Andrej Kurkow im Gespräch

am 19. September 2003 im Wiener Kaffeehaus Landtmann

von Fritz Nussbaum

(Foto: D. Krestan)

Andrej Kurkow schreibt nicht nur wunderbare Bücher, er spricht auch viele Sprachen. Zunächst erstaunt der russischschreibende Kiewer dadurch, das Interview auf deutsch halten zu wollen, eine Sprache, die er sich nach kurzem wie intensivem Aufenthalt am Münchner Goethe-Institut angeeignet hat. Das Gespräch führt zu einer anderen Sprache, durch die er sich einst einigen Ärger eingefangen hat. ...


... Als ich die japanische Sprache in einer Übersetzerschule studierte, wurde ich beim KGB registriert. Denn es gab so wenige Leute, die Japanisch studierten. Und in meinen Kommissariat-Papieren stand schon geschrieben, dass ich mit der KGB-Counterspionage-Unit auf den Kurilen-Inseln im japanischen Meer meinen Dienst absolvieren muss. Und ich wollte das nicht machen, weil man nach diesem Dienst für 28 Jahre nicht ins Ausland fahren konnte.

Zu viele Geheimnisse?

Ja. Und ich wollte immer reisen.

Wenn zum Beispiel japanische Gäste vor 3, 4 Jahren nach Kiew gekommen sind, konnte es dann sein, dass der Geheimdienst Sie anrief: "Wir brauchen einen Übersetzer?"

Nein. Sie haben mich niemals benutzt. Ich war ihnen niemals vertraut. Denn mein älterer Bruder war Dissident, und einige von seinen Freunden waren auch in Gefängnisse gesteckt, einige sind gestorben. Er ist später ein Philosoph geworden, hat dann Jura studiert, und jetzt ist er ein Kiewer Juwelier.

Ist er zurückgekommen? Sie sagten Dissident.

Ich meine, dass er antisowjetisch war. Er war nicht - er war verhaftet, aber dann, wie man sagt, für ein "bribe" hat er 2 Jahre Hausarrest bekommen statt Gefängnis.

Die Reisen, die Sie schon angesprochen haben, spielen eine große Rolle auch in Ihren Büchern. Ist es so, dass Sie aus Leidenschaft reisen, und was Sie dabei erleben, das verarbeiten Sie auch in den Abenteuern Ihrer Bücher?

Ja, ich versuche, die wahren Orte natürlich zu benutzen. Mein nächstes Buch ist ein Thriller mit einer Schildkröte. Das beginnt in Kiew, dann geht die Handlung nach Polen, Deutschland, Eifel, Nordrhein-Westfalen, Belgien, dann nach Luxemburg, Trier, Paris, Nordzypern, Südzypern und überallhin, wo ich gewesen bin, also ich beschreibe die wirklichen Orte und Plätze, das ist interessanter. Ja, und wenn ich dort etwas Interessantes finde, dann benutze ich diese Kleinigkeiten auch als Details.

Und ich habe gedacht, es kommt noch ein drittes Pinguin-Buch.

Nein.

Sie machen eine Anspielung: Trilogie. Es kommt keines mehr?

Ich denke, dass es genügt. Ich habe jetzt eine andere Idee, aber das ist fast noch ein Geheimnis, denn ich habe diese Idee erst heute morgen gehabt. Ich versuche vielleicht, eine Serie von Kinderbüchern mit Mischa und Sonja zu schreiben, ohne Mafia, ohne Erwachsene, ganz verschiedene Geschichten nur für Kinder. 5 Kinderbücher habe ich schon auf russisch veröffentlicht, früher schrieb ich ganz viele Kindergeschichten. In den letzten Jahren, nach der Geburt meiner ersten Tochter, habe ich, ich weiß nicht, warum, aufgehört, Kinderbücher zu schreiben. Aber jetzt habe ich schon 3 Kinder, und der jüngste Sohn ist neun Monate alt. Also muss ich wohl ...

Und die Älteste ist wie alt?

6 1/2.

Hat also Sonja auch ein bisschen ein Vorbild?

Der Roman wurde 1995 geschrieben, als ich noch keine Kinder hatte. Ich würde eher sagen, dass meine Tochter vielleicht Sonja als Beispiel benutzt. Manchmal.

Sie kennt das Buch?

Sie kennt Sonja, ich erzählte ihr ein bisschen - aber sie hat es natürlich nicht gelesen.

Auch Tiere spielen eine wichtige Rolle in Ihren Büchern. Bei diesem, ich weiß jetzt den russischen Titel nicht, auf Deutsch heißt es "Petrowitsch", das Buch, das in Kasachstan spielt ...

Der russische Titel ist "Freundlicher Engel des Todes".

