Hugo Claus: "Der Kummer von Belgien"


Grandioser Bildungsroman nebst einem ungeschminkten Porträt der flämischen Gesellschaft von 1939 bis in die frühe Nachkriegszeit

Vielen gilt er als der beste Schriftsteller flämischer Zunge, und da zumindest sein Roman "Der Kummer von Belgien" in der Tat geradezu nach einem Superlativ verlangt, sei gleich mit der starken Vermutung nachgelegt, dass es sich bei "Het verdriet van Belgie", wie der Originaltitel lautet, um eines der besten Bücher überhaupt handelt, die bislang in niederländischer Sprache geschrieben worden sind.
Hugo Claus (1929-2008) erzählt in dem 1983 erschienenen Roman von seinem eigenen Werdegang in Gestalt seines alter ego, des kleinen, dann nicht mehr ganz so kleinen Louis Seynaeve vom etwa Zehnjährigen zum jungen Mann (daneben unvermeidlich und ausführlich genug und reichlich offen von dessen Familie, Umfeld, Lebenswelt) und schreibt parallel dazu in ähnlich konzentrischen Kreisen die Geschichte seines Ortes, Flanderns, Belgiens und Europas im selben Zeitraum, von Anfang 1939 nämlich bis in die frühe Nachkriegszeit. Verdrießlich gestaltet sich diese Lektüre auf keiner der gut 800 Seiten, wozu die Vielfalt und stimmige Anwendung der künstlerischen Ausdrucksmittel ebenso beiträgt wie die Schonungslosigkeit des Erzählten und die faszinierende Komplexität, mit welcher der junge Held gezeichnet ist. Wenn Louis auf Seite 718 die erste Textfassung verbrennt und mit dem Anfangssatz des wirklichen Romans (bzw. vermutlich dessen ersten Teils) von vorne beginnt, diesmal in dritter Person, veranschaulicht dies den weiten Weg, die große Anstrengung und zu gewinnende Distanz, derer Hugo Claus bedurfte, um dem so schwierigen, abgründigen Charakter, der er in seiner Kindheit gewesen sein muss, literarisch beizukommen, ihn zwar die ganze Geschichte aus seinem damaligen Blickwinkel erzählen, ihm durch seinen gereiften Blick als Schriftsteller aber eine wenigstens sprachliche Erlösung zuteilwerden zu lassen, ein unerlöster persönlicher (und womöglich auch historischer) Rest scheint freilich übrigzubleiben.

