Harald Weinrich: "Wie zivilisiert ist der Teufel?"

Kurze Besuche bei Gut und Böse


Ist Goethes Mephistopheles, wie Madame de Staël gemeint hat, ein "zivilisierter Teufel"? Und wo verlaufen überhaupt die Grenzen von Gut und Böse im Spiegel der Literatur? Mit solchen und ähnlichen Fragen befasst sich Harald Weinrich in den zwanzig kurzen Essays dieses Buches.

Der anno 2007 achtzig Jahre alt gewordene Harald Weinrich ist mit Sicherheit einer der großen Literatur- und Sprachwissenschaftler unserer Zeit, der schon lange Zeit mit vielen Buchtiteln seine Leser auf Spurensuchen unterschiedlichster Art gehen lässt.

Buchkapitel:
Statt eines Vorworts:
Der Tonkrug der Pandora
Was kostet die Zeit
Schriften über Schriften
Palimpseste in Literatur, Kunst und Wissenschaft
Das Zeichen des Jonas
Über das sehr Große und das sehr Kleine in der Literatur
Narrative Theologie
INRI
Der Kreuzestitel im Prozess Jesu
Literatur und Gastfreundschaft
Ehrensache Höflichkeit
Von der Ökonomie geistiger Werte
Ein weltgeschichtlicher Moment:
das Erdbeben von Lissabon
Weltironie im Taschenformat
Über Voltaires "Candide"
Wie zivilisiert ist der Teufel?
Der Stil, das ist der Mensch, das ist der Teufel
Chamissos Gedächtnisse
Als Hitler noch der Kutzner war
Über Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg"
Carl Zuckmayer zu loben
Victor Klemperer: Gedächtnismann gegen Hitler
Deutscher Geist, europäische Literatur und lateinisches Mittelalter
Ernst Robert Curtius
Das Deutschlandbild eines großen Romanisten
Weltliteratur als Westliteratur?
Was heißt und zu welchem Ende studiert man Gedenkgeschichte?
Anmerkungen
Vorstudien und Vorarbeiten
Namenregister

Dabei überzeugt er stets durch ein weites Spektrum von Themen, die er als hervorragender Essayist in einem prägnanten Deutsch beschreibt, durch das immer auch die Eleganz des Französischen durchscheint.

Das kommt auch daher, dass dieser außergewöhnliche Denker in Sprache und Sprachen denkt und aus ihnen seine Erkenntnisse schöpft. Seine profunden  kulturhistorischen Überlegungen münden stets mitten in die Philosophie. Und seine im besten Sinne interdisziplinären Texte sind anregend, verlieren dabei aber nie den Blick auf das Wesentliche. Sie belehren höflich, ohne je zu langweilen.

Am meisten von den insgesamt zwanzig kurzen Essays hat mich angeregt und überzeugt seine Untersuchung "INRI. Der Kreuzestitel im Prozess Jesu", in der Weinrich mit den Mitteln lexikalischer Analyse und detaillierten Kenntnissen der Feinheiten griechisch-jüdischer Historie und Begriffe den Fall des "Menschensohnes" aufrollt.

Weinrich entwickelt sauber die Tatsache, auf die ich jedenfalls in meinem langen Theologenleben noch nicht gestoßen bin. INRI ist das einzige "Schriftstück", von dem "bekannt ist, dass es zu seinen Lebzeiten je über Jesus abgefasst worden ist."

Viele andere lesens- und bedenkenswerte Essays mit sprachlicher Eleganz und sprachwissenschaftlicher Tiefe fördern noch einige andere erstaunliche Erkenntnisse herauf.
Sprachen erzählen Geschichte und Geschichten. Harald Weinrich kann sie hören, lesen und verstehen. Eine außergewöhnliche Lektüre auf bei ihm gewohnt hohem Niveau.

(Winfried Stanzick; 01/2008)


Harald Weinrich: "Wie zivilisiert ist der Teufel? Kleine Besuche bei Gut und Böse"
C.H. Beck, 2007. 255 Seiten.
Buch bei amazon.de bestellen

Prof. Dr. Harald Weinrich war nach Professuren in Kiel, Köln, Bielefeld und München zuletzt Professor für Romanistik am Collège de France, Paris. Er hat u.a. für sein Lebenswerk 2003 den renommierten "Joseph-Breitbach-Preis" erhalten.

