(...) Allmählich standen
ungefähr fünfhundert, nehme ich an, dort auf dem Bürgersteig der
Hauptstraße, und wir standen mitten auf der Straße mit unseren auf sie
gerichteten Gewehren. Aber, wie soll ich sagen, auch wenn es
widersprüchlich klingt, wir waren nicht bedrohlich, die Art und Weise,
in der wir dastanden, war nicht furchteinflößend, oder so, als wären wir
bereit, auf sie zu schießen. Darüber schienen sie sich auch im klaren zu
sein, sie standen da, unterhielten sich und sammelten sich in Gruppen.
Dann ertönte ein Ruf vom anderen Ende der Hauptstraße: »Alle Männer
vortreten. Alle Männer vortreten in die Mitte der Straße und in
Vierergruppen aufstellen.«
So wurde gerufen, und der Ruf wurde zu den anderen, den Kontrollposten,
weitergegeben. Bis zu Gamma und mir, die die letzten waren. Ich glaube,
ich würgte daran, denn Gamma rief, bevor ich es konnte, er rief hart und
gut.
Alle Männer dort drüben sollten sich vor uns aufstellen, in der
Straßenmitte. Langsam setzte eine Bewegung ein, die sich bis zu uns
fortsetzte. Und ich sah, daß sich auch vor uns auf dem Bürgersteig etwas
bewegte. Jemand, der in einer Menschentraube stand, mit Einkaufstüten,
ein Familienvater, er küßte seine Frau und die Kinder. Und dann trat er
zu uns hinaus.
Ich weiß, daß es heuchlerisch klingen mag, wenn ich behaupte, daß ich
vor allem Lust hatte zu schreien und dann dieses idiotische Gewehr
wegzuwerfen.
Schreien, ich hätte um das hier nicht gebeten. Doch es war schon zu
spät, ich war nicht mehr nur ich selbst, vielmehr war ich schon einer
der anderen geworden. Nicht mehr lediglich eine private, alleinstehende
Person, sondern Teil einer Gemeinschaft. So, in der Mittagssonne,
streifte mich der Gedanke, daß wir bereits zu spät gekommen waren, um
etwas ändern zu können. Zu spät, zu spät ...
Dann schrien einige Frauen uns, Gamma und mir, auf der Straße zu, was
wir mit ihren Männern vorhätten? Und genau in dem Augenblick, als die
Frauen die Stille durchbrachen, war es, als setzten sie eine ganze
Lawine aus Lauten, aus Klagen in Bewegung, als erhebe sich auf dem
Bürgersteig eine Welle von Mut. So daß sie alle zusammen winselten,
jammerten und schrien. Als entstehe ein Wille. Die Kinder, so konnte ich
beobachten, begannen zu weinen, während sie mit den Einkaufstüten neben
ihren Müttern standen. Die Alten erhoben ihre Arme zum Himmel, nicht
gegen uns, als Drohung, sondern zum Himmel wie zu einem Gebet.
Die jüngeren Frauen aber schrien uns zu, was wir mit ihren Männern
vorhätten? Was wir eigentlich wollten? Als hätten wir beide, Gamma und
ich, ganz freiwillig diese Entscheidung getroffen und sollten uns ihnen
gegenüber verantworten. Ihnen Rede und Antwort stehen, als seien wir
ganz allein für unsere Taten verantwortlich. (...)
(aus "Winter
im Morgengrauen" von Jens-Martin Eriksen
Aus dem Dänischen von Jörg Scherzer; Liebeskind Verlag
2002)
In einem Land irgendwo in Europa: Als ein Bürgerkrieg ausbricht, wird
der Literaturstudent Z. zur Miliz eingezogen. Seine Einheit erhält den
Befehl, in einem Teil des Landes Säuberungsaktionen unter Zivilisten
durchzuführen. Von den Befehlshabern der Miliz werden er und seine
Kameraden derart manipuliert, daß sie ihre grauenhafte Mission
gewissenhaft ausführen. Nach und nach wird für die jungen Männer der Tod zur
Routine, und ihre zunehmende seelische Verrohung droht, die Einheit von
innen her zu zersetzen. Auch Z. löst sich von all seinen
Wertvorstellungen, um als Akteur des Todes bestehen zu können. Eines
Tages jedoch begegnet er unter den Opfern einem jungen Mann, mit dem er
als Kind befreundet war ...
In seinem preisgekrönten Roman schildert Jens-Martin Eriksen, wie die
abstrakte und euphemistische Sprache eines autoritären Systems die
unmenschlichsten Handlungen hervorruft und rechtfertigt. Er stellt die
Schwäche der Menschen dar, die sich bereitwillig instrumentalisieren
lassen, wenn man ihnen ihre Individualität genommen hat. Und er
beschreibt die Gewaltspirale, die entstehen kann, wenn die Täter
gleichzeitig Opfer sind. Winter im Morgengrauen zeigt auf eindringliche
und beklemmende Weise das menschliche Gesicht des Bösen.
Jens-Martin Eriksen, 1955 in Aalborg geboren, ist Autor von zahlreichen
Romanen und Dramen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Er ist
Preisträger des Staatlichen Kunstfonds, der Adam-Oehlenschläger-Stiftung
sowie der Gyldendal-Stiftung. Seine Werke wurden bereits in mehrere
Sprachen übersetzt. Jens-Martin Eriksen lebt in
Kopenhagen.
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