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Der erste, "Der Kummer", ist wiederum in siebenundzwanzig kürzere Kapitel mit Überschriften, die auf besondere Ereignisse und bestimmte Schwestern in dem Nonnenkloster Haarbeke, in dem Louis bis ins Jahr 1939 (und, geht man nach der Biografie des Autors, seit seinem fünften Lebensjahr) untergebracht ist, sowie auf verschiedene wichtige Verwandte, mit denen Louis in den Ferien Kontakt hat, Bezug nimmt, eingeteilt. Um einen ganz kurzen Überblick über diese Verwandtschaft zu geben - väterlicherseits haben wir das unumstrittene Familienoberhaupt, den Großvater, Geschäftsmann und Monopolist für Schulwarenartikel in Westflandern, der nicht nur wegen seiner Eigenschaft als Louis' Taufpate das ganze Buch hindurch fast durchgehend als "der Pate" bezeichnet wird, seine Bomama genannte Frau und sechs Kinder: Staf, den Ältesten, Louis' Vater und Besitzer einer Druckerei (wieder eine autobiografische Entsprechung), Onkel Robert (erst Angestellter, kann er bald mit Zuschüssen des Paten seinen Traumberuf, Fleischhauer zu werden, verwirklichen, und findet sogar eine Frau), Onkel Florent (Fußballtormann bei einem zweitklassigen Verein und anglofil), Tante Mona (geschieden und Liebling des Paten), Tante Nora (eine Freundin "gepfefferter" Lektüre, übrigens nicht die Einzige mit solchem Geschmack) und Tante Hélène, die bei den Eltern lebt. Mütterlicherseits lernen wir die Großmutter Meerke, die bei ihr lebende Tante Violet (eine schwer übergewichtige Lehrerin), Louis' Mutter Constance, Tante Berenice (mit dem bulgarischen Juden Firmin verheiratet), Onkel Armand (Hallodri und Liebling von Meerke) und Onkel Omer (der sich freiwillig für den Kampf im Osten unter Oberkommando der Deutschen Wehrmacht melden wird) kennen. Während die Tanten mütterlicherseits sich für Klatschgeschichten aus dem Belgischen Königshaus erwärmen, interessieren sich die Onkel zumindest oberflächlich mehr für die Politik, was Ende der Dreißigerjahre ebensowenig verwundert wie eine gewisse Grundsympathie für das nationalsozialistisch und mächtig gewordene germanische Brudervolk der Deutschen. Als Louis von Onkel Armand per Auto von dem besseren Bauerndorf (mit erfundenem Namen Bastegem), in dem Meerke und die meisten ihrer Kinder leben, zurück zu den Eltern in die Stadt Walle (ebenfalls erfunden, im wesentlichen jedoch der westflämischen Stadt Kortrijk nachgebaut) gebracht wird, kommt es zu folgendem Dialog:
"Was meinst du, wer wird künftig die Welt beherrschen?"
"Jesus Christus", sagte Louis.
"Ach was, du frommer Einfaltspinsel. Die Kommunisten oder Hitler?"
Nicht auszudenken, dass die Kommunisten, die in Spanien Priester und Nonnen zu Tode gefoltert hatten und Vaterland und Religion abschaffen wollten, über die Völker herrschen würden. Das würde Gott nicht zulassen. Oder vielleicht doch, für eine Weile, als Prüfung?
"Hitler", sagte Louis.
"Richtig. Das kleinere Übel." (S. 260)

Ausführlich beschäftigt sich der Roman mit Louis als Internatsschüler des Nonnenklosters, als Anführer der vier Apostel, wie sich die kleine Bande nennt, die auf die anderen Schüler verächtlich als "Hottentotten" herabsieht (auch wenn in "Der Kummer von Belgien" der Kummer durch Belgien kaum eine Rolle spielt - das Land hatte zu dem Zeitpunkt noch Kolonien), sich an den Schwestern durch Spitznamen (die geheimnisvolle Schwester Sankt Gerolf, die strenge Schwester Frost, Schwester Engel, Schwester Sapristi etc.) und ein eigenes Notensystem (acht von zehn Punkten beispielsweise in Sachen Demut für eine besonders gelungene theatralische Aktion) rächt, ein paar sogenannte Verbotene Bücher versteckt hält (das schlimmste wohl eine Biografie des Ketzers G.B. Shaw, aber auch das Foto einer spärlich bekleideten Sängerin geht als solches durch) und miteinander verschiedene brennende Fragen beredet.
Römisch-katholische Theologie und aufkeimender Zweifel an manchen ihrer Dogmata, die strengen Internatsregeln, die oft schrägen Charaktere der autoritär erziehenden Schwestern, alte Märtyrerlegenden, ein paar Gesprächsfetzen von aus den Ferien Aufgeschnapptem, nicht zuletzt von der langsam in den Alltag einsickernden großen Politik - all dies macht die Welt des kleinen Louis aus, auf allesdas versucht er sich mittels kühner Verknüpfungen seiner blühenden Fantasie einen Reim zu machen. Ein wenig erinnert die stellenweise animistische Sichtweise, mit welcher Hugo Claus das auf sich allein gestellte kindliche Bewusstsein des Knaben abbildet, an die Prosa Christine Lavants, in der nüchternes Erzählen und kindliche, stark religiös geprägte Fantasterei ineinander übergehen, darüberhinaus erweist sich Claus als Meister darin, psychische und mentale Entwicklung durch gekonnt markierte Auslassungen anzudeuten. Gegen Ende der Internatszeit beginnt dem Heranwachsenden überdies seine Sexualität zu schaffen zu machen, bricht sich fürs erste auf gewalttätige, ja sadistische Weise Bahn. Nachdem Louis in der Nacht einen Schüler gedemütigt hat, betrachtet er lange den Sternenhimmel, sich dabei bewusst der laut seiner Mutter so gefährlichen Zugluft aussetzend. "Schlich sich dann zu seinem Bett, wie der Löwe in der Savanne, kurz bevor er brüllt." (S.188)