Nicht so sanft wie die deutschen Titel. Wahrscheinlich ein Wunsch des Verlages?

Ich weiß nicht, ich mochte diesen Titel "Petrowitsch" nicht sehr, weil das nichts sagt, nur die Richtung der Atmosphäre angibt, und dass es etwas Russisches ist.

Dieses "Zakon Ulitki" zum Beispiel, das ist ja ein Begriff der Mafia -

Ja.

- und "Pinguine frieren nicht" ist ganz etwas anderes.

Ganz etwas anderes, ja. Aber der französische Titel von "Petrowitsch" ist "Le Chameleon". Und "Picknick auf dem Eis" heißt auf Französisch "Le Pinguin". Einfacher, aber direkter.

Aber für die russischen Leser ist der andere Titel besser gewählt, glauben Sie, die können mehr mit "Zakon Ulitki" usw. anfangen?

Ja. Wenn "Pinguine frieren nicht" ein russischer Titel wäre, würden die Leute denken, dass es ein humoristisches Buch ist, etwas Leichtes und sehr Lustiges.

Haben Sie ein Lieblingstier?

Zuerst war das eine Ratte, weil ich in meinem ersten philosophischen Roman eine Ratte als positiven Helden hatte.

Eine weiße?

Eine normale, grau.

Eine normale Kiewer Ratte?

Keine Kiewer Ratte, das war eine Schiffsratte. Diese Ratte begleitet den Haupthelden vom Fernosten der Sowjetunion, vom japanischen Meer bis nach Leningrad, zu Fuß. Und das dauert fast 18 Jahre. Es ist ein Reiseroman, aber auch ein philosophischer Roman, über die Evolution der utopischen Mentalität der sowjetischen Leute.

Kommt das Buch auch auf Deutsch heraus?

Es kommt auf Englisch, in ein paar Jahren. Meine Lektorin sagte, dass das ein wenig zu kompliziert für deutsche Leser ist.

Seltsam.

Weiß nicht. Ich dachte immer, dass englische Leser viel komplizierter sind. Denn sie übersetzen 20, 30 Mal weniger als die deutschen Verleger.

Also zur Ratte, würden Sie sagen, haben Sie eine besondere Beziehung?

Ja, und zu Papageien. Ich hatte Papageien zu Hause. Große Papageien, aber als meine Tochter geboren wurde, da sagte meine Frau, dass wir sie zu unseren Freunden geben müssen. Weil wir immer zwischen zwei Ländern wohnten,  und natürlich konnten wir nicht die Papageien mit uns nach Großbritannien bringen, also wohnten auch die Papageien zwischen zwei Wohnungen, bei unseren Freunden und bei uns, wenn wir zurückgekommen waren. Und eines Tages sagte meine Frau, dass sie dort bleiben müssen.

Und Sie haben akzeptiert?

Ja. Aber ich hoffe, dass ich in 3, 4 Jahren wieder Papageien haben werde. Ich hatte auch einen Papagei in einer Trilogie als einen der Haupthelden.

In welchem Buch?

Das ist auch nicht übersetzt. Es ist ein großer Roman, fast 1000 Seiten. Er heißt "Geografie des einzelnen Schusses" - "The Geography of a Single Shot". Es ist ein philosophischer Roman, aber auch mit viel schwarzem Humor, normalem Humor, viele Sachen aus der sowjetischen Geschichte, wahre und erfundene Geschichte, und einige wirkliche Personen wie Kalinin, Chruschtschow. In dem Roman mit der Ratte gibt es übrigens einen kleinen Knaben, der ist Gorbatschow. Er fliegt in einem schwarzen Dirigeable zusammen mit Chruschtschow über die Sowjetunion, und Chruschtschow unterrichtet ihn, wie man das Land lieben muss, von dieser Höhe aus.

Das spielt 1960 oder ungefähr in dieser Zeit?

Dieser Roman spielt von 1945 bis '63.

Man sieht, dass Sie eine Liebe haben für die sowjetische Vergangenheit - eine kritische Liebe natürlich ...

Ja.

... aber die Bücher, die dieses Thema behandeln, sind offenbar noch nicht übersetzt, sondern nur die Übergangsphase, da sind Russland und die Ukraine schon getrennt, zum Beispiel. Vielleicht können die Verlage da etwas machen.

Eventuell dann, wenn ich zwei, drei Bücher mehr auf Deutsch übersetzt habe, wird vielleicht der Diogenes-Verlag denken, dass es möglich ist, ein Risiko zu nehmen, ein anderes Buch zu veröffentlichen. Aber ich weiß selber nicht, ob das mit diesen Büchern eine gute Idee ist oder nicht. Auf jeden Fall wäre es interessant zu sehen, wie die Leser diese Bücher nach der anderen Belletristik akzeptieren würden, nach den bekannten Romanen, die sind ein wenig - nicht einfacher, aber weniger kompliziert.

