David Servan-Schreiber: "Die neue Medizin der Emotionen"

Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente


Der Neurologe und Psychiater David Servan-Schreiber hat sich immer schon mit jenen Menschen beschäftigt, die die besondere Begabung haben, Widriges an sich abprallen zu lassen und ihrem Leben einen Sinn zu geben. Auf der Suche danach wie sich dieser Zustand erreichen lässt, stellt er sieben Ansätze vor, nach denen er auch in seiner Praxis vorgeht. Diese bereits wissenschaftlich überprüften Methoden nutzen die Mechanismen der Selbstheilung, die im Geist und im menschlichen Gehirn angelegt sind. Das vorliegende Buch legt die Grundlagen einer neuen "Medizin der Emotionen" offen und wirft die Frage auf, warum derartige Methoden noch immer nicht zu den Standards der westlichen Medizin gehören.

Im Gegenteil - heute ist der Reflex der praktizierenden Ärzte, zum Rezeptblock zu greifen, bereits so groß, dass nahezu jede Patientin, die bei ihrem Arzt in Tränen ausbricht, Antidepressiva verschrieben bekommt.
Dr. Servan-Schreiber beschreitet neue Wege und zeigt, wie Stress, Angst und
Depressionen auch ohne Medikamente und jahrelange Psychotherapie heilbar sind. Seine vorgeschlagenen Behandlungsmethoden wenden sich unmittelbar an das emotionale Gehirn, das eher über den Körper als über das Denken reagiert.

Eine wichtige Rolle in seinen Überlegungen spielt die Emotionale Intelligenz, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Im Gegensatz zum IQ, der sich im Verlauf eines Lebens kaum höher entwickelt, kann man die emotionale Intelligenz in jedem Alter pflegen und weiterentwickeln. Es ist nie zu spät zu lernen, wie man besser mit seinen Gefühlen und mit seiner Beziehung zu den Mitmenschen umgeht und dadurch gesünder und lebensfroher wird.
Bei vielen Erwachsenen tritt eine Unfähigkeit klar zwischen verschiedenen Gefühlszuständen zu unterscheiden relativ häufig zu Tage. So wurde sie auch bei Ärzten in einem amerikanischen Krankenhaus festgestellt, die unter ihren schier endlosen Arbeitstagen litten. Doch wenn ihr Körper ihnen signalisierte "Ich brauche eine Pause und ein wenig Schlaf", dann hörten sie nur "Ich brauche" und reagierten auf diesen Wunsch mit dem Einzigen, das sofort verfügbar ist: dem Fastfood. In einer solchen Situation emotionale Intelligenz an den Tag zu legen würde bedeuten nachzudenken, den jeweiligen Zustand zu identifizieren und dementsprechend zu handeln. In dieser Situation zu essen wäre denkbar schlecht; sogar eine zusätzliche Belastung für den Organismus. Schlussfolgerung daraus: Diejenigen, die gelernt haben, mit Stress umzugehen, haben normalerweise keine Gewichtsprobleme, denn sie haben auch gelernt, auf ihren Körper zu hören, ihre Gefühle zu erkennen und intelligent darauf zu reagieren.
Die von Dr. Servan-Schreiber vorgestellten Methoden um einerseits die emotionale Intelligenz zu fördern und andererseits Stress, Angst und Depressionen in den Griff zu kommen, sind auch für den Laien gut nachvollziehbar. Hier geht es um ganzheitliche Heilungsansätze wie Herstellung der Kohärenz im täglichen Leben, Selbstheilung nach traumatischen Erfahrungen durch neuro-emotionale Integration durch Augenbewegungen, Lichtenergie, Steuerung des Qi, Ernährung und Formen emotionaler Kommunikation.

Das Buch hat mich begeistert und war für mich genauso spannend zu lesen wie ein Krimi. Alleine sich bewusst zu werden, dass es auf der einen Seite ein kognitives Gehirn gibt - bewusst, rational und der Außenwelt zugewandt -, andererseits ein emotionales Gehirn vorhanden ist - unbewusst, aufs Überleben bedacht und vor allem: in engem Kontakt mit dem Körper - verursacht Neugier und lässt den Leser immer tiefer in die Materie eintauchen.
Untersuchungen belegen, dass negative Gefühle wie Zorn, Angst, Traurigkeit und alltägliche Sorgen starke Pulsschwankungen auslösen und unseren Körper ins Chaos stürzen. Umgekehrt können positive Gefühle wie Freude, Dankbarkeit und vor allem Liebe Kohärenz fördern. Derart drastisch vor Augen geführt, fühlt sich der Leser geradezu verpflichtet, über den eigenen Umgang mit Emotionen nachzudenken, und der Schluss, den der Autor daraus zieht, erscheint in diesem Licht wahrhaft nachahmenswert: Statt ständig zu versuchen, ideale äußere Bedingungen herzustellen, sollte man sich darauf konzentrieren das Innenleben unter Kontrolle zu bringen.

(Margarete; 05/2004)


David Servan-Schreiber: "Die neue Medizin der Emotionen"
Aus dem Französischen von Inge Leipold und Ursel Schäfer.
Kunstmann, 2004. 320 Seiten.
ISBN 3-88897-353-8.
ca. EUR 22,-. Buch bestellen

Nach dem Studium der Medizin und Psychiatrie hat David Servan-Schreiber mehr als zehn Jahre lang in Amerika Grundlagenforschung in neurokognitiven Wissenschaften betrieben, bevor er sich wieder der psychiatrischen Praxis zuwandte. An der Universität von Pittsburgh, wo er bei dem Nobelpreisträger Herbert Simon promovierte, hat er das renommierte Center for Complementary Medicine mitbegründet. Servan-Schreiber, in den USA Mitbegründer von "Ärzte ohne Grenzen", lebt und arbeitet teils in Paris, teils in den USA.