Karel Poláček: "Die Bezirksstadt"


Humoristisches Kleinod über eine nordböhmische Kleinstadt im letzten Friedensjahr der Monarchie

Gut zwei Jahrzehnte lang war Karel Poláček (1892-1945) als Schriftsteller, Journalist und regelmäßiger Besucher der freitäglichen Zusammenkünfte bei den Čapek-Brüdern fester Bestandteil des Prager Literaturlebens, in seiner Lebenszeit erfreute sich sein Fußballroman "Männer im Abseits" (1931) der größten Beliebtheit (inklusive sofortiger Verfilmung), in der heutigen Tschechischen Republik schätzt man, wie in dem Nachwort zu erfahren, besonders sein spätes, erst posthum erschienenes Buch (bzw. dessen Verfilmung) "Wir fünf und Jumbo", während es sich bei dem 1934 erschienenen Roman "Die Bezirksstadt" um das Werk handelt, welchem nicht nur nach Einschätzung des Übersetzers Antonín Brousek die größte literarische Qualität zukommt.

Antonín Brousek, dank dem dieses humoristische Kleinod auch in deutscher Sprache vorliegt, lebte von 1941 bis 2013 und war unter anderem als Dichter, Dozent, Kritiker und Vermittler tschechischer Literatur im deutschsprachigen Raum tätig. Zu der vorliegenden Ausgabe hat er auch ein ausführliches und kluges Nachwort verfasst, an seiner Übersetzung soll einzig die gnadenlos wiederkehrende Verwendung (nicht die gnadenlose Wiederkehr, denn exzessive Wiederholung ist ein wesentliches Stilmerkmal von "Die Bezirksstadt", sondern die Verwendung überhaupt) des Zeitworts "brabbeln" (warum nicht "murmeln"?) beanstandet werden.

Im Nachwort erfährt man unter anderem auch, was man nach der Romanlektüre möglicherweise schon ahnte, dass Karel Poláček sich besonders für dauerhafte Erscheinungen interessierte und ihm sein Schriftstellerethos gebot, nur über Dinge zu schreiben, die er gut kannte. Seine Bezirksstadt nun kannte er ganz hervorragend, hatte er doch darin, oder vielmehr in ihrer Vorlage, der etwa dreißig Kilometer östlich von Königgrätz ("Hradec Králové") gelegenen Kleinstadt Rychnov nad Kněžnou ("Reichenau an der Knieschna"), seine Kindheit verbracht, in einem ebensolchen am Hauptplatz gelegenen dickbäuchigen, einstöckigen Kaufmannshaus wie dem, in welchem die Štědrýs, die zentrale Familie des Romans, wohnen.

Fünfköpfig ist diese Familie und besteht aus dem patriarchalen Vater, der seine altmodischen Ansichten, sofern es die Bedingungen gestatten, ohne Gegenrede durchsetzt (beispielsweise die Empfehlung eines Lehrers, seinen Ältesten in eine höhere technische Schule zu geben, verwirft), seiner zweiten Frau und Stiefmutter der Kinder, die durch ein Übermaß an Devotheit und Betulichkeit glänzt und ihm vor dem Einschlafen, nachdem meist einer des anderen Sorgen beschwichtigt hat, noch den Rücken kratzen muss, und den drei Söhnen: Viktor ist Arbeiter im örtlichen Elektrizitätswerk, interessiert sich für Technik und liebt Bier, Weib, Ziehharmonikaspiel, Kamil, der eitle Zweitgeborene, möchte in der Branche des Vaters Karriere machen, Jaroslav, der Jüngste, ist Student, schüchtern und sensibel, melancholisch und unentschlossen und sozusagen das einzige unbeschriebene Blatt Papier in dem Buch.