Ich meine auch wegen der Zeit: die neuere russische Literatur, die ich kenne, spielt in den 90er Jahren, es gibt aber anscheinend fast nichts aus den 80er Jahren, die sind ein bisschen zu kurz gekommen.

Ja. Ich schreibe jetzt einen Roman, der heißt "Die letzte Liebe des Präsidenten", und es gibt da 3 Linien, Zeitlinien: die 80er Jahre, dann 2003, 2004 und 2011 bis 2017. Der Held ist ein ukrainischer Präsident, der 2011 gewählt wurde, er erzählt über sein Leben und seine Liebe, angefangen als 16-jähriger. Er erzählt in 3 Zeitniveaux, was passiert.

Und das Buch mit der Schildkröte?

Mit der Schildkröte, das ist ein Thriller. Der wurde schon vor 4 Jahren geschrieben und wird auf Deutsch im nächsten Jahr erscheinen.

Was auch auffällt bei Ihren Büchern, ist eine spezielle Spannung, Mischung: einerseits Geheimdienst, Mafia, die moderne Gesellschaft in der Übergangsphase, und andererseits eine unschuldige Ebene: Tiere, Kinder - und der Zusammenprall zwischen diesen beiden Ebenen.

Literatur ist nicht wirkliche Realität. Ich betreibe viele Sachen, aber ich nehme die wahren Tendenzen und entwickle sie weiter. Das Leben ist nicht so gefährlich wie in meinen Büchern.

Auch nicht in Kiew?

Ja, es gibt viele schreckliche Sachen, die auch in München passieren oder in London, also Kiew ist in diesem Sinn frei. Besser. Nicht Moskau, Moskau ist zu gefährlich. Aber ich finde diese Auswahl der Elemente des heutigen Lebens sehr interessant, nämlich, wie die Gesellschaft funktioniert bei uns. Du weißt nicht, wer organisiert was, und wer steckt hinter dieser Aktion: Mafia, Geheimdienst oder die Regierung oder Parlamentsabgeordnete oder ...

Aber besser ...

Ja, besser, wenn du normal leben möchtest. Es ist besser, weniger zu wissen und keine Fragen zu stellen.

Aber das Besondere in Ihren Büchern ist dies: Viktor, der kommt in Berührung mit diesen Menschen und hat diese Abenteuer, nicht, weil er einen Koffer mit Geld sucht oder ein militärisches Geheimnis, sondern einen Pinguin - das ist das Seltsame, das Besondere daran, dieser reizvolle Zusammenschluss von zwei Atmosphären.

Ja. Das ist so. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen kann. Das ist wahr.

Zum Beispiel ist mir auch aufgefallen, mit dem Seufzen ...

Seufzen?

(seufzt) Sighing.

Ja, sighing. Das passiert ganz oft.

Ja, sehr oft.

Ja, das ist die normale slawische Reaktion, wenn man denkt, man kann nichts machen, oder man will nichts machen. Und man akzeptiert es so, das ist ein Zeichen. Obwohl ich versucht habe, in diesem zweiten Roman Viktor viel aktiver zu machen. Er ist aktiver als in "Picknick auf dem Eis", weil er selber schon reist, oder fast selber, nach Tschetschenien und weiter. Auch die Leute, die ganz passiv waren vor 5,6 Jahren, die sind jetzt viel aktiver geworden.

Also ist Viktor ein bisschen ein Spiegel für einen durchschnittlichen ukrainischen Mann?

Ja, für seine Generation, für diese Halbintellektuellen. Diese Leute waren immer intelligent und infantil. Die sowjetische Intelligenzija war immer infantil. Und die russische Intelligenzija blieb so bis jetzt, und als Resultat spielen sie keine Rolle im politischen Leben. Die Nationalisten oder Superpatrioten haben wirklich viel mehr Einfluss auf die Gesellschaft als die Leute, die Intellektuelle sind. Bei uns ist es auch das gleiche.

In Russland ist es auch nicht besser?

Das ist schwer zu sagen, weil es in Russland jetzt komplizierter zugeht als bei uns. Natürlich, weil Russland größer ist, aber auch die Mentalität in der Ukraine ist anders. Also alle, auch die Ungarn, die in der Ukraine wohnen, sie alle haben diese Mentalität von Passivität, Freundlichkeit, positivem Egoismus, ich würde sagen, sie sind immer politisch passiv. Sie ignorieren das politische Leben und die Regierung, alle versuchen, sich nur um ihre Familie und um ihr Land zu kümmern, und interessieren sich nicht auch noch für den Nachbarn, was dort passiert. Die Russen sind da aggressiver und politisch sehr engagiert, auch wenn sie von politischen Dingen nichts verstehen.

