Egon Bondy: "Hatto"


Der Protest des Philosophen

Egon Bondy gehört zu den markantesten Figuren der tschechischen Nachkriegsliteratur: der Sohn eines Generals wird 1930 unter dem Namen Zbyněk Fišer geboren - das Pseudonym wählte er aus Protest gegen den Antisemitismus in der sowjetischen und tschechoslowakischen Politik der frühen 50er-Jahre. Dies war nicht sein einziger Akt des Widerstandes; sein ganzes Leben prägten die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts.

Ist denn Gott gezwungen zu sein?
Warum ist er denn gezwungen zu sein?
Alles, was es gibt, ist gezwungen zu sein, so ist auch Gott, wenn es ihn gibt, zum Sein gezwungen und es ist ihm unmöglich, nicht zu sein. Und selbst wenn er nicht gezwungen wäre zu erschaffen, so ist er gezwungen, auch ohne Schöpfung zu sein.
Er ist allein, allein unter der Peitsche der Notwendigkeit, gezwungen, sein zu müssen.
Warum würde er sonst sein, wenn es ihm möglich wäre, nicht zu sein?
[...]
Das Ende ist leer.
"Bier!" (Aus dem Buch)

Nach Jahren des Lebens am Rande der Gesellschaft in den 50ern, dem Studium der Philosophie und Psychologie und kurzer Erwerbstätigkeit als Nachtwächter im Nationalmuseum und ebenso kurzlebiger Schaffensphase als offiziell anerkannter Schriftsteller, kehrte er nach dem Ende des Prager Frühlings in den Untergrund zurück. Die Skepsis an den weltanschaulichen Vorgaben des Regimes blieb sein Hauptmotiv im reichhaltigen, vor allem lyrischen Schaffen. Aus seiner Perspektive des Samizdat-Dichters verstärkte sich der Nonkonformismus - bis hin zur Emigration aus seiner Geburtsstadt Prag nach Pressburg, wo er im April 2007 starb.

Mit seinem Protagonisten, der historisch belegten Figur des sächsischen Mönches Hatto, verbindet Bondy die Gelehrsamkeit, die innere Unruhe und den Widerstandsgeist auf der Suche nach einem persönlichen, unbeeinflussten Lebensweg. Hatto, der um das Jahr 900 die ungelöste Thronfolge der Karolinger, nur an persönlicher Macht und Vergnügen interessierte Päpste und die Angriffe der Mauren auf das südliche Italien erlebt, schreibt seinem Abt lange Briefe über seine ausgedehnten Reisen durch Europa und mehr noch über seine persönlichen Erkenntnisse. Angesichts des Elends, der allgegenwärtigen Gewalt und der Endzeitstimmung dieser mittelalterlichen Epoche stellt Hatto die Seinsfrage, fragt nach dem Warum und gerät auf seiner philosophischen Suche nach akzeptablen Antworten an den Rand der Gottesleugnung.

Doch Autor Bondy und - am Ende dieses Entwicklungsromans - auch Hatto wissen, dass der Atheismus auf die drängenden Fragen der Zeit keine Antwort geben kann, ohne dass diese Erkenntnis in ihrer Umkehrung ein Gottesbeweis wäre. Bewiesen wird nur, dass lediglich die Freiheit des Denkens und Glaubens und vor allem die Freiheit, eine eigene Meinung zu haben und diese auch äußern zu dürfen, menschliches Leid lindern kann.

Bondy hebt in seinem Roman den mehr als eintausend Jahre älteren Hatto aus der Vergangenheit in die Zeitlosigkeit der Geisteswelt. Das Nachdenken über die Grundfragen des Lebens gibt der Philosophie einen Sinn, nicht aber der Philosophie als akademischer Disziplin, sondern als persönlichem Entwicklungsprozess.

Dennoch, oder vielleicht eben deshalb, ist dieses Buch über den Dialog zwischen Theologie und Atheismus schwierig. Es fehlt an Handlung und Spannung; Reflexionen und meditative Passagen aus einem meist düsteren mönchischen Leben machen auch die Lektüre von nur 177 Seiten zu einer echten Herausforderung.