Der zweite Teil, "Von Belgien" betitelt und etwa fünf Achtel des Ganzen ausmachend, verzichtet auf einzelne Kapitel, präsentiert sich stattdessen als Mosaik einer Vielzahl unterschiedlicher kleiner Episoden aus dem persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und politischen Umfeld von Louis, einem raffiniert geknüpften Fleckerlteppich, der in seiner Gesamtheit besser als kontinuierliches Erzählen die Zerrissenheit einer einst sicher scheinenden Welt in der Zeit unmittelbar vor, nach und während der Besatzung auszudrücken vermag. Man darf annehmen, dass es sich bei dem Geschilderten fast ausschließlich um Selbsterlebtes handelt, obwohl der Autor vor allem in der Nachkriegszeit, die etwa die letzten 160 Seiten umfasst, dann anscheinend einiges zusammengezogen, künstlerisch verdichtet hat, und gegen Romanende weicht die dritte Person in einem Brief an einen toten Freund und etwas, das man als Tagebuchnotizen deuten könnte, einige Male der ersten. Weitere schriftstellerische Einfälle, Miniaturabsätze zu den politischen Entwicklungen im Schlagzeilen- oder Kurzmeldungsstil, Zeitraffersequenzen zum deutschen Blitzkrieg und zur Machtübernahme durch die alliierten Truppen, polyfone Passagen wie Familientratsch mit einer im Hintergrund den Rosenkranz betenden Nonne, wunderbar demaskierende Gesprächsfetzen von einem Schriftstellertreffen sind literarische Gustostückerln an sich und lockern ebenso wie viele sarkastische, ironische und humorvolle Formulierungen die konventionelleren, doch wesentlich zum Gesamtbild beitragenden Erzählabschnitte auf.

Als Louis von einem amerikanischen Soldaten nach dem Krieg einer Lüge überführt und nonchalanterweise nicht darauf angesprochen wird, rechtfertigt sich sein Schamgefühl mit dem Gedanken, dass er eben zeitlebens nichts als Verlogenheit kennengelernt habe, und geht man nach den bisher gelesenen Seiten, erscheint dies kaum übertrieben. Ebenso psychohygienisch-schonungslos wie bei der Schilderung seines Louis verfährt Claus in der Darstellung von Verlogenheit und Opportunismus, Egoismus und Heuchelei in der flämischen Gesellschaft. Zuallererst ist da der mächtige, langfristig prägende und nicht immer segensreiche Einfluss der katholischen Kirche mit ihrer seelenverbiegenden Sexualmoral, ihrem Kult des schönen Scheins und der Kleingeistigkeit vieler ihrer Priester zu nennen. Stellvertretend für ein besonderes Naheverhältnis zur Kirche sei der Pate, der selbst offen mit seinen Mätressen verkehrend dennoch auf einen seine Frau schlagenden Mitbürger voll moralischer Überlegenheit herabschaut und es im Aufsetzen von zur jeweiligen Situation passenden Andachtsmienen nach Beobachtung seines immer schärfer schauenden Enkels zu einiger Meisterschaft gebracht hat, genannt. Des Paten Frau wiederum, Bomama, kann als Beispiel jähen Umschlagens von äußerer Religiosität in etwas ziemlich Deftiges angeführt werden, ob in kumpelhaften Sadismus, wenn sie einer in Obhut genommenen Nonne (nachdem deren Kloster von britischen Bombern getroffen worden ist) nur für die Gegenleistung zahlreicher Fürbitten Anekdoten über die belgische Prinzessin zu erzählen bereit ist, oder in schwarzen Humor, wenn sie Louis erklärt, sie habe schon etliche Messen vorausbezahlt und werde ihm daher noch aus dem Grab Ablässe schicken. Am unteren Ende der gesellschaftlichen Stufenleiter - hier seien nur das frühreife Mädchen Bekka (möglicherweise Zigeunerin, aber in solchen Zeiten spricht man am besten gar nicht über derlei) und der homofile sogenannte Dreckige Sef erwähnt - geht es wenig überraschend um einiges ehrlicher, allerdings nicht unbedingt weniger dreckig zu. Kollaborationslaster wie Rassismus, Denunziantentum und Herzverhärtung überschreiten nicht den Rahmen, die vielen Fälle von Inzest (darunter eine sehr ausführlich und en détail beschriebene Szene) hingegen schon. À propos: zwar nicht regelrecht inzestuös, aber sehr vielschichtig und psychologisch interessant gestaltet sich die Beziehung zwischen Louis und seiner Mutter Constance.