Weitere wichtige Einwohner (neben einigen weit wichtigeren, diese prägenden Gebäuden) wären: Herr Raboch, der heimtückische Nachbar mit den bösartig blinzelnden Äuglein, der auflebt, wenn es anderen schlecht geht, Chleboun, ein ständig durch die Stadt streifender, dabei so manches registrierender, nach seinem regelmäßigen Gang durch ein Viertel immer ganz von Kaffee und Suppe aufgeschwemmter Bettler, Herr Octavec, Buchhändler und Bürgermeister, Dr. Fábera, der Abgeordnete des Wahlkreises und Meister süßer Rede, der Verwalter Wagenknecht, Schrecken des Bettlervolkes und auch sonst kein Menschenfreund, ein junger, immer von irgendetwas begeisterter und von modernen Ideen entflammter Lehrer, ein melancholischer, mit einigem Komödiantentalent ausgestatteter Friseur, ein sich für den Geschmack der Städter viel zu jugendlich gebender Professor, der Apotheker, der einen Raum seines Geschäfts für regelmäßige, likörgetränkte Herrenzusammenkünfte zur Verfügung stellt, ein antisemitischer frühpensionierter Postmeister und der Spediteur Wachtl, ein sich betont tschechisch gebender angepasster Jude.
Jüdisch ist vermutlich auch die Familie Štědrý, doch war es Poláček darum zu tun, dies als etwas Unwesentliches darzustellen, weshalb es lediglich angedeutet wird, indem der Vater beispielsweise Kamil befiehlt, sich seine Koteletten entfernen zu lassen, und dafür den Ausdruck "Pejes" verwendet, oder wenn die Rede von einer möglichen Schwiegertochter namens Weinsteinová ist. Die Kritik des Schriftstellers an des Spediteurs Überangepasstheit ist subtil, jene am Typus des pensionierten Postmeisters sehr deutlich, dabei aber nicht unelegant, z. B.: "Gerade wollte er anfangen, über die Juden zu sprechen, denn sein Gesicht war ganz entstellt." (S. 283)

Manches erfährt man im Laufe der Handlung über Aufregungen, Freuden und Leiden der Bezirksstadtbewohner (vor allem der Familie Štědrý), weit mehr allerdings von ihrem Alltag und ihren üblichen Festivitäten (und der allerersten Kinematografenvorführung), denn Poláček wollte mit seinem Roman nicht zuletzt ein Abbild der damaligen, zur Zeit der Niederschrift längst vergangenen Welt schaffen, wozu er sie in dem letzten ihr vergönnten Jahreszyklus wiederauferstehen lässt - der Roman setzt im Sommer 1913 ein und endet (wie die ganze en miniature beschriebene Epoche) am 28. Juni 1914 - die Komödienaufführung eines Laientheaters wird wegen der Nachricht des Attentats von Sarajewo jäh abgebrochen und eine unheilvolle Stimmung macht sich breit.

In diesem letzten Friedensjahr der Monarchie führt uns der Autor eine sich selbst genügende, stark hierarchische Gesellschaft, in der jeder seinen angestammten Platz hat und sein Auslangen findet, vor Augen, mit der kalten Schattenseite allerdings, dass bereits geringfügige Übertretungen gravierende Folgen haben können, mindestens schlechte Nachrede garantieren. Nach Prag geflüchtete Frauen werden aus dem Gedächtnis gestrichen, Rückkehrer wie der ehemalige Weltreisende und Bierbrauer Vokoun alias Abdul Hamid wie Dorftrottel behandelt. Die Städter mögen zwar stolz auf ihr neues zweistöckiges Amtsgebäude oder den prächtigen Rathausturm oder darauf sein, dass nicht einmal in der Hauptstadt so viel los ist wie bei ihnen (wie sie allen Ernstes zu glauben scheinen), doch mehr noch auf die Selbstverständlichkeit ihrer festen, wie aus fernen Jahrhunderten gekommenen Rituale und Traditionen, wofür nur die städtische Promenade angeführt sei, bei der auf der Nordseite des Platzes die Honoratioren, Beamte und Akademiker einherschreiten, auf der gegenüberliegenden Angestellte, Handwerker, Arbeiter, Studenten lustwandeln, und sich über die gepflasterte Diagonale die Israeliten wiegen.

Ein besonderes Anliegen war es Poláček in "Die Bezirksstadt", das, was er als deterministisches Kollektiv bezeichnet, herauszuarbeiten. Er nimmt nämlich nicht nur präzise die kleinen menschlichen Schwächen und allzustarren gesellschaftlichen Strukturen aufs Korn, setzt letztere vielmehr absolut, spitzt sie zu einer regelrechten Unausweichlichkeit zu. Ein jeder denkt und fühlt ausschließlich, wie es sich für einen Vertreter seines Standes, seines Berufes gehört, und bei der gesprochenen Sprache der Romanfiguren wird diese Karikaturenhaftigkeit noch stärker betont: so etwas wie auch nur den Ansatz eines echten Diskurses sucht man in dem Roman vergeblich, es regiert die reine, die eigene Stellung und feste Ordnung der Dinge unterstützende Frasenhaftigkeit. Floskeln, Parolen und schöne Worte überall, Viktor und Kamil wiederum unterhalten sich miteinander fast ausschließlich durch Zitate aus einem Roman von Jules Verne, den sie offenbar auswendig kennen. Die einzige Abweichung gestattet sich der Autor mit dem Studenten Jaroslav und dessen Scheu vor den höheren Dimensionen der Sprache, Jaroslavs (und möglicherweise Karels) Widerwillen, Worte, die er nicht meint, nur weil sie erwartet werden, in den Mund zu nehmen, mit dem Ergebnis freilich, dass er meistens gar nichts sagt. Diese Ehrfurcht vor Sprache einerseits, die Abbildung der von einem statischen Weltbild begünstigten Angewohnheit, durch viele Frasen eigentlich nichts zu sagen, rückt Poláček in dieser Hinsicht in die besondere Nähe Joseph Roths, die zartbittere Grundierung seiner humorvollen Beschreibungen der kleinen, selbstverschuldet kläglichen Leute lässt an Anton Tschechow denken, seine Behandlung des Generationenkonflikts an "Väter und Söhne" und, naja, das seltsame Gesamtkonzept riecht auch ein wenig nach sozialistischem Realismus.

