(...)
Ottokar
Die Lande hier sind mein!

Rudolf
Sie waren's nie!

Ottokar
Mein Weib Margrethe brachte sie mir zu!

Rudolf
Wo ist Margrethe nun?

Ottokar
Wo immer, gleichviel!
Sie gab mir dies ihr Land!

Rudolf
Soll ich sie selber
Als Richtrin stellen zwischen uns? - Sie ist im Lager!

Ottokar
Im Lager, hier?

Rudolf (mit geändertem Tone)
Die Ihr so schwer beleidigt,
An Rechten und an Freuden hart beraubt,
Heut morgens kam sie, milden Sinnes bittend
Um Schonung für den Mann, der ihrer nie geschont!

Ottokar
Die Mühe konnte sich die Frau ersparen!
Wo Ottokar, da braucht's der Bitten nicht!

Rudolf (stark)
Wohl braucht's der Bitten, mein Herr Fürst von Böhmen,
Denn sprech ich nur ein Wort, seid Ihr verloren!

Ottokar
Verloren?

Rudolf
Ja! von Böhmen abgeschnitten.

Ottokar
Indes Ihr Wien belagert, mach ich's frei!

Rudolf
Herr, Wien ist über!

Ottokar
Nein!

Rudolf (hinter sich gewendet)
Herr Paltram Vatzo!
Wo ist er? Er begehrte mich zu sprechen;
Der Bürgermeister samt dem Rat von Wien.

(Paltram Vatzo, Bürgermeister von Wien, mit einigen Ratsgliedern kommt, die Schlüssel der Stadt auf einem Kissen tragend.)

Paltram
In Unterwürfigkeit, mein Herr und Kaiser,
Bring ich die Schlüssel Euch der Stadt von Wien,
Euch bittend, daß Ihr mir nicht zürnt darob,
Weil ich, dem König treu, dem ich geschworen,
Die Stadt gehalten bis auf diesen Tag;
Sie auch, verzeiht! vielleicht noch länger hielt,
Wenn nicht das Volk die Übergab' erzwungen,
Der langen Sperrung müd und der Entbehrung.
(Er legt knieend die Schlüssel zu des Kaisers Füßen.)
Mein Amt, ich leg es mit den Schlüsseln ab,
Doch sollt als treuen Bürger Ihr mich finden.
(Aufstehend)
Des Landes Herr ist Paltram Vatzos Herr,
Zugleich mit meinem Land ergeb ich mich!
(Er tritt zurück.)

Ottokar
Verdammt! O Wiener! Leichtbeweglich Volk!
Hast du für deinen leckern Gaum gezittert?
Doch soll's dich reun! Die Zufuhr sperr ich dir
Aus Klosterneuburg, meiner starken Feste!

Rudolf
Auch Klosterneuburg ist in meiner Hand,
Und nichts mehr dein am rechten Donauufer!
Herr Friedrich Pettau, kommt!

(Friedrich Pettauer tritt vor mit niedergeschlagenen Augen.)

Ottokar
Ha, schändlicher Verräter!
So gabst du meine Burg?

Pettauer
Nicht ich, o Herr!
Ein rascher Überfall, spät gestern abends -

Ottokar
Genug! Ich weiß, daß ich verraten bin!
Doch triumphiere nicht! Doch spott ich dein!
Aus Steiermark naht mir ein stattlich Heer
Mit Milota, dem treuerprobten Führer;
Im Rücken faßt er deine Mietlingsschar,
Indes, wie Donnerwolken, Ottokar
Von vornehmer die schwachen Halme knickt,
Und kein Entrinnen bleibt als in die Donau!

Rudolf
O sprich nicht weiter, allzu rascher Fürst!

Ottokar
Erkennst du nun, wie weit du noch vom Ziel?

Rudolf
Auf Milota bau deine Hoffnung nicht!

Ottokar
Mein Grund steht fest; an dir ist's wohl, zu zittern!
In Waffen sehn wir uns. Leb wohl!

Rudolf
Du gehst?
Du gibst die Lande nicht?

Ottokar (zum Abgehen gewendet)
Ob ich sie geb!

Rudolf
Nun wohl, so sprich denn selbst mit Milota,
Ob du mit Grund ihm so viel magst vertraun?

(Milota tritt auf in Ketten.)

Rudolf
So brachten mir die Herren ihn von Steier,
In Ketten, weil er grimmig sie gedrückt.
Nehmt ihm die Fesseln ab! - Hier ist das Banner
Von Steiermark, und hier ist Östreichs Banner,
(Landesherrn von Östreich und Steiermark treten auf des Kaisers Seite vor, mit Banner und Farben ihres Landes.)
Sie gaben selbst sich in des Reiches Schutz.

Steht nicht so traurig da, mein Fürst von Böhmen!
Schaut um Euch her! Die Wolken sind entflohn,
Und klar seht Ihr nun alles, wie es ist.
Wenn Österreich verloren -

Ottokar
Ha, noch nicht!