(Wolfgang Moser; 11/2007)


Egon Bondy: "Hatto"
Aus dem Tschechischen von Mira Sonnenschein.
Elfenbein Verlag, 2007. 180 Seiten.
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Egon Bondy (20. Jänner 1930- 9. April 2007), mit bürgerlichem Namen Zbyněk Fišer, ist das wohl legendärste Autorpseudonym aus dem tschechoslowakischen Untergrund der 1970er Jahre. Trotz seines umfangreichen literarischen Werkes existierte er bis 1990 aber "offiziell" lediglich als eine Gestalt in Bohumil Hrabals Erzählungen. Bereits in den 1950er Jahren lebte der antidogmatische marxistische Denker am Rande der Illegalität. In diese Zeit fällt auch seine stürmische Beziehung zu der Tochter Milena Jesenskás - Jana Krejcarová. Bondy verschrieb sich schon bald dem "totalen Realismus", einer auch von Hrabal mitgetragenen künstlerischen Richtung. Das Pseudonym "Egon Bondy" wählte er aus Protest gegen den im sowjetischen Einflussgebiet auflebenden Antisemitismus. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings konnte Bondy, der Philosophie und Psychologie studiert hatte, nur noch im Untergrund veröffentlichen: Vertonungen seiner Gedichte sangen die Mitglieder der Gruppe "The Plastic People of the Universe", deren spätere Verhaftung den Anstoß zur Gründung der "Charta 77" gab. Egon Bondy lebte seit Anfang der 1990er Jahre bis zu seinem Tod in Bratislava, seinem selbstgewählten slowakischen "Exil". Zu seinem Werk zählen auch umfangreiche philosophische Schriften.

Lien zu Alban Nikolai Herbsts Text "WIE ICH BEINAHE MIT EGON BONDY GESPROCHEN HÄTTE":
https://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/3560819/

Ein weiteres Buch von Egon Bondy:

"Die invaliden Geschwister"

Egon Bondys utopischer Roman "Invalidní sorouzenci" (1974) spielt in einer düsteren Zukunft im Jahr 2600. Auf dem letzten Stück Festland, das von einer langsam ansteigenden Brühe aus Abfällen vorangegangener Generationen umgeben ist, leben neben den "Offizieren", den "Heimgesuchten" und den "ordentlichen Bürgern" die sogenannten "Invaliden", denen das Bewusstsein für ihre eigene Geschichte abhanden gekommen ist und die sich nun auf die Suche nach einem Paradies in vorzivilisatorischem Zustand machen. (Elfenbein Verlag)
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Leseprobe:

Der Erzbischof begann nun damit, die wertvollen Gaben zu zeigen, die er kürzlich von den Herzögen erhalten hatte, weil sie seine Unterstützung bei der Forchheimer Wahl suchten: Goldenes und silbernes Geschirr, kostbare Stoffe und seltene Pelze, aber auch Kuriositäten und wertvolle Nichtigkeiten wie die Federn eines Pfaus oder der Schwanz eines Basilisken befanden sich darunter ebenso wie eine antike Karte mit der Darstellung der Erde. Der Erzbischof entfaltete die Rolle, um sie sodann voller Stolz als ein Geschenk der Gesandtschaft des westfränkischen Königs zu präsentieren. Er betonte, sie sei wahrhaftig römischen Ursprungs, da hier, wie er erklärte, Jerusalem entgegen der Wahrheit nicht in der Mitte der Welt dargestellt worden war. (Tatsächlich handelte es sich, obgleich die Karte schon einige Jahrhunderte alt sein musste, um eine von einem ungelehrten Mönch angefertigte Kopie späteren Datums.) Für alle erkennbar war Jerusalem nachträglich in den asiatischen Teil eingezeichnet worden. Lesen konnten die Karte allerdings nur der Erzbischof, Salomon und Hatto. Die drei beugten sich also über das äußerst seltene Werk. Keiner von ihnen hatte eine solche Karte öfter als ein-, zweimal zu Gesicht bekommen. Zuerst konnte Hatto die Umrisse Italiens, dann aber auch schon leicht die des Mittelmeers erkennen. Oberhalb im Süden Afrika, unten der Norden mit Gallien und Germanien und noch etwas tiefer die skandische und die englische Insel. Ganz unten jenes Ultima Thule, ein häufiger Gegenstand seiner Überlegungen. Links im Osten zog sich das Festland bis zum Land der Serren hin. Im Westen endete es mit einigen Halbinseln im Ozean. Auch die größten Gebirgsketten und Flüsse waren auf der Karte eingezeichnet. Doch Hatto benötigte eine Weile, bis er erkannte, wo das eigene Land zu finden war. Der Erzbischof, der bereits einige Zeit dem Studium der Karte gewidmet hatte, deutete den geschätzten Gästen mit seinem Finger die entsprechenden Umrisse an. Da - und da - und hier. Hier leben schon die Sarazenen und von hier aus ziehen die Heiden los. Hatto betrachtete das Pergament mit größter Aufmerksamkeit. Es war ein sehr seltsames Gefühl, alles auf einer so kleinen Fläche, auf der eine so große Stadt wie Mainz gar nicht auffiel, aufgezeichnet zu sehen. Er folgte konzentriert dem Finger des Erzbischofs, ja er forderte ihn auf, alles noch einmal zu zeigen ...

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