Leo Rosten: "Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie"


Schon Ende der 1960er Jahre ist "Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie" entstanden. Nunmehr liegt dieses Buch endlich in deutscher Übersetzung vor. Das Beeindruckende daran ist, dass jeder Leser seine ganz persönliche Lesart finden wird, der sich mit diesem Buch beschäftigt. Es ist natürlich Unsinn, eine alphabetisch gehaltene Enzyklopädie von "Adonai" bis "zutschepenisch" durchzulesen, ohne eine Miene zu verziehen. Die vielen Querverweise ermöglichen die sprungweise Konfrontation mit verschiedensten Komponenten des Judentums, wobei die Sprache der Wegweiser durch den "Dschungel der Bedeutungen" ist.

Die Geschichte des "Jiddisch" ist sehr komplex und kann an dieser Stelle nur zart angedeutet werden. Es war zunächst das Deutsch der im Rheinland lebenden Juden, das sie in phonetischer Schreibweise mit hebräischen Buchstaben aufzeichneten. "Jiddisch" ist eine sogenannte "Alltagssprache", zum Unterschied zur "heiligen Sprache" Hebräisch. Umso bemerkenswerter ist, dass sich eine eigene Literatur herausgebildet hat. Isaac Bashevis Singer (1904-1991) erhielt 1978 den Nobelpreis für Literatur, was eine Anerkennung und Auszeichnung für ein großes Werk und die gesamte jiddische Literatur darstellte. Das Jiddische steht mit den Juden im Exil in enger Verbindung. Der Staat Israel lehnte das Jiddische lange Zeit absolut ab, wo schließlich Hebräisch zur offiziellen Landessprache erklärt wurde. Für viele Israelis ist Jiddisch eine entwürdigte Sprache, die Sprache des Exils und des Leidens, zusätzlich noch eng verwandt mit dem Deutschen (ca. 70 Prozent des Jiddischen sind dem Deutschen entlehnt), der Sprache der Nazis. Hebräisch war eine heilige Nationalsprache, aber Jiddisch die Sprache des Herzens und das Ergebnis tausendjähriger jüdischer Geschichte und Leiden.

Daraus kann fast gefolgert werden, dass Jiddisch ursprünglich eine Art "Geheimsprache" darstellte, die von den Peinigern der Juden nicht verstanden werden konnte. Es existierte insbesondere in Europa, den Vereinigten Staaten und Lateinamerika eine blühende jiddische Theaterkultur. Das goldene Zeitalter der jiddischen Literatur mit zahllosen Romanen, Erzählungen, Theaterstücken, Essays und journalistischen Arbeiten begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts und erreichte seinen Höhepunkt in den Zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Hitlers unfassbare Grausamkeit hat dies für immer verändert. Mehr als die Hälfte der jiddisch sprechenden Juden wurde von den Nazis ermordet. Glücklicherweise gibt es auch heute noch kleine Theater, wo jiddische Stücke aufgeführt werden. So etwa in Berlin im Hackeschen Hoftheater. Im Herbst 2000 hatte ich das Vergnügen, mir ebendort ein wunderbares Stück Jiddisches Liedtheater anzusehen. Wer einmal in Berlin weilen sollte, dem empfehle ich auf alle Fälle, den Besuch dieses Theaters in die Pläne einzubauen. Besonders jiddische Lieder haben einen Reiz, dem sich kaum ein Hörer entziehen kann.

"Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie" ist ein unverzichtbares Nachschlagwerk, das jiddische Wörter, jüdische Geschichte, Folklore und Witz mit einer lockeren Einführung in die Grundelemente des Judaismus verbindet und uns auf diese Weise mit einer Welt vertraut macht, die uns fast verloren gegangen wäre. Jeder Leser, der sich auf die Reise macht, wird sich wundern, was ihn alles erwartet ...

Leo Rosten wurde 1908 in Lodz geboren. Er wuchs in einem Arbeiterviertel in Chicago auf. Seine "Hyman Kaplan"-Romane beruhen auf Personen aus dieser Umgebung. Keines seiner Bücher hatte eine solche Wirkung wie die "Joys auf Yiddish", die nunmehr endlich auch auf Deutsch erscheinen. Leo Rosten starb am 19. Februar 1997.

  (Jürgen Heimlich; 12/2002))


Leo Rosten: "Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie"
Übersetzt und bearbeitet von Lutz-W. Wolff.
dtv, 2002. 540 Seiten. 
ISBN 3-423-24327-9.
ca. EUR 25,-.
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Das Jiddische ist im Internet weitläufig vertreten.
Derzeit existieren mindestens 11000 Websites,
die sich mit dieser Sprache beschäftigen.
Einige seien dem Leser empfohlen:

http://www.derbay.org/
(begründet im Jahre 1991 von "Fischl" Kutner,
mit vielen nützlichen Hinweisen auf jiddische Quellen)

http://www.uyip.org/
(für Neulinge sehr geeignet!)

www.library.upenn.edu/friends/freed
(mit Audio- und Videobeispielen!)