Rudolf
Täuscht Euch nicht selbst! Ihr fühlt's in Eurem Innern,
Daß es verloren ist; und zwar auf immer!

Ihr wart ein mächt'ger Fürst, ein großer König,
Eh' die Gelegenheit des Mehrbesitzes
In Euch entzündet auch den Wunsch dazu;
Ihr werdet's bleiben, mächtig, reich und groß,
Wenn auch verloren, was nicht halten konnte.
Denn Gott verhüte, daß ich einen Finger
Ausstreckte nach dem Gut, das Euch gehört.
Auch könnt' ich's nicht! Euch bleibt ein mächtig Heer,
Zu aller Art des Streites wohlgerüstet,
Und zweifelhaft ist aller Schlachten Glück.
Allein, tut's nicht! Verkennt nicht Gottes Hand,
Die Euch gewiesen, was sein heil'ger Wille.

Mich hat, wie Euch, der eitle Drang der Ehre
Mit sich geführt in meiner ersten Zeit.
An Fremden und Verwandten, Freund und Feind
Übt' ich der raschen Tatkraft jungen Arm,
Als wär' die Welt ein weiter Schauplatz nur
Für Rudolf und sein Schwert. In Bann gefallen,
Zog ich mit Euch in Preußens Heidenkrieg,
Focht ich die Ungarschlacht an Eurer Seite,
Doch murrt' ich innerlich ob jener Schranken,
Die Reich und Kirche allzu ängstlich setzten
Dem raschen Mut, der größern Spielraums wert.
Da nahm mich Gott mit seiner starken Hand
Und setzte mich auf jene Thronesstufen,
Die aufgerichtet stehn ob einer Welt.
Und gleich dem Waller, der den Berg erklommen
Und nun hinabsieht in die weite Gegend
Und auf die Mauern, die ihn sonst gedrückt;
So fiel's wie Schuppen ab von meinen Augen
Und all mein Ehrgeiz war mit eins geheilt.
Die Welt ist da, damit wir alle leben,
Und groß ist nur der ein' allein'ge Gott!
Der Jugendtraum der Erde ist geträumt,
Und mit den Riesen, mit den Drachen ist
Der Helden, der Gewalt'gen Zeit dahin.
Nicht Völker stürzen sich wie Berglawinen
Auf Völker mehr, die Gärung scheidet sich,
Und nach den Zeichen sollt' es fast mich dünken
Wir stehn am Eingang einer neuen Zeit.
Der Bauer folgt in Frieden seinem Pflug,
Es rührt sich in der Stadt der fleiß'ge Bürger,
Gewerb' und Innung hebt das Haupt empor,
In Schwaben, in der Schweiz denkt man auf Bünde,
Und raschen Schiffes strebt die muntre Hansa
Nach Nord und Ost um Handel und Gewinn.
Ihr habt der Euren Vorteil stets gewollt;
Gönnt ihnen Ruh', Ihr könnt nichts Beßres geben!

O Ottokar, es war 'ne schöne Zeit,
Als wir, aus Preußen rückgekommen,
saßen Im Söller Eures Schlosses am Hradschin,
Von künft'gen Tagen, künft'gen Taten sprachen!
Bei uns saß damals Königin Margrethe -
Wollt Ihr sie sehn? Margrethen sehen?

Ottokar
Herr!

Rudolf
Daß Ihr den Friedensengel von Euch stießt,
Der sanft versöhnend ob Euch wartete,
Die rasche Glut mit Segenswort besprach
Und treulich, eine liebe Schwester, sorgte!
Mit ihr habt Ihr das Glück von Euch verbannt. -
Ihr seid in Eurem Haus nicht glücklich, Ottokar! -
Wollt Ihr Margrethen sehn? sie ist im Lager!

Ottokar
Nein, Herr! Allein die Lehen will ich nehmen.

Rudolf
Von Böhmen und von Mähren?

Ottokar
Ja, Herr Kaiser!

Rudolf
Dem Reich erstatten -?

Ottokar
Östreich, Steiermark,
Was ich vom Reich; was sich von mir getrennt.
Ich habe viel für sie getan! Der Undank,
Der Menschen Schlechtheit ekelt tief mich an.

Rudolf
So kommt ins Zelt!

Ottokar
Warum nicht hier?

Rudolf
Es werden
Des Reiches Lehen knieend nur genommen!

Ottokar
Ich knien?

Rudolf
Das Zelt verbirgt uns jedem Auge.
Dort sollt Ihr knien vor Gott und vor dem Reich,
Vor keinem, der ein Sterblicher, wie wir.

Ottokar
Wohlan!

Rudolf
Ihr wollt? Gesegnet sei die Stunde!
Geht Ihr voran, ich folg Euch freudig nach.
Wir beide feiern einen großen Sieg!

(Sie gehen ins Zelt, die Vorhänge fallen zu.)
(...)


(aus "König Ottokars Glück und Ende" von Franz Grillparzer)
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