Es ist auch ein wichtiger Aspekt von "Petrowitsch", dass für die Völkerverständigung gearbeitet wird. Es scheint in der Ukraine Nationalisten zu geben, die alles Russische grundsätzlich ablehnen, und da versuchen Sie offensichtlich auch, oder zum Beispiel mit Kasachstan, lauter alte Sowjetrepubliken, da versuchen Sie, etwas zur Verständigung beizutragen.

Ja, das ist richtig. Bis jetzt habe ich selber von Zeit zu Zeit kleine Probleme mit Nationalisten. Die veröffentlichten verschiedene Artikel in der Presse, dass ich kein ukrainischer Schriftsteller bin, weil ich auf Russisch schreibe und so weiter. Offiziell bin ich schon akzeptiert, und das ist ein challenge für mich, mehr zu schreiben, um zu zeigen, dass die ukrainische Literatur nicht nur auf Ukrainisch geschrieben ist. Wegen dieser antirussischen Ideen, die sie haben - sie ignorieren auch Krimtataren, und es gibt heute 500 000 Krimtataren in der Ukraine. Das sind muselmanische Leute, die auch ihre Literatur, ihre Kunst haben, und diese Kunst, diese Kultur ist nicht integriert in die ukrainische Kultur. Ich denke, langsam wird sich das ändern.

Kommen die Krimtataren dann auch in einen Roman?

In "Petrowitsch" am Ende, da sagt dieser Geheimdienstoffizier, dass der Sand auf die Krim geschickt werden wird.

Ah, diese Anspielung.

Ja. Damit die Krimtataren ukrainisch sprechen ..... Aber es wird. Und ich werde auch über die Krim schreiben, ich mag die Krim sehr.

Das ist ein sehr schönes Motiv, dieser Sand, der den ukrainischen Nationalgeist, im positivsten Sinn sozusagen, beinhaltet. Und es ist auch ein sehr gutes Symbol für ein Buch, das eben seine Atmosphäre, seine Aussage hat, die langsam vom einen, dem Autor, in den andern, den Leser übergehen.

Ich weiß aber, dass ganz viele Leute, die zuerst "Picknick auf dem Eis" gelesen haben und dann "Petrowitsch" kauften, enttäuscht waren, weil sie nichts über politische oder andere nationalistische Sachen lesen wollten. Das merkte ich, als ich ein paar Lesereisen mit "Petrowitsch" machte.

Was sagen Sie zum Russlandschwerpunkt bei der heurigen Frankfurter Buchmesse?

Ja, das ist eine gute Sache. Ich denke, dass russische Literatur über Deutschland nach draußen kommt, fast alle Erstübersetzungen sind auf deutsch und erst dann in andere Sprachen. Das gleiche ist auch mit mir passiert. Ich versuchte fast 18 Jahre, meine Manuskripte als Leseproben und Handlungsbeschreibungen auf englisch an verschiedene amerikanische und englische Verlage zu schicken, und habe immer eine Absage bekommen. Und als ich es dann mit europäischen Verlagen versuchte, wollten 3 Verlage die russische Ausgabe lesen, das war Paul Zsolnay aus Wien, Diogenes und ein schwedischer Verlag. Die erste Übersetzung war auf deutsch bei Diogenes.

In Ihren Büchern steckt viel Idealismus vor einem materialistischen Hintergrund. Ist es eine pädagogische Absicht von Ihnen, Ihren Landsleuten etwas Idealismus zu vermitteln?

(seufzt) Das ist eine schwierige Frage, denn ich bin bis jetzt selber Idealist und meine Frau ist eine englische Idealistin. Es ist wirklich schwierig. Ich kann manchmal flexibel sein, aber ich denke, ich sehe ganz viele Sachen, die nicht in Ordnung sind in unserem Leben, und ich beschreibe diese Sachen in meinen Büchern, um den Leser zu provozieren, einen Protest zu bekommen gegen die Sachen, die ich beschreibe. Aber ich denke, das funktioniert so nicht. Die Leute akzeptieren das Leben als das, was es jetzt gibt. Und es gibt nicht so viel Lust, etwas zu wechseln, radikal zu wechseln. Es gibt ein Gefühl wie auch in Georgien im Kaukasus, die Regierung hat ein eigenes Leben, und die Leute haben sich angewöhnt, ohne Regierung, ohne Gesetze zu existieren, und schaffen es schon ganz gut.

Ich danke für das Interview.