Ein weiterer verlässlicher Quell für flämischen Kummer entspringt der politischen Verfasstheit des ungeliebten Staates Belgien mit seinen drei Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel (der doppelten Hauptstadt, wo die Stadtregierung mittlerweilen - um das Lästern nicht allein den Romanfiguren zu überlassen - das wallonisch-flämische Zankapfelproblem in einigen Vierteln listigerweise durch Zuwandererghettos gelöst hat), worüber Louis' Vater, nationalistisches Großmaul, das er ist (und mehr noch, wie viele Familienmitglieder, internationales Leckermaul), gerne den Spruch "Belgien ist kein Land, Belgien ist ein Zustand" zum besten gibt. Ein Staat jedenfalls, von dem die meisten Flamen (zumal in Zeiten, wo nationale Ideen Hochkonjunktur haben) nicht gerade begeistert sind und der seinerzeit überhaupt nur aufgrund von Großmachtinteressen ins Leben gerufen worden ist.
Wie die französischsprachigen Wallonen zu diesem Staat stehen, ist kein Thema, denn Wallonien wird derart ignoriert, dass die erste deutsche Übersetzung des Romans den Titel "Der Kummer Flanderns" riskierte, was freilich an der Absicht des Schriftstellers vorbeigeht, der seinen Louis in den ersten Tagen nach Kriegsende mit Bedauern feststellen lässt, er werde sich nun wohl oder übel wieder an "Belgien" gewöhnen müssen. Von dem geringen Prozentsatz an Franskiljons, den die französische Kultur pflegenden und untereinander französisch sprechenden Einwohnern Flanderns, abgesehen, wird, wenn überhaupt, dünkelhaft nach Wallonien (und mit moralinsaurem Argwohn nach Frankreich) geblickt. Dass die Leute sich dabei selbst in hohem Ausmaß und in den verschiedensten Bereichen als von französischer Kultur durchdrungen erweisen, gibt Hugo Claus häufige Gelegenheit zu diesen Widerspruch aufzeigenden hübschen komischen Szenen (Übrigens kann Claus' enger Freund, Harry Mulisch, in seinem Roman "De Pupil", in deutscher Übersetzung "Augenstern", ebenfalls nicht widerstehen, sich über die sich penibel von allem Französischen abgrenzenden, dabei aber ein in seinen Ohren ziemlich französisch klingendes Niederländisch sprechenden Flamen ein wenig lustig zu machen).

