materie
Leben einzuhauchen. Viktor Werker, ein weltberühmter Chemiker, dem das Leben aus
der Retorte gelang, scheitert im Leben und in der Liebe: Seine Freundin Gretta
bringt ein totes Mädchen zur Welt und verlässt ihn, weil sie sich im Stich
gelassen fühlt. Und dann erhält er Morddrohungen. Geheimnisvoll, spannend,
raffiniert und unterhaltsam: Eine Geschichte von Leben und Tod, von Liebe und
Verrat; Kriminalroman und Liebesgeschichte zugleich, eine zauberhafte,
geistvolle und witzige Gratwanderung zwischen Vernunft und
Metaphysik.
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"Archibald Strohalm"
Eine große Entdeckung: Harry Mulischs
Debütroman. Der Angestellte Archibald Strohalm gibt sein unauffälliges bürgerliches
Leben auf, um dem missionierenden Puppenspieler, der ihn samstäglich mit seinen
Aufführungen nervt, zu zeigen wie es richtig geht. Als er am entscheidenden
Tag sein Stück aufführt, kommt es zur Katastrophe. Ein fantasievoller und genialischer
Künstlerroman.
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