Wer sich erwünscht, was ihm nicht
not,
und seine Sach' nicht setzt auf Gott,
der kommt zu Schaden oft und
Spott.
Von unnützem Wünschen
Das ist ein Narr, der Wünsche tut,
die ihm mehr
schändlich sind als gut;
denn wenn er's hätt' und würd's ihm wahr -
er
blieb' der Narr doch, der er war.
Der König Midas wünscht' sich
als Sold,
was er berühre, würde Gold;
als das geschah - da litt er
Not,
nun ward zu Gold ihm Wein und Brot.
Daß man nicht säh' sein
Eselsohr,
das ihm gewachsen drauf im Rohr,
verhüllte er mit Recht sein
Haar.
Weh dem, des Wünsche werden wahr!
Viel wünschen, daß sie leben
lange,
und machen doch der Seele bange
mit Praß und Schlemmen im
Weinhaus,
daß sie vor Zeit muß fahren aus;
dazu, wenn sie schon werden
alt,
sind sie doch bleich, siech, ungestalt;
ihre Wangen und Leiber sind
so leer,
als ob ein Aff' ihre Mutter wär.
Viel Freude hat nur, wer noch
jung,
das Alter ist ohn' Abwechselung,
ihm zittern Glieder, Stimm' und
Hirn,
ihm trieft die Nas', ist kahl die Stirn,
es ist den Frauen zuwider
fast,
sich selbst und seinen Kindern zur Last;
ihm schmeckt und gefällt
nichts, was man tut,
es sieht viel, was ihm dünkt nicht gut.
Lang leben
andre, um in Pein
und neuem Unglück stets zu sein,
in Trauer und in stetem
Leid;
sie enden die Tag' im schwarzen Kleid;
es konnte Nestor in alten
Tagen
samt Peleus und Laertes klagen,
daß sie zu lang ließ leben
Gott,
weil sie die Söhne sahen tot.
Wär' Priamus gestorben eh',
er
hätt' erlebt nicht so viel Weh,
das ihm mit Jammer ward bekannt
an Frau
und Kindern, Stadt und Land.
Wenn Mithridat und Marius,
Pompejus, Krösus
noch zum Schluß
nicht so alt geworden wären,
sie wären gestorben hoch in
Ehren.
Wer Schönheit sich und seinem Kind
erwünscht, der sucht Ursach' zur
Sünd.
War Helena
nicht als schön bekannt,
ließ Paris sie in Griechenland;
wär' häßlich
gewesen Lurezia,
dann solche Schmach ihr nicht geschah;
wenn Dina kröpfig
und höckrig war,
bracht' Sichem nicht ihrer Ehre Gefahr.
Schönheit und
Keuschheit offenbar
gar selten beieinander war.
Zumal die hübschen Hansen
nun
begehren Büberei zu tun
und straucheln doch, daß man sie oft
am
Narrenstrick sieht unverhofft.
Mancher wünscht Häuser, Frau und Kind,
oder
daß er viel Gulden find'
und ähnliche Torheit - von der Gott wohl
erkennt,
wie sie geraten soll;
drum säumt er, sie uns zu erteilen,
und was er gibt,
nimmt er zuweilen.
Etliche wünschen sich Gewalt
und Aufstieg ohne
Aufenthalt
und sehen nicht, daß wer hoch steigt,
von solcher Höhe fällt
gar leicht,
und daß, wer auf der Erde liegt,
vorm Fall sich braucht zu
fürchten nicht.
Gott gibt uns alles, was er will;
er weiß, was gut ist,
was zuviel,
auch was uns nütz sei und bekomme,
und was uns schade und
nicht fromme;
und wenn er uns nicht lieber hätt'
als wir uns selbst, und
wenn er tät'
und macht uns, was wir wünschten, wahr -
es reut' uns, eh
verging ein Jahr.
Denn die Begierde
macht uns blind
zu wünschen Ding', die
schädlich sind.
Wer wünschen will, daß er recht lebe,
der wünsche,
daß der Herr ihm gebe
gesunden Sinn, Leib und Gemüte
und ihn vor Furcht
des Todes hüte,
vor Zorn, vor bösem Geiz und Gier.
Wer das für sich
erwirbet hier,
hat seine Zeit gelegt baß an
als Herkules je hat
getan
oder als Sardanapalus tat
trotz Wollust, Füll' und allem
Staat;
der hat alles, was ihm ist not,
braucht nicht zu rufen das Glück
statt Gott.
Ein Narr wünscht seinen Schaden oft:
Sein Wunsch wird Unglück
unverhofft.
(Aus "Das Narrenschiff" von Sebastian Brant.)