Anton Tschechow: "Kaschtanka"

Geschichten wie die der Hündin Kaschtanka lassen einen Lassie-Seifenopern augenblicklich vergessen.


Kaschtanka hat sich verlaufen. Plötzlich ist ihr Herr nicht mehr zu finden. Mit verfrorenen Pfoten, vor Kälte zitternd, schläft sie schließlich in tiefem Schnee an eine fremde Haustür gedrückt ein. Ein dicker kleiner Herr weckt sie beim Öffnen der Türe auf und nimmt sie zu sich mit. Verwirrend neu ist diese Behausung für Kaschtanka: So ganz anders als die gewohnte Tischlerei ihres Herren.

In ihrem neuen Zuhause ist sie nicht das einzige Tier. Welcher Arbeit gehen der kleine dicke Herr, der Ganter Ivan Ivanitsch und der Kater Fjodor Timofeitsch wohl nach? Ich verrate gerne, dass Kaschtanka nach einigen ungewöhnlichen Erlebnissen wieder zu ihrem Herren zurückfindet.

Dieser nacherzählten Version einer Erzählung Anton Tschechows ist es gelungen, die erzählerischen Raffinessen des Originals beizubehalten: nach einem ersten einleitenden Absatz, in dem noch mit Distanz auf eine junge Hündin geblickt wird die sich verlaufen hat, wechselt die Geschichte dann in Kaschtankas Erzählperspektive. Gerade versucht sie noch zu begreifen wie es passiert ist, dass sie ihren Herren verloren hat, und schon erhält sie ein neues Leben mit einem neuen Namen. Sie versucht sich zu erinnern, wie es in der Tischlerei war. War das Leben dort so gut? Oder hat sie es nun besser?

Gennadij Spirins Illustrationen folgen den Erzählperspektiven und gehen mit Kaschtankas Erinnerungen und Empfindungen meisterlich mit. Seine Bilder umfangen eine klassische Erzählung mit einem edlen malerischen Kleid. Spirin wurde 1948 in Moskau geboren. Seine filigranen Miniaturen wurden vielerorts mit namhaften Preisen ausgezeichnet. Sein Mitwirken garantiert anspruchsvolle, erfolgreiche Kindermärchenbücher.

Sybil Gräfin Schönfeldt versteht es besonders gut, den Ton des russischen Autors Antonij Pogorelskij (1787-1836) zu treffen. Die Germanistin und Kunsthistorikerin arbeitet als freie Journalistin und Übersetzerin für diverse Zeitschriften und Zeitungen sowie für den Rundfunk. Sie erhielt bereits mehrere Auszeichnungen für ihre Arbeit, u.a. den Deutschen Erzählerpreis und den Deutschen Jugendbuchpreis.

(Die Prinzessin; 11/2002)


Anton Tschechow: "Kaschtanka"
Illustriert von Gennadij Spirin.
Nacherzählt von Sybil Gräfin Schönfeldt.
Esslinger, 2002. 28 Seiten.
ISBN 3-480-21826-1.
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