Charles Baudelaire: "Wein und Haschisch"

Essays


Charles Baudelaire (1821-1867), dem großen schrägen Vogel, morbiden Bohemien, poète maudit, ewigen Flaneur etc., war zeitlebens kaum Erfolg beschieden, woran auch die Veröffentlichung seines berühmten wie einflussreichen Gedichtbandes "Les fleurs du mal" (deutscher Titel: "Die Blumen des Bösen") zehn Jahre vor seinem frühen Tod nicht viel änderte. Wenn man ihn kannte, dann am ehesten als unter finanzieller Vormundschaft stehendes, ausgesuchtest gekleidetes Pariser Original, allenfalls auch noch als Essayist und Kritiker, der für Zeitungen und Zeitschriften vor allem Werke der bildenden Kunst (insbesondere seines Lieblings Eugène Delacroix) besprach. In einem hübschen Kleinformat, mit sinnvollen Fußnoten zu Erklärungsbedürfigem und einem ausführlichen Nachwort erschienen, zeigt das vorliegende Büchlein Baudelaire von dieser wenig bekannten Seite. 

Den Beginn macht eine "Auswahl tröstlicher Maximen über die Liebe". Die kommen wie ein pragmatischer Ratgeber mit ironischem Ésprit daher und können ebensogut als am Provozieren und Verführen Gefallen findendes Spiel mit verschiedenen Masken und sorgfältig (und manchmal wohl unbewusst) dahinter verstecktem Ernst gesehen werden. Ein paar Sätze daraus: "Hüten Sie sich also davor, junge Adepten der Wollust, Ihre Freundin im Französischen zu unterrichten - sofern man nicht ihr Französischlehrer sein muss, um ihr Liebhaber zu werden." "Verleumde nie die erhabene Natur, und wenn sie dir eine Geliebte ohne Busen zugeteilt hat, sage: 'Ich habe einen Freund - mit Hüften!', und geh in den Tempel, um den Göttern zu danken."  "Jede Moral zeugt vom guten Willen des Gesetzgebers, jede Religion ist der höchste Trost für alle Bedrückten, jede Frau ist auch die Frau an sich, und die Liebe lohnt als Einziges die Mühe, dass man ein Sonett drechselt und erlesene Wäsche anlegt." (Und eine Fußnote) "Wir wissen, dass unsere Leser alle Stendhal gelesen haben."

"Ratschläge an junge Literaten" erteilt er in ähnlicher, etwas zugespitzterer Form. Unter anderem empfiehlt er da, nicht ganz aufs Essen zu vergessen, überhaupt die Kräfte nicht zu verschwenden (wie er selbst es einmal tat, als er einen Gläubiger, der ihn während einer Fechtstunde belästigte, mit Floretthieben ins Treppenhaus verfolgte), gibt Anweisungen im rechten Schmähen, wettert gegen Selbstmitleid, spricht Inspirationen betreffend von der himmlischen Mechanik der Seele, singt das Lob der Poesie, die nicht nur das meiste einbringe (!), sondern auch die ehrenvollste Kunstform sei. "Ich kenne Menschen, welche die oftmals mediokren Feuilletons von Théophile Gautier nur deshalb lesen, weil er die 'Comédie de la Mort' verfasst hat; zweifellos sind sie nicht für alle Reize dieses Werks empfänglich, aber sie wissen, dass er ein Dichter ist." Und die angehenden Dichter warnt er eindringlich vor folgenden Mätressen: der ehrbaren Frau (da er diese mit einem anderen teilen müsste und sie "für die despotische Seele eines Dichters eine magere Weide abgibt"), dem Blaustrumpf (wegen übermäßiger Maskulinität) und der Schauspielerin - allein die Vorstellung der Geliebten in einer Hosenrolle auf der Bühne! "Mir scheint, er wird das Theater in Brand stecken müssen."

In "Wein und Haschisch", dem etwas reißerischen Gesamttitel (Untertitel: "Verglichen als Mittel zur Vervielfältigung der Persönlichkeit"), preist Baudelaire den Rausch als die Kräfte der Poesie vervielfältigend und als verlässliches Fluchtmittel vor der oft unerträglichen Menschenwirklichkeit. Mit Kennerschaft fachsimpelt er über die unterschiedlichen Rauschwirkungen, gelangt dabei zum Seelenbarometer "des göttlichen Hoffmann", betet den Wein in Sätzen an, als ginge es um den kommenden Messias. Wie der Autor des Nachworts Tilman Krause bemerkt, kommt in Baudelaires Einstellung zu Rauschmitteln im Gegensatz zum abgebrühten, Handlungen wie Regungen unerbittlich kontrollierenden Sonderlings stark sein anderes Wesen, das in sozusagen weiblicher Hingabe die temporäre Auflösung bürgerlicher und tiefersitzender Bestimmungen sucht und gen Unendlichkeit strebt, zum Ausdruck. Haschisch scheint (wenn man der Rauschkugel Baudelaire hierbei glauben darf) weniger sein Fall gewesen zu sein, vor allem bemängelt er die mit der Einnahme einhergehende Schwächung der Tatkraft, gibt dabei aber immerhin, ohne konkrete Namen zu nennen, ein paar amüsante diesbezügliche Geschichten aus der Pariser Bohème zum besten.

"Was uns das Spielzeug lehrt" bringt abermals persönliche Erlebnisse und handelt vom Spielzeug als Vorschule der Kunst (freilich mit Ausnahme solcher Mädchen, denen nichts besseres einfällt, als schon früh mit Hingabe ihre eigenen dummen Mütter nachzuspielen), räsonniert über Spielzeug für Arme, ist bei seinem Hinweis auf die fantasieanregende Wirkung des Spielzeugs auf Entwicklung, Erziehung und Prägung des jungen Menschen geradezu modern, ergrimmt beim Gedanken an Spielzeug für unnötig erachtende und daher nicht zulassende Eltern (eine bestimmte ultravernünftige und antipoetische Menschenklasse, an die zu denken ihn mit Abscheu erfülle) und gesteht, dass er vor Kindern, die ihr Spielzeug nicht benutzen, nur sammeln, arrangieren, betrachten, allenfalls Besuchern zeigen, jederzeit die Flucht ergreifen würde. 

Aus dem Jahre 1857, einem sogenannten Wunderjahr der französischen Literatur, in welchem später auch sein eigener Blumenstrauß das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollte, stammt der Text "Madame Bovary von Gustave Flaubert", in welchem Baudelaire sämtliche Romanciers, die zwischen Balzac und dem neuen Stern hochgehandelt worden sind, bespricht, ausführlich auf den neue Maßstäbe setzenden, heißdiskutierten Roman und seine erste Rezeption eingeht, die kalte Objektivität der Erzählweise hervorhebt (laut Krause als Erster), darüber spekuliert, ob Emma Bovary nicht eigentlich ein eher männlicher Charakter sei, und sich in Summe als ebenso beredter wie vehementer Befürworter des Gleichaltrigen erweist. Mit Flaubert teilte er übrigens nicht nur Geburtsjahr und Erscheinungsjahr des chef-d'oeuvre, sondern auch dessen sofortige Involvierung in einen Gerichtsprozess (den Flaubert allerdings gewann, während Baudelaire verurteilt wurde und sechs besonders böse Blumen, wie man wohl dachte, entfernen musste).  

Größer noch ist Baudelaires Begeisterung für einen Musiker, wovon die längste Schrift des Büchleins, "Richard Wagner und der 'Tannhäuser' in Paris" zeugt, geschrieben im Bestreben, das Werk eines Mannes zu fördern, das "mehr als ein Jahr lang unter der Sensationslust und den billigen Scherzen der Pariser Gaffer gelitten hat." In diesem Sinne echauffiert sich Baudelaire bei der Erinnerung an eine Pariser Aufführung erneut über den berühmten Kritiker S, der durch minutenlanges höhnisches Lachen an der Garderobe kundtat, was von dieser neuen Musik zu halten wäre, und erhebt sogar gegen den ihm sonst als große Autorität geltenden Monsieur Berlioz den Vorwurf der Feigheit, da dieser einmal gegen besseres Wissen nicht für den sächsischen Zauberer (um mit Musil zu sprechen) Partei ergriffen habe. Ausführliche Inhaltsangaben und Textausschnitte aus den drei Baudelaire bekannten Wagner-Opern, 'Der fliegende Holländer', 'Tannhäuser' und 'Lohengrin', machen deutlich, dass Wagner-Apostel in Frankreich damals noch ganz am Anfang standen, lange Zitate von Liszt und Wagner selbst dienen gleichsam auch als Kompensation für das geringe musiktheoretische Wissen des Verfassers. Mehr Eigenes weiß Baudelaire hingegen über das kreative Potenzial des Mythos zu sagen oder darüber, wie es ist, sowohl als Dichter als auch als Kritiker zu agieren. Zum Genie Wagner kommen ihm die Kennzeichen "Willen, Begehren, Konzentration, nervöse Intensität und Explosion" in den Sinn, und auch über das Rauschhafte in der Kunst fällt dem "exquisiten Rauschmittel Baudelaire", als welches er selbst oder vielmehr seine Lyrik bezeichnet wurde, naturgemäß allerhand Interessantes ein - es wird dionysisch. 

Beide Werkbesprechungen sind sehr gewissenhaft und mit großer missionarischer Leidenschaft abgefasst, wenn auch auf diese Texte natürlich keine ähnliche Sorgfalt wie auf die Gedichte gelegt wurde. Stilistisch orientiert sich Baudelaire dabei an der von Théofile Gautier initiierten Mode, das zur Erörterung stehende Kunstwerk nicht durch Analyse, sondern durch genaues Schildern der eignen subjektiven Eindrücke beim Hören, Betrachten, Lesen zu beschreiben.
Bei "Wein und Haschisch" handelt sich um eine klug zusammengestellte Auswahl von sechs Texten des Essayisten und Kritikers Charles Baudelaire, die tiefere Einblicke in seine Persönlichkeit wie in das geistige Klima in Paris gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ermöglichen und dabei heute noch einiges an Aktualität aufzuweisen haben. 

(fritz; 07/2017)


Charles Baudelaire: "Wein und Haschisch. Essays"
Aus dem Französischen von Melanie Walz.
Mit Nachwort von Tilman Krause.
Manesse, 2017. 224 Seiten.
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