Vom ehernen Moralgehalt deutscher Nationalitätszugehörigkeit in Zeiten ungehemmter Lust am medialen Getöse

Als im Jahre 1945 das Dritte Reich der Nationalsozialisten in Blut und Schande versank, lernte die Welt verstehen, was Antisemitismus (genauer: Hass auf Juden) im Extremfall bedeuten kann. Ausgemergelte Gestalten, kaum noch lebendig, nebst hingehäuften Kadavern zum Tode gequälter KZ-Insassen, prägten das bildlich gewordene Nachkriegsempfinden des deutschen Kollektivgewissens. Erstmals war Kollektivschuld anschaulich geworden in einer Welt selbstevidenter Schreckensbilder. Das historische Verbrechen wurde zum untilgbaren Stigma einer ganzen Nation und wir, die wir heute als Österreicher und Deutsche – als Insassen geschichtlich gewordener Gebilde - die Erbschaft historischer Verfehlung zu bekennen haben (nicht als Individuum, doch als Kollektiv), wissen um die dunklen Worte, die uns noch für lange Zeiten ins Stammbuch eingeschrieben sein werden. Dafür haften wir als völkisches Kollektiv, selbst dann noch, wenn unseren juristischen Rechtsordnungen das Prinzip der Sippenhaftung fremd ist. Dass wir um diesen gemeinsamen Haftungsfall wissend ihn nicht weiterhin mehr verleugnen und dass wir als Nachgeborene Bereitschaft zur Sühne für Taten zeigen, die wir persönlich nicht begangen haben, ehrt uns umso mehr. Die Anerkennung von historischer Kollektivschuld bezeugt nichts Geringeres als eine neue, noch nie da gewesene Qualität im Zivilisationsprozess der Völker und erhebt die moralisch Geächteten auf eine Stufe höherer Moralität, die es mit Achtsamkeit zu wahren gilt. Es scheint fast so, dass erhöht wird, wer seinen tiefen Fall vor aller Welt eingesteht.

Das Eingeständnis kollektiver (Erb)Schuld vor der Geschichte versorgt auch den ansonsten so ramponierten Begriff von der deutschen Nation mit einer neuen sittlichen Qualität. Über Jahrhunderte war Österreich und Wien als Reichshauptstadt und Ort kaiserlicher Residenz Zentrum deutscher Kultur und deutscher Reichspolitik, wovon man nach 1945 aus naheliegenden Gründen nichts mehr wissen wollte. Der Österreicher distanzierte sich von den Verbrechen der deutschen Nation, indem er leugnete jemals Teil dieser Nation gewesen zu sein und sich stattdessen in Verkehrung historischer Tatsachen zum ersten Opfer deutscher Abwegigkeit mythologisierte. Nun nannte er sich gerne Österreicher und gab sich solcherart in spontaner Manier eine Identität, die ihm zuvor noch unlieb gewesen war und die nun als geschichtslose Kopfgeburt auf eine glorreiche Vergangenheit verwies, welche freilich keine österreichische Nationalität, sondern nur ein österreichisches Kaiserreich mit „fröhlicher Völkervielfalt“ gekannt hatte, das grosso modo von einer deutschen (später auch ungarischen) Herrenschicht geleitet wurde. Dieser unter peinlichen Umständen vom Habsburgermythos abgeleitete, klammheimlich konstruierte Nationalbegriff war seiner Genese nach faschistoid, weil der völkische Identitätswechsel doch nur dazu diente, sich aus der unappetitlich gewordenen Affäre nationalsozialistischer Mittäterschaft ungeschoren davon stehlen zu dürfen. Freilich war der Begriff des „Österreichers“ in Abgrenzung zum nordisch-protestantischen Deutschtum schon unter dem vergleichsweise harmlosen klerikalautokratischen Regime der Austrofaschisten ab 1934 identitätsstiftend verwendet worden, doch verstanden deren Führer Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg darunter noch den besseren Deutschen, womit sie die aus der deutschen Geschichte abgeleitete Forderung verbanden, das katholisch-barocke Wien und nicht das protestantisch-nüchterne Berlin möge, wie in früheren Jahrhunderten schon, Hauptstadt eines neu einzurichtenden Reiches aller Deutschen werden. Die Kunstfigur des nach 1945 neu entworfenen „Österreichers“ bezeichnet hingegen eine Identität, die sich vom Deutschtum gesäubert hat, so wie man sich verräterischen Schmutz vom Leibe wascht. Bekennt sich der Österreicher heute zu seiner historisch gewachsenen kulturellen Verwobenheit mit dem Deutschtum, so impliziert dies – sachlich betrachtet – einen Offenbarungseid vor der Geschichte und ein Versprechen, der historisch verbürgten Verbrechen der deutschen Nation, deren Mitglied er ist, immerwährend zu gedenken. In diesem Sinne entfaltet sich der verpönte deutsche Nationalbegriff vor aller Welt als Moralbegriff, der besagt: Ich bin stolz ein Deutscher zu sein, denn ich weiß um deutsche Würde und um deutsche Schuld, bin bereit zur Sühne, stehe für meine Erbschaft ein, im Guten wie im Bösen. (Wer sich des Goethe und des Mozart rühmt, muss sich ebenso des Österreichers Adolf Hitler – wer zweifelt schon dessen Deutschtum an? - und seiner Gefolgsleute schämen)

Nicht vergessen wollen, heißt im konkreten Zusammenhang immerfort gedenken und sühnen wollen. Die notwendige Ritualisierung des Gedenkdienstes macht eben diesen benutzbar und für machtpolitische Zwecke ausbeutbar, was auch zweifellos hie und da geschieht. Insbesondere jüdischen und dezidiert antifaschistischen Organisationen wie auch jüdischer Politik wurde zuletzt – etwa vom Wiener Philosophen Rudolf Burger in seinem nicht ganz zu unrecht scharf kritisierten „Plädoyer für das Vergessen“ – mehr oder minder offen zum Vorwurf gemacht, den deutschen Willen zur Sühne für ihre Zwecke auszunützen. Einmal abgesehen von der Frage, ob und inwieweit dies den Tatsachen entspricht, ist vorweg klarzustellen: Warum denn auch nicht? Benutzen denn nicht auch Christdemokraten die christliche Ethik für ihre parteipolitischen Zwecke, ist es nicht auch der liebe Brauch von Sozialisten, mit der Beschreibung sozialer Miseren ihre zum wohldotierten Parteiapparat verdichteten Ideen zu propagieren, und bedeutet nicht die Stilisierung der ökologischen Krise zum grünen Selbstzweck genauso eine Form der Instrumentalisierung von Schrecknissen zur Stabilisierung von organisierter Manifestation ökologischer Gewissenhaftigkeit? Es ist ein altes soziologisches Gesetz, dass sich Menschen mit gleichlautenden Ideen organisieren, und ideelle Organisationen aus Gründen des Selbsterhalts und Gedeihens ausgerechnet jene Ideen korrumpieren, derentwegen sie in die Welt getreten sind. Und konkurrieren in der Politik denn Wahrheiten um den Titel der letzten Wahrheit? Mitnichten, Politik bedeutet immer noch das faktische Gegen- und Miteinander von bloßen Widersprüchen, die herrschen wollen, und mögen sie noch so falsch und unwahr sein. Politik funktioniert im besten Fall nach dem dialektischen Prinzip, welches eben nicht nach Ergründung objektiver Wahrheit, sondern nach gezielter Synthese von These und Antithese strebt, also Wirklichkeit nicht erforscht und beschreibt, sondern Wirklichkeit erschafft. Auch jüdischen Organisationen geht es wohl primär um Gewinnung von gesellschaftlicher Gestaltungsmacht, und sie wären schlecht beraten, würden sie sich als dezimierte kultische Minderheit nicht mit der Moralkeule bewaffnen, um die von ihnen gewünschte Wirklichkeit besser verwirklichen zu können. Es sei ihnen zugestanden, so zu tun. Ein bisschen Trug und List gehören (für jeden) einfach zum politischen Alltag, egal ob ein Jude, Deutscher oder sonst wer agiert, und je nach moralischer Grundeinstellung des Betrachters werden die Grenzen des Integeren dabei verletzt oder auch nicht. Im Zusammenhang mit jüdischen Einrichtungen bleibt zudem die Frage dahingestellt, ob sie die sühnende Praxis des Gedenkens tatsächlich etwa - wie immer wieder behauptet wird - zum Zwecke einer Immunisierung der Politik Israels gegen Kritik ausbeuten (in dem moralisch verwerflichen Sinne von „ausbeuten“?). Manche meinen darauf eine Antwort zu wissen. Ich hingegen weiß nur, dass ich nicht (mit hinreichender Sicherheit) das weiß, von dem andere behaupten, sie wüssten es (mit hinreichender Sicherheit). Persönlich scheint es mir jedoch zu weit gegriffen, von „Ausbeuten“ oder auch nur „Ausnutzen“ des deutschen Willens zur Sühne zu sprechen. Denn dass das Herz des jüdischen Volkes in der Diaspora für Israel schlägt, ist nach aller leidvollen Erfahrung nur zu verständlich und hat eben seine besondere Begründung in der Leidensgeschichte dieses Volkes. Auch in diesem Zusammenhang wird nur zu oft das Vergessen von Geschichte betrieben.

Wenig gerechtfertigt scheint mir der aktuelle Antisemitismusstreit, welcher sich zum Gaudium des verderbten Lesers im deutschen Feuilleton als öffentlich inszenierte Keilerei dominanter Society-Hähne um mediale Rangordnungsplätze abspielt und solcherart die ernsthafte Angelegenheit zur abgeschmackten Schmierenkomödie herabwürdigt. Wirklich nichts Besonderes liegt dem Gerangel zugrunde, doch erregt ausgerechnet die offenkundige Trivialität des Anlasses zur Genüge die Schwatzlust diverser Kommentatoren aller Sparten, lässt sich doch über nichts anderes trefflicher streiten und schwätzen als über das Unerhebliche, das niemanden ernstlich rührt. Ist es doch letztlich ein Streit um des Kaisers Bart, der mehr des emotional gefärbten Getöses denn des geschichtsträchtigen Bedeutungsgehalts wegen ausgefochten wird. Was die cholerischen Gemüter des stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Michel Friedman und des freidemokratischen Parteivize Jürgen Möllemann in Wallungen bringt, ist genauso wenig der Rede wert, wie das mittlerweile schon hinreichend zerredete literarische Ungemach Martin Walsers als Ursache für das Gezänk zwischen ihm und dem gnadenlosen Literaturinquisitor Marcel Reich-Ranicki. Der eingeschnappte Antisemitismusvorwurf des jüdischen Regiewunders Luc Bondy gegen den ihn rein sachlich kritisierenden Essayisten Karl-Markus Gauß muss überhaupt als unzulässiger Versuch der Immunisierung gegenüber jeglicher Kritik abgetan werden, womit sich die Sache jedoch auch schon wieder erledigt hätte. Mangel an Taktgefühl paart sich zuweilen mit hysterischer Empfindlichkeit und artet in cholerisches Antisemitismusgeschrei aus, dem es an jeglicher Würde fehlt, und das dem kritischen Beobachter nur eine einzige lohnenswerte Erkenntnis vermittelt: Diese ganze moralingesäuerte Debatte betrifft Österreicher wie Deutsche gleichermaßen, wird gleichermaßen von diesen unter dem Titel ungehöriger Tabubrüche reflektiert, reizt sie gleichermaßen auf, ja ist alles in allem ein sich gleichförmig wiederholender Aufruhr gemeinsamer nationaler Geschichtsverfangenheit. Präzise gesagt: Diese Debatte ist deutschnational. Vergibt sie doch dem Deutschen sein belastetes Deutschtum genauso wenig, wie sie den Österreicher aus seiner ebenso belasteten deutschen Vergangenheit entlässt. Gewiss, so mancher mag sich zuletzt im Wort vergriffen haben, was jedoch noch lange nicht den Tatbestand des Antisemitismus verwirklicht, ein Vorwurf, der zudem bei gegebener Belanglosigkeit die Wirklichkeit des eigentlichen Judenhasses fahrlässig verharmlost und solcherart seine Resozialisierung zur vertretbaren Verhaltensnorm betreibt. Und so stellt sich bloß noch die Frage, ob man dies als Deutscher denn darf? Oder ob man als Deutscher nicht zu höchster Zurückhaltung in Sachen jüdischer Empfindlichkeit verpflichtet ist? Die Antwort kann nur lauten: Warum denn? Warum soll er nicht frei sprechen dürfen? Soll er denn einer Kultur des in sich Hineinschweigens frönen? Ein positives Vorurteil ist genauso verwerflich wie ein negatives Vorurteil, und wer meint, man müsse die Darstellung des jüdischen Menschen in der Literatur für alle Zeiten gegen das Merkmal des Bösen wappnen (ihn hingegen zum moralisch Edeln stilisieren oder auf ein moralisches Neutrum reduzieren) und jede auch noch so gerechtfertigte Kritik an einer Person jüdischer Abstammung sich fürderhin verkneifen, der betreibt genauso eine rassistische Strategie wie jener, der den Juden einzig nur über schlechte Charaktermerkmale bestimmen will und Ressentiments gegen Juden pflegt. So wie es jüdischen Organisationen erlaubt sein muss, mit allen erlaubten Mitteln nach politischer Wirkmacht zu streben, so muss es ebenso deutschen Politikern, Essayisten und Belletristen gestattet sein, auch einmal unsensibel polemisch in ihrer Kritik an jüdischen Personen oder Organisationen auszufallen.

Die dröhnende Aufregung über das Nichtige lenkt des Betrachters Blick auf das allemal noch Bedeutsame, denn, antifaschistische Gesinnung ist im konkreten Fall des Österreichers und des Deutschen eine betont deutsche Gesinnung, die zu ihrer historischen Genese steht und nur aus ihrer Verwurzelung im Deutschtum wirklich begreiflich ist. Ist sie doch ihrer besonderen Wesensart nach ein Produkt deutscher Geschichte, die wie keine andere nach wie vor vom zeitgeschichtlich verbürgten Absturz in die verbrecherische Abgründigkeit nationalsozialistischen Rassenwahns gezeichnet ist. Selbst noch der so wenig erbauliche aktuelle Antisemitismusstreit ist bei aller Banalität ein Indiz für die besondere Moralität des kulturhistorischen Begriffs vom Deutschtum. Als Österreicher sollte man übrigens zu diesem gewissermaßen natürlich gewachsenen Nationalitätsbegriff stehen und sich nicht in die Geschichtslosigkeit eines unbefleckten weil fiktiven Wesens davonstehlen, das 1945 als Kopfgeburt aus der Taufe gehoben wurde um sich für immer aller Verantwortung für im deutschen Kollektiv begangene Vergehen gegen die Menschlichkeit zu entledigen. Es geht nicht an, eine mehr als tausend Jahre alte Geschichte im Verband deutscher Volksgemeinschaft zu verleugnen, nur um sich von jener Schuld entlasten zu können, die man als Teil dieser Volksgemeinschaft einst auf sich geladen hat. Der erst in Nachkriegszeiten zum Österreicher gewandelte Süddeutsche sollte sich folglich aus Gründen postulierter Verantwortungsethik heute wieder auf sein Deutschtum besinnen. Dass dieser Gedanke vielen Österreichern noch immer so unmöglich und manchen gar provozierend erscheint, ist ein bezeichnendes Indiz für die nach wie vor in diesem Volke gleichermaßen gebräuchliche wie ungebrochen wirkmächtige Praxis des Verdrängens von unliebsamen Geschichtserinnerungen.


(Torquato Tasso; 22. Juni 2002)
Kontakt