Henning Wiesner: "Das große Buch der Tiere"

Ein Zoodirektor erzählt
Mit Illustrationen von Günter Mattei


Spannende Themen aus der Zoologie für Kinder und Erwachsene

Zoologische Gärten erfreuen sich nicht nur bei Kindern großer Beliebtheit, denn Wildtiere haben ihre faszinierende Wirkung auf den Menschen nie verloren. Ein Zoobesuch kann allerdings nur relativ wenig Hintergrundwissen zum Leben und zur Evolution der "ausgestellten" Tierarten beitragen. Das vorliegende Buch schließt diese Lücke, wie bereits die Benennung der einzelnen Kapitel erkennen lässt (in Klammern: Anmerkungen der Rezensentin):

Die Aufgaben des modernen Zoos reichen weit über jene früherer "Menagerien" hinaus. Der Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn berichtet beispielsweise über die Rettung des Wisents in einem Zooprojekt und erläutert das genaue Zuchtverfahren bei der Rückzüchtung von Auerochse und Tarpan, die zwar nicht eine Auferstehung dieser ausgestorbenen Arten ermöglicht, wohl aber vermitteln kann, wie jene urtümlichen und für die Entwicklung der Haustiere Rind und Pferd bedeutsamen Tiere aussahen. Im ersten Kapitel werden aber auch die Betäubungsmethoden für Wildtiere erläutert. Dabei findet die Jagd indianischer Völker mit Blasrohr und Giftpfeil gründliche Erwähnung - einer von vielen spannenden und aufschlussreichen Exkursen.

Die mittels zahlreicher Grafiken und Schemazeichnungen erklärten Anpassungen der Tiere an die Herausforderungen ihrer Umwelt fesseln nicht nur Kinder: Welcher Erwachsene kennt zum Beispiel die Mechanik des Vogelflugs? Wie schützen sich Giraffen vor dem Gift ihrer Hauptnahrungspflanze, der Akazie, und warum gelingt dies den Kudus nicht? Wie reguliert die Giraffe bei ihren Bewegungen den Blutdruck? Die Antworten sind nicht selten verblüffend und lehren Kinder wie Eltern, dass die Natur der raffinierteste Erfinder ist. Dies wird auch im Kapitel über die Öko-Nischen deutlich, zum Beispiel anhand des Fortpflanzungstricks der Kängurus, einen Embryo so lange in einem ganz frühen Entwicklungsstadium zurückzuhalten, bis ein älteres Junges entwöhnt ist. Als nicht minder spannend entpuppen sich zudem die Kapitel über Paläontologie und Evolution, in denen unter anderem Artenentstehung, Gehirnentwicklung und die Evolution von wichtigen Körperteilen (Auge, Gehirn, Hand, ...) und der Kultur (Feuer, Sprache, ...) sehr gut verständlich erläutert werden. Vor allem Kinder sind überrascht vom unterschiedlichen Ursprung der Haustiere und der Vielfalt der Rassen, die aus einem einzigen Vorfahren gezüchtet wurden.

Im Anhang wird die Zukunft des Zoos und seiner Aufgaben diskutiert.

Die einzelnen Abschnitte sind von kinderfreundlicher Länge (oder vielmehr: Kürze) und dennoch genügend ausführlich gehalten. Vor allem gelingt es dem Autor, auch schwierige Sachverhalte kindgerecht zu erklären, sodass bereits wissensdurstige Achtjährige - gegebenenfalls mit Begleitung durch Erwachsene - einen guten Teil des Inhalts begreifen können. Die kleine Schrift kommt Kindern unter zehn Jahren allerdings weniger entgegen.

Die zahlreichen farbenfrohen und lebensnahen Bildtafeln in Siebdrucktechnik ergänzen den Text hervorragend und vermitteln zusammen mit dem chamoisfarbenen Papier den Eindruck eines wertvollen Faksimiles. Die Inhalte freilich entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung.

Gerade in Verbindung mit einem Zoobesuch ist dieses Buch also wirklich eine gute Investition, zumal die Texte Kindern das Gefühl geben, ernstgenommen zu werden.

(Regina Károlyi; 03/2006)


Henning Wiesner: "Das große Buch der Tiere"
Hanser, 2006. 142 Seiten. (Ab 8 J.)
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