Auch die Sprache verlangt nach einem Absatz für sich. Vielfache Anregung, sofern er sie denn möchte, empfängt der Leser durch die unterschiedlichen Aspekte von Sprache, für die der heranwachsende Louis, möglicherweise früh schon durch finanziell vom Paten belohnte Anlassgedichte geprägt, Aufmerksamkeit entwickelt. Für ihren assoziationenweckenden Klang, die verschiedensten flämischen Dialekte, einander ähnelnde Tonfälle, die Kraft der Erzählgabe, die bewirkt, dass Andere einem an den Lippen hängen, die Macht der Lüge (im Kapitel 19 "Das Lügenmaul" wird sein Vater zum leichten Opfer und ist fortan mehr oder weniger unter Kontrolle), den Ursprung von Redensarten, die Mühen des Verseschmiedens und nicht zuletzt die unentschlüsselte Bedeutung mancher Sätze der Erwachsenen.
Während der deutschen Besatzung besucht Louis ein Jesuitenkolleg, und während seiner Pubertätsfase sind Sprachen (Hochflämisch bzw. Niederländisch, Französisch, Latein, Griechisch, und anlassgegeben lernt er ebenso schnell wie gut Deutsch und Englisch) das einzige, wofür er weiterhin ausgezeichnete Noten erhält. Außerdem findet er in seinem Lehrer, einem guten Bekannten des Paten, einen willkommenen Reibebaum für seinen sich beweisen wollenden, nach Eigenständigkeit strebenden Geist und seine erwachenden Männlichkeitsgefühle. Obwohl der Eiko, wie dieser Jesuit wegen seiner Schädelform fast durchwegs genannt wird, das meiste von Louis' Antiautoritätsausfällen abbekommt, gelingt es ihm letztlich doch, im Schüler die Ehrfurcht vor dem Geist, heilig oder nicht, zu stärken und ihn von der heidnischen Fahne (aus Ehrgeiz, Ruhmsucht, Trotz, Provokation, Fasziniertheit von den schönen Todesengeln, als welche Louis die schneidigen SS-Männer in ihren Uniformen vorkommen, tritt dieser nämlich für einige Zeit in den flämischen Ableger der Hitler-Jugend ein) wegzulocken. Die endgültige Lösung von Louis' Kokettieren mit dem Nationalsozialismus erfolgt schließlich durch Literatur, und zwar durch sogenannte entartete, denn als die Kriegsfront näher rückt, erhält Louis durch seinen Ruf als leidenschaftlicher Leser und über die guten Kontakte seiner Familie die Möglichkeit, zu einer gewissen Dame (einem sogenannten "heißen Weib") nach Brüssel zu fahren und sich aus ihrer speziellen Bibliothek kräftig zu bedienen: Thomas Mann, Jakob Wassermann, Lion Feuchtwanger, Aldous Huxley und viele Andere, wo er sich endlich in seinem Element zu fühlen beginnt, was rein autobiografisch oder auch als Bekenntnis zu einem sehr liberalen Kunst- und Kulturbegriff verstanden werden kann.

So inspirierend Louis die noch verbotenen Schriftsteller findet, so vielfältig verführerisch die französische Kultur und so reizvoll den gegen Ende Einkehr haltenden amerikanischen Jazz - politisch lässt er sich nicht wieder vereinnahmen, bewahrt sich seinen mühsam errungenen eigenen kritischen Blick, ätzt nach Kriegsende sogar, dass man nun, da die Nazi-Bestie besiegt sei, ganz gewiss, wie ja auch alle Zeitungen schrieben, einem Traum von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit entgegengehen werde - mit denselben Personen. Und ganz gewiss haftet dem jungen Mann, der am Ende angewidert (nur dezent, da er sich durch scharfe Grobheit zu helfen gewusst hat) von der eigenen Preisverleihungsfeier zum Bahnhof gehend mit dem Schlager "Tout va très bien, Madame la Marquise" die neue Zeit begrüßt, ein gar nicht so geringer dämonischer Anteil an.
Hugo Claus selbst konnte diesen Anteil offenbar hervorragend durch die verschiedensten Kunstformen, in denen er mehr oder weniger große Erfolge feierte, kanalisieren, seine zweite große Leidenschaft waren die Frauen (von der Schauspielerin Sylvia Kristel beispielsweise hat er einen Sohn und beste Zensuren: "hors catégorie, de liefde van mijn leven, een ridder ..."), und à la fin hat er sich in gewissem Sinne selbst erlöst, als er, noch nicht neunundsiebzigjährig und seit einiger Zeit an Alzheimer erkrankt, von der in Belgien legalen Möglichkeit der Sterbehilfe Gebrauch machte.

(fritz; 05/2019)


Hugo Claus: "Der Kummer von Belgien"
(Originaltitel "Het verdriet van Belgie")
Aus dem Niederländischen von Waltraut Hüsmert.
Klett-Cotta, 2016. 823 Seiten.
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Hugo Claus (5. April 1929 - 19. März 2008) gilt als der bedeutendste belgische Nachkriegsautor niederländischer Sprache. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in einem katholischen Internat; danach lebte er mehrere Jahre u.a. in Rom, Amsterdam und in den USA. In Paris schloss er sich der Künstlergruppe "Cobra" an, bevor er 1947 mit seinem Gedichtband debütierte. Claus trat auch als Drehbuchautor, Übersetzer (etwa von Georg Büchner und Dylan Thomas), Dramatiker, Maler, Film- und Fernsehregisseur in Erscheinung. Sein Werk umfasst mehr als 150 Buchveröffentlichungen, wurde vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem "Preis der Niederländischen Literatur" und dem "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung") und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Im Lokal 'Groeninghe' wird manches Glas auf den Kreuzzug, den Blitzkrieg gegen die Kalmücken erhoben.
Im Lokal 'Rotonde' sagte Mijnheer Santens, der Kohlenhändler, am Bridgetisch: "Kreuzzug? Da bin ich mir nicht so sicher. Das Abendland wird zwar von den Bolschewisten bedroht, das stimmt, aber auch von anderen heidnischen Mächten."
"Mijnheer Santens, die Wände haben Ohren", sagte der Pate beiläufig. Mijnheer Tierentejn ordnete seine Karten auf dem Tisch, studierte sie und starrte dann in die Steppe, die Tundra. "
Napoleon, Napoleon", sagte er. "Bitte, Mijnheer Tierentejn, nicht so laut", sagte der Pate.
Und es ist auch die Rede von einem separaten flämischen Staat. Die VNV-Leute sind dagegen, sie wollen die Groß-Niederlande (als ob die Holländer so wild darauf wären, auf einen Schlag mit den ganzen Katholiken vereint zu sein). Die Verdinaso-Leute sind dagegen, weil sie das Burgundische Reich wollen. De Vlag ist dagegen, denn die wollen uns ins Großdeutsche Reich eingliedern, das demnächst das Großeuropäische Reich wird und kurz darauf ein Großes Tausendjähriges Weltreich. Wer will überhaupt diesen separaten Staat Flandern? Zumindest einen gibt es, der ihn will: Papa, beim Friseur Felix.
"Damit wir endlich einmal unter uns sind nach all den Jahrhunderten, in denen man uns geknechtet und geschurigelt hat. Aber nur unter einer entschlossenen Führung, die endlich weiß, wo's lang geht. Nicht wie im Belgien von gestern, das in sechs Jahren zwölf Regierungen hatte, von denen keine einzige ordnungsgemäß vom Parlament abgesetzt worden ist. Nein, jedes Mal dieses idiotische Spiel: 'Ach, ihr Liberalen, ihr habt euch zu einem Komplott zusammengetan, na schön, dann treten wir einfach zurück' oder 'Aha, ihr Sozialisten, ihr arbeitet mit Schmiergeldern, dann machen wir eben nicht mehr mit.' Und pardauz, lag wieder eine Regierung auf der Schnauze. Einig waren sie sich nur, wenn es darum ging, ihren Freunden Pöstchen zuzuschanzen. Du setzt dich auf den Stuhl, ich setz mich auf diesen, wie beim Spiel Die Reise nach Jerusalem!"
"Ach, wie würde man sich denn selber verhalten?", sagte Friseur Felix und seifte den Paten ein.
"Wir brauchen eine strenge Hand. Aber eine intelligente Hand und eine einfühlsame Hand", sagte Papa.
"Das sind viele Hände für einen einzigen Menschen", sagte ein Rechner.
"Staf, so ein Posten als Führer von Flandern, das wär doch was für dich", sagte ein Witzbold.
"Er würde als Erstes Brüssel den Krieg erklären", sagte ein Stratege.
"Brüssel war immer eine flämische Stadt!"
"Das wirst du denen dort aber auf Französisch erklären müssen", sagte ein Pragmatiker.
"Ich würde ihnen das Flämische einprügeln!", schnaubte Papa.
"Staf, red keinen Stuss", sagte Friseur Felix. Papa blickte hilflos in das versteinerte, runzlige Gesicht seines Vaters im schneeweißen Schaum. (S.368)