Juli Zeh: "Neujahr"


Spannender Roman über vergessen geglaubte Erinnerungen, eingebettet in eine Urlaubsidylle

Henning hätte allen Grund, glücklich zu sein. Er hat eine Frau, die er liebt, und zwei Kinder. Die Kinderbetreuung teilen sich die Eltern, sodass sich jeder von ihnen auch in seinem Beruf verwirklichen kann. Es gelingt Henning jedoch nicht, sein Gleichgewicht im Alltag zwischen Arbeitsplatz und Kinderbetreuung zu finden. Denn da ist auch noch ES, beherrscht sein Leben - vor allem nachts - und macht ihm seit der Geburt seiner Tochter immer mehr Angst.

Körperlich ist Henning gesund, aber ES, eine Mischung aus Generalisierter Angststörung, Ausgebranntsein und Belastungsstörung, wie seine Ärzte diagnostizieren, belastet ihn zunehmend. Aus einem Impuls heraus, den er sich selbst nicht erklären kann, bucht er für seine kleine Familie einen Urlaub auf Lanzarote, jener Insel, die er seit Kindertagen kennt.

"Er mag generell keine alten Frauen und wird trotzdem eines Tages mit einer zusammenleben. Alte Männer mag er noch viel weniger; trotzdem wird er irgendwann einer sein.
Bei diesen Gedanken streckte ES seine Fühler nach ihm aus, weshalb sich Henning beeilte, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. Ein Kellner trat mit einem runden Tablett voller Sektgläser an den Tisch. Henning bediente sich, das ältere Ehepaar auch. Er beschloss, dass sie Katrin und Karlchen hießen. Sie prosteten ihm zu. Er stürzte sein Glas hinunter und spürte die Wirkung sofort. Für gewöhnlich trank er wenig Alkohol, vor allem nicht so früh am Abend und nicht so schnell. Er hob einen Finger, um den Kellner ein zweites Mal an den Tisch zu bitten, und auch das nächste Glas leerte er zügig. Jetzt schien ihm das Ambiente weniger billig. Dann aßen sie eben ein Pauschalmenü in einem Pauschalhotel voller Pauschaltouristen - na und?"
(Aus dem Roman)

 

Dort folgt er eines Tages dem unwiderstehlichen Drang, mit seinem Fahrrad einen Berg zu bezwingen, auf dessen Gipfel sich ein kleiner Ort befindet. Während des mühsamen und kräftezehrenden Aufstiegs denkt er über seine Lebenssituation nach. Dabei kommen immer mehr verschwommene Erinnerungen aus seinem Unterbewusstsein hoch und gewinnen im Verlauf der Fahrt zunehmend an Kontur. Mit jedem Meter der Bergstraße, die er sich unter Aufbietung all seiner Kräfte hinaufmüht, passiert etwas mit ihm.

Aus dem geplanten Erholungsurlaub für die Familie wird für Henning damit eine schmerzhafte Konfrontation mit einem schrecklichen Erlebnis in seiner Kindheit, das er vollständig verdrängt hatte. Erst nachdem er sich dem Grauen der Vergangenheit noch einmal stellt, kann er den Weg sehen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und er versteht plötzlich die besondere Verbindung zu seiner Schwester, die er sich bisher nicht erklären konnte ...

Die Spannung im Roman baut sich rasch auf, schnell kommt der Moment, an dem man nicht mehr zu lesen aufhören kann.
"Neujahr" ist eines der Bücher, die man in einem Zug fertiglesen muss, bevor man aussteigen kann, und die einen so schnell nicht wieder loslassen. Die Schilderungen der Landschaftsbilder, der Fauna und Flora sowie der Gerüche der Insel sind so eindringlich, dass der Leser meint, den immer herrschenden Wind und die Hitze zu spüren und den Duft der Bougainvillea zu riechen. Sehr empfehlenswert!

(Alexandra Gölly-Liebich; 09/2018)


Juli Zeh: "Neujahr"
Luchterhand, 2018. 190 Seiten.
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