Franz Kabelka: "Dünne Haut"


Tone Hagens letzter und wohl ungewöhnlichster Fall

Auf Grundlage seines dritten und (vorläufig?) letzten Kriminalromans um Chefinspektor Tone Hagen aus Bregenz lernte der Rezensent einen 1954 geborenen österreichischen Autor kennen, dessen Bücher er gern früher entdeckt hätte. Franz Kabelka schreibt sprachgewandt, kennt einen ausgesprochen trockenen Humor und schildert seine Fälle mit höchster psychologischer Raffinesse.

Im vorliegenden, als letzter Roman einer Trilogie angekündigten, Buch, führt der Autor seinen Protagonisten an dessen psychische Grenzen. Bei einer relativ harmlosen Situation im Straßenverkehr von Bregenz dreht Tone Hagen völlig durch und sieht sich kurze Zeit später in einem Krisengespräch seinem Vorgesetzten gegenüber. Der bittet um Verständnis dafür, dass er seinen durchaus geschätzten Mitarbeiter nach diesem Vorfall aus dem Verkehr ziehen müsse, und schlägt Hagen eine Auszeit in einer psychosomatischen Klinik in Süddeutschland vor. Da Hagens Ausrasten nur der Höhepunkt einer Reihe von Fehlleistungen der letzten Zeit war, stimmt er zu und glaubt sich von der gefürchteten Versetzung in den Ruhestand gerettet.
"Keine Kündigung, nur entlassen - in eine Kur. Als arbeitsunfähiges Psycherl abgestempelt, das dringend eine Rehabilitation braucht. Es hätte schlimmer angehen können, sagt sich Hagen. Er weiß zwar nicht, wofür das Ganze gut sein soll, aber bitte schön. Auf diese Weise kann man dem Chef schon mal entgegenkommen."

Im weiteren Verlauf - Tone Hagen hat schon in der Klinik "Sonnblick" Quartier genommen - wird dem Leser durch eingeschobene Gedächtnisrückblicke deutlich, warum Tone Hagen seelisch und körperlich am Ende ist.
Vor Jahresfrist etwa verbrachte er mit seiner Freundin Lisa einen Urlaub in Irland. Bei ihren Wanderungen durch Connemara legte Lisa ihm ihre Sieben-Achtel-Theorie dar:
"'Unsere Welt besteht zu sieben Achteln aus Einerlei. Aus dem, was manche Beständigkeit nennen, Kontinuität. Aber mich interessiert das restliche, das ungebändigte Achtel. Das möchte ich mir reservieren - für uns. Bist du dabei, Tone?'
Ja, das wollte er, es zog ihn wie magisch an. Oben auf dem Gipfel des Binn Dubh feierten sie miteinander das ungebändigte Achtel und liebten sich unter freiem Himmel. Sie schliefen ein, als sie erwachten, stand die Sinne schon tief."

Seinen Vorschlag, eine Abkürzung zu nehmen, lehnt Lisa mit dem Hinweis auf ihre Achtel-Theorie ab, und das Unglück nimmt seinen Lauf. Sie stürzt bei einem tödlichen Unfall, und Hagen fühlt sich seitdem verantwortlich dafür.

Dieses Unglück lässt ihn noch mehr ausbrennen, und ohne größere Erwartungen fährt er nach Deutschland in die Klinik "Sonnblick". Doch er bleibt auch dort Polizist, und sein kriminalistischer Instinkt sowie sein Gespür für Menschen sind ihm nicht abhanden gekommen.

Und so wir der Leser in den Mikrokosmos einer Klinik geführt, mit Beschreibungen, wie sie realistischer nicht sein könnten. Animositäten zwischen Klinikleitung und dem Personal, die hochenergetische Dynamik der Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten und die teilweise süffisante Schilderung des Alltags in einer solchen Klinik sind hervorragend beschrieben und zeugen von einer intimen Kenntnis des Autors.
Tone Hagen begegnet schon in der ersten Woche Ernst Prader, einem bekannten Kabarettisten, der wegen eines Eklats während seiner wöchentlichen Fernsehsendung beim Sender in Ungnade gefallen ist und nun ähnlich wie Hagen inkognito im Haus "Sonnblick" eingetroffen ist.
Sie freunden sich an, spielen Schach und sprechen auch darüber, was in all den Wochen ihres Aufenthaltes geschieht.

Unter anderem auch über die Borderline-Patientin Marie Therese Herbst, die große Aufregung unter den Therapeuten und den Patienten verursacht. Auch Tone Hagen nähert sie sich, der sich, zunächst von ihrer verführerischen Art angezogen, aber bald Gedanken macht, was wohl mit dieser Frau los ist. Sein detektivischer Spürsinn erwacht, und er beginnt genauer hinzuschauen. In der vollkommen anderen Welt einer psychosomatischen Klinik wird er mit Situationen konfrontiert, in denen eigentlich nicht zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden ist.

Er steigt hinter Machenschaften der Klinikleitung, und als ein anderer Mitarbeiter der Klinik sich ihm mit detailliertem Hintergrundwissen offenbart, gerät Tone Hagen zwischenzeitlich sogar in Lebensgefahr ...

Der Schreibstil Franz Kabelkas ist faszinierend. Mit einer leichten und lockeren Sprache gelingt es ihm, das Innenleben einer psychosomatischen Klinik mit all den vielen und zum Teil geheimnisvollen Interaktionen zwischen Therapeuten und Patienten und der Patienten untereinander zu beschreiben.

Fazit:
Köstliche Lektüre!

(Winfried Stanzick; 11/2008)


Franz Kabelka: "Dünne Haut"
Haymon Verlag, 2008. 219 Seiten.
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Franz Kabelka wurde 1954 in Linz geboren; er lebt und arbeitet in Feldkirch. Franz Kabelka studierte Germanistik und Anglistik in Salzburg und veröffentlicht seit 1975 Lyrik, Kurzprosa, Essays sowie Theaterstücke in Literaturzeitschriften, Zeitungen und Anthologien. Bisher erschienen: "schneller als instant coffee. Gedichte" (1996), "auszeit. Reflexe & reflexionen" (2005). Bei Haymon die "Tone Hagen"-Trilogie: "Heimkehr" (2004), "Letzte Herberge" (2006), "Dünne Haut" (2008).