Weitere Bücher des Autors (Auswahl):

"Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens"

Es ist paradox. Die Menschen leben immer länger, und die Zeit wird ihnen immer knapper. Welcher Geist oder Ungeist treibt sie zu solcher Knappheit? Auf diese Frage gibt das Buch von Harald Weinrich eine Vielzahl von unterschiedlichen Antworten: aus der Mythologie (Die Zeit frisst ihre Kinder) und der Geschichte (Caesarische Kürze), aus der Philosophie (Seneca: Das Menschenleben ist "lang genug") und der Theologie (Jesus: "Nur noch eine kleine Weile"), aus der Medizin (Hippokrates: "Kurz ist das Leben, lang die Kunst") und der Moralistik (Jean Paul: "Für das Begreifen ist keine Kürze zu kurz"), aus der Ökonomie (Benjamin Franklin: "Zeit ist Geld") und der Politik (Sultan Saladin: "Lass uns zur Sache kommen!"), aus der Literatur (Goethe/Faust "Werd ich zum Augenblicke sagen") und schließlich aus einem erfolgreichen Film (Lola rennt). Am strengsten verknappt ist die Zeit in Gestalt der Frist. Deren vielfach sperrige Erscheinungsformen im Alltag (Terminkalender) ebenso wie im Rechtswesen (Fristenlösung) und in der Verwaltung ("frist- und ordnungsgemäß") werden in einem zentralen Kapitel kritisch analysiert, in einem weiteren Kapitel an vierzehn literarischen Exempeln mit knappen und nicht immer tief ernsthaften Worten zur Betrachtung ausgebreitet. Wie knapp auch immer die Zeit des Lesers bemessen sein mag, für Harald Weinrichs brillante Kulturgeschichte des befristeten Lebens sollte er sich - zu seinem eigenen Vergnügen - genügend Zeit lassen. (C.H. Beck)
Buch bei amazon.de bestellen

"Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens"
Wenn es eine Gedächtniskunst gibt, sollte es dann nicht auch eine Kunst des Vergessens geben? Wieviel Vergessen braucht oder verträgt eine Kultur, und wann überschreitet die Vergesslichkeit die Grenzen der Moral? Auf solche Fragen kann besser antworten, wer sich mit der Kulturgeschichte des Vergessens vertraut gemacht hat. Diese Geschichte legt Harald Weinrich hier vor - ebenso gelehrt wie stilistisch brillant, ebenso unterhaltend wie zum Nachdenken einladend. (C.H. Beck)
Buch bei amazon.de bestellen

"Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit"
Heiterkeit, ursprünglich ein Schönwetterwort und Ausdruck sorgloser Entrücktheit in Götterhimmeln, war für manchen Serenissimus unter den Fürsten ein quasi-göttlicher Zustand, in dem sich festlich regieren und "jovial" repräsentieren ließ. Dann griffen die Dichter nach der Heiterkeit und erwählten sie sich, dem "Ernst des Lebens" zum Trotz, als sublimes Attribut der klassischen Kunst und Literatur. So begann, dunkel grundiert, die glanzvolle literarisch-philosophische Karriere der Heiterkeit, die der deutschen Literatur für zwei Jahrhunderte einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt hat. Harald Weinrich skizziert in seinem brillant geschriebenen Essay die herausragenden Stationen dieses Weges durch die Geschichte. Er führt uns in die Gesellschaft von Goethe und Schiller, wir begegnen Kant, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche, die alle der Heiterkeit auf je eigene Weise noch tiefer auf den Grund gegangen sind. Im zwanzigsten Jahrhundert erwarten uns dann solche Gegensätze wie Thomas Manns "höhere Heiterkeit", Ernst Jüngers angestrengt soldatische und Günter Eichs längst nicht mehr "güldene" Heiterkeit. Der schwärzeste Schatten ist jedoch von Auschwitz her auf die Heiterkeit gefallen. Ob damit für immer der Stab über sie gebrochen ist, bleibt eine offene Frage. Zu ihrer Beantwortung sind unerlässlich solche literarisch-philosophischen Erkundungen wie diejenigen dieses nachdenklichen Essays, der gleichwohl wieder zur Heiterkeit ermutigen will, mehr denn je auf dunklem Grund. (C.H. Beck)
Buch bei amazon.de bestellen