Rebecca Lisle: "Copper und das Vermächtnis des Drachen"

An ihren Namen sollt ihr sie erkennen ...


Im Grunde genommen ginge die fast zehnjährige Copper Beech mit ihrem langen roten Haar und der sahnig weißen Haut zwar als ein optisch auffälliges, sonst aber ganz gewöhnliches Mädchen durch, wären da nicht jene markanten Einzelheiten, die über das Maß des Gewöhnlichen ein gerüttelt Quäntchen hinausgehen. Zum Beispiel trägt sie ständig einen Beutel mit Strick- und Häkelnadeln mit sich herum, alle Arten davon sind intus: hölzerne, metallne oder solche aus Plastik. Doch: "Copper strickt immerzu, aber sie wurde nie mit irgendetwas fertig". Ein dreifingriger Handschuhe gibt Zeugnis davon. Ständiger Begleiter der jungen Dame ist Ralick, ein Plüschtier, das Hund, Bär oder Tiger (dem die Streifen fehlen) darstellen könnte. Was es wirklich ist - nämlich nichts von dem - erfährt der Leser gegen Ende des Buches. Copper pflegt Konversation mit Ralick, allerdings wird nur sie seiner Worte gewahr.
Nicht zu vergessen: Tante Ruby, