Leseprobe aus "In die Stille gerettet" von Harry Popow


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 „Gorbi“ hilf …

 Der 6.10.89 – Gorbatschow kommt nach Berlin zu den Festlichkeiten anlässlich des 40. Jahrestages der DDR. Wie üblich, soll Spalier gestanden werden. Diesmal gehen die Bürger freiwillig zu Hunderttausenden mit Herzensfreude und großer Hoffnung auf die Straße. Den Fernsehmitarbeitern wurde ein Stellplatz in Schöneweide, in der Nähe des S-Bahnhofs, zugewiesen. Kurz bevor „Gorbi“ kommt trägt ein Jugendlicher ein Schild mit der Forderung nach einer Perestroika auch in der DDR. Er wird festgehalten, von der Straße gezerrt, auf dem Bürgersteig von Sicherheitsleuten umringt, befragt, abgeführt. Ein Kollege seiner Abteilung packt ebenfalls dienstbeflissen zu. Henry ist schockiert. Er schämt sich für seinen Genossen. Es ist um ihn herum eine fremde, eisige Welt geworden, und auch er steht ja bereits am Pranger. Was soll bloß werden?

Der letzte Nationalfeiertag der DDR, der 7.10.89. Schulze-Boysen-Straße. Die Luft brennt. Wenige hängen die rote Fahne und die DDR-Fahne noch hinaus. Am späten Nachmittag sitzen Cleo und Henry im Restaurant „Zu den Historischen Weinstuben“ im Nikolaiviertel. An Nebentischen Westjournalisten im lebhaften Disput verwickelt. Auf dem Alex muss es heute Prügelszenen seitens der Polizei gegeben haben. Es brodelt, man sitzt wie auf Kohlen, schließlich sind auch die Kinder der Orlows unterwegs. Es ist heute alles anders wie sonst. Statt Feierlichkeit – Umbruchstimmung, Aufbruch, aber wohin?

Erich Honecker muss von allen Ämtern zurücktreten. Statt seiner übernimmt Egon Krenz die Führung. Große Erleichterung. Wird nun vieles besser? Auch Henry hofft es. Doch um seine Parteistrafe kommt er nicht herum. Die alte Garde zieht ihre Fäden, wie gehabt. Versammelt hat sich die Grundorganisation der SED der Führung des Fernsehens. Vier Tage nach der Machtübernahme durch Krenz. Eine klare politische Haltung wird von ihm erwartet – zur Flucht seiner Tochter. Die hat er: Henry versteht diese als eine Abkehr von der DDR, vom Sozialismus. Aber was ist aus dem humanistischen Anliegen geworden? Fehlkalkulationen! Erstarrungen im System! Gerade deshalb begreift er die Gründe, weshalb es so viele junge Menschen hinaustreibt aus der Republik. Abgesehen davon, dass Tochter Patricia nur deshalb mit ihrem Freund wegging, weil sie ihn liebt. Das sagt er seinen Genossen. Konkret und selbstbewusst. Punktum und Schluss. Schweigen in der Runde. Die Parteisekretärin bricht es als erste: Der Genosse Orlow sei arrogant, keine Reue, keine innere Einkehr zeige er. Ein Mitarbeiter der Beratergruppe springt für Henry in die Bresche: Er sei stets klassenbewusst, leiste eine gute politische und fachliche Arbeit. Einige seiner unmittelbaren Mitstreiter sowie Brigitte, die gute Seele der Beratergruppe – sie verstehen ihn – das spürt er, aber sie stehen zwischen angeblicher Pflicht und Kür, zwischen Baum und Borke. Wieder Schweigen. Plötzlich ein Angriff aus der hintersten Reihe von einem Mann, den er nur vom Sehen her kennt: Ob es denn in der Orlow-Familie genügend Nestwärme für die abgehauene Tochter gegeben hätte …? Henry lächelt still in sich hinein, nimmt es dem anderen nicht übel, der kennt doch seine Familie gar nicht … Da gibt es nur eines, links liegen lassen, nicht reagieren. Parieren mußte er allerdings folgenden Hieb: Es ging um den Briefverkehr mit der geflüchteten Patricia. Leider klare Sache für den Vater – er darf als Mitarbeiter einer militärischen Beratergruppe keine Westkontakte haben. Doch seiner Frau und den Geschwistern – denen könne er diese nicht verbieten. Empörte Gegenfrage: Ob ihm denn nichts an seiner weiteren Karriere liege? Henry kontert: Nein, seine Familie liege ihm mehr am Herzen als eine „Karriere“, die er als Fünfzigjähriger ohnehin nicht mehr anpeile … Indessen heben sich nach der „Aussprache“ die Hände: Eine Rüge für Orlow! Doch das sollte noch nicht das letzte Wort sein …

Etwa vier Wochen später. Die gesellschaftlichen und politischen Turbulenzen überstürzen sich im Lande. Nichts geht mehr. Von der Opposition „abgestraft“ wird die einstige Führungsriege. Was ist da schon ein „Vergehen“ von Henry Orlow gegen die Machenschaften des Politbüros! Das Volk ist zutiefst verletzt und empört. Akten werden vernichtet, Lebensläufe vom politischen Beiwerk befreit. Grotesk: Henrys Parteistrafe wird gelöscht. Wieder heben nahezu alle Genossen ihre Hände – eine Gegenstimme!

27.10.1989 Arbeitsbesprechung in der Beratergruppe. Information über einen Brief von Krenz an die Parteiorganisationen. Der Chef interpretiert: Die oppositionellen Gruppen müßten sich artikulieren, wollen Sozialismus abschaffen, man müsse sie entlarven. Gefordert wird weitere Auseinandersetzung mit den westlichen Medien, besonders auch mit dem Deutschlandfunk, der gebe Anleitungen zur Konterrevolution. Die von den Künstlern der DDR geplante Demonstration am 4. November auf dem Alexanderplatz werde wahrscheinlich genehmigt. Falls Randalierer auftauchen, solle man Name und Adresse festhalten, Schulterschluß mit den bewaffneten
Kräften zeigen. Zur Wende: Sie komme spät, aber nicht zu spät. Demokratie schnell in vorhandene Formen bzw. fertige Strukturen gießen. Disproportionen in der Wirtschaft zu überwinden, das würde etwas länger dauern. Außerdem: Die Schuld für Versäumnisse müsse man auch in unserem System suchen, nicht nur beim Gegner. Im Übrigen: Keinerlei Schuldzuweisungen an Erich Honecker, kein Herfallen über Sicherheitsorgane, keine globale Schelte gegen Bürokratie. Nach dieser Information Diskussion: Ich melde mich zu Wort. Rede zur Gesellschaftsstrategie, zur Widerspruchsproblematik, zum Spaß am Verändern … Der Chef kontert: „Ich finde dabei gar keinen Spaß, daß es erst soweit kommen mußte, daß die Konterrevolution bei uns Einfluß gewinnen konnte.“ Da tritt mein vorgesetzter Oberst, der Realist, an meine Seite und sagt: „Henry hat doch Recht. Habe nichts Nachteiliges in seiner Diskussion gefunden. Heute ist mehr Toleranz gefragt.“ Der Chef stellt sich bockbeinig, schüttelt den Kopf. Er stelle den Antrag, Henry solle seinen Diskussionsbeitrag noch einmal wiederholen, um Klarheit zu gewinnen. Darauf mein Oberst: „Bin nicht dafür, schließlich geht es lediglich um eine Meinungsäußerung.“ Ich: „Nein, es gibt keine Wiederholung. Soll doch der Chef genauer formulieren, was er nicht verstanden hat, da könnten wir dann im nächsten Parteilehrjahr darüber reden und streiten.“ Der lehnt ab. Er ist unsicher geworden.

Großdemonstration am 4. November auf dem Alex. Die Truppe der Beratergruppe mit dabei. Henrys Notiz: Mein Oberst zuvor zu uns: „Marschiert ja hinter der richtigen Losung her.“ Aber dort auf dem Alex sind Massen von Leuten. Es waren 500 000 Menschen. Tausende Plakate. Einige meiner Kollegen tauchten gleich wieder unter in die U-Bahn. Das alles war ihnen zu heiß. Cleo und ich stehen dicht an der Tribüne. Zündende Reden mit Forderungen nach einer neuen Regierung, nach einer neuen Republik, nach Reformen. Umbruchstimmung! Ein besserer Sozialismus muss her! Eine nie wieder erlebte Begeisterung vereinte die Demonstranten. Wer noch scheu um sich schaute, sang nach wenigen Minuten laut die „Internationale“ mit. Rufe wie: „Stasi in die Produktion!“, „Wir sind das Volk!“ – hunderttausendstimmig! Über uns kreisen Flugzeuge. Cleo entdeckt am Bug Maschinengewehre, Henry dagegen gar nicht. „Was wollen die, etwa auf die Menschen schießen?“, fragt sie empört. Henry fühlt sich angehalten, vorsichtshalber nach der nächsten Deckung Ausschau zu halten. Aber der Demonstrationszug verläuft diszipliniert und friedlich. (...)


Harry Popow: "In die Stille gerettet"  
Engelsdorfer Verlag, 2010. 308 Seiten
Was treibt einen fast 60jährigen DDR-Bürger dazu – der den Krieg noch als Kind hat erleben müssen und der sich voller Überzeugung im DDR-Alltag einbrachte und die Wende heil überstand – mit seiner Frau in die Stille der schwedischen Wälder abzuhauen? Sechs Jahre nach der Deutschen Einheit? Niemand trieb sie, keiner wurde steckbrieflich gesucht, keiner verunglimpft … Träume einerseits und Unvereinbarkeiten mit neuen Zuständen andererseits? In der Einsamkeit einer kleinen schwedischen Waldsiedlung und im eigenen Holzhaus wühlt und kramt er in alten Aufzeichnungen, in Briefen und Erinnerungen, sammelt und hält fest, was ihn am großen Vorhaben fesselte, ein gänzlich anderes und neues Deutschland aufzubauen. Wie er sich in die Arbeit als Militär-Reporter der NVA stürzte, was ihn nicht kalt ließ und warum er geachtet aber auch – durch Leichtsinn und mitunter Eigenwillen – manche Kopfnuss einfing – damals in der Zeit der millionenfachen Aufbaumühen und der teils berechtigten Ängste vor neuen Gefahren für Staat und Macht… Erlebtes aus der Zeit der NVA und aus der Arbeit im Fernsehen der DDR wird so wieder lebendig, mündet immer wieder in der Frage, ob das Jetzige etwa das Nonplusultra sein soll. Der inzwischen 70jährige Henry gewinnt Abstand, lässt aber seine Visionen von einer menschlicheren Gesellschaft nicht im politischen Nebeldunst untergehen. Er lebt mit seiner Frau Cleo tolle neun Jahre in Schweden. „Du und ich – wir beide“, sagen sie sich auch nach fünfzig Jahren noch des innigen Zusammenseins. Und sie sind sich wie immer sofort einig: Wir kehren zurück. Zu den Kindern und Enkelkindern. Zu neuen und schönen Eindrücken, zu neuen Einsichten.
Geboren 1936 in Berlin, war Harry Popow nach Abschluss der Grundschule Berglehrling in Zwickau, arbeitete als Kollektor im Bereich der Geologie, dienste bis 1986 in der NVA als Ausbilder und Militärjournalist, erwarb im 5jährigen Fernstudium den Titel „Diplomjournalist“ und gab nach 32jähriger Dienstzeit bis zur Wende seine Erfahrungen als Berater im Fernsehen der DDR weiter. Von 1996 bis 2005 lebte er mit seiner Frau in Schweden und kehrte 2005 nach Deutschland zurück. Harry Popow ist seit 1961 glücklich verheiratet und hat drei Kinder und zwei Enkel.

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