Dass der Roman nicht den großen Erfolg, den er verdiente, einfahren konnte, liegt wohl an dieser speziellen, zwar originellen, aber auf einen nicht so recht überzeugenden ästhetischen Entwurf zurückgehenden Mischung. Uneingeschränkt zu genießen ist indes der in bester tschechischer Tradition stehende Humor des Autors, sei es in etwas längeren satirischen Passagen wie der tragikomischen Geschichte eines alten, angesichts seiner braven Dienste mit einer Plakette ("Wenn die mir lieber Geld für Bier gegeben hätten.") ausgezeichneten Arbeiters, der sich nach der zeremoniellen Qual in einem Bierlokal stärken möchte und dabei vergisst, dass er einen Teil seines Geldes als Kaution für den ausgeliehenen Anzug (in welchem er übrigens wie eine Sau im Sack aussieht) hinterlegt hat, sei es in einzelnen treffenden Bildern und Vergleichen,
"Er blickte auf die aufgehäuften Leckerbissen wie ein Raubfisch, der im Wasser steht und, mit seinen Flossen wedelnd, seinen gierigen Blick auf ein Opfer geworfen hat." (S. 30)
"Herr Pecián näherte sich und bemächtigte sich seiner Verlobten mit einem Ausdruck, als nehme er sie fest." (S. 80)
"Er tanzte nur unwillig, als würde er in seinem Büro um den Schreibtisch laufen." (S. 308)
"Die Dörfler standen unbeweglich da wie eine Gänseschar, die einer davonfahrenden Kutsche hinterherschaut." (S. 315)
oder seien es ans Absurde streifende Stellen, wo sich die alte Ordnung gleichsam selbst parodiert: "Interessieren kannst du dich, wofür du willst", sagte der Vater versöhnlich, "wenn du nur auf deinem Platz hocken bleibst. Schau mich einmal an. Ich interessiere mich für alles auf der Welt und rühre mich nicht von der Stelle." (S.132)

(fritz; 06/2019)


Karel Poláček: "Die Bezirksstadt"
(Originaltitel "Okresní mesto")
Übersetzt und herausgegeben von Antonín Brousek.
Reclam, 2018. 384 Seiten.
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Karel Poláček wurde am 22. März 1892 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns im böhmischen Reichenau geboren. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft war er zunächst als Beamter tätig. In den 1920er-Jahren erhielt er durch Karel Čapek Zugang zu Prager Schriftstellerkreisen und arbeitete seither als Journalist. Er war Verfasser zahlreicher Romane. 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert, im Jänner 1945 kam er auf einem Todesmarsch nach Gleiwitz ums Leben.

Weitere Bücher des Autors:

"Wir fünf und Jumbo"

Karel Poláčeks letzter Roman. (DVA)
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"Männer im Abseits"
Emanuel ist 25, ein aufbrausender, aber gutherziger Tunichtgut und - fußballbegeistert! Mit seinem Vater teilt er eine winzige Wohnung, ein winziges Bett und die Liebe zu "Viktoria Žižkov". Seine Zeit verbringt er daher meist auf den Zuschauerrängen der Prager Fußballplätze, um seiner Mannschaft beizustehen oder Anhängern anderer Clubs gehörig die Meinung zu sagen. Doch selbst jemand wie er muss lernen, Verantwortung zu übernehmen und eventuell sogar eine Familie gründen ...
Eine leichtherzige, ironische Erzählung voller verschrobener Charaktere und eine humorvolle Darstellung des Lebens der "einfachen Leute" im Prag der 1930er-Jahre.
Karel Poláček zeichnet sich aus durch die Darstellung der Probleme und Schwächen der einfachen Menschen im tschechisch-jüdischen Stadtmilieu, wie auch die satirische Kritik von kleinbürgerlichem, engstirnigem Spießertum und gehobenen Schichten gleichermaßen. Seine Werke wurden mehrmals verfilmt. (Mitteldeutscher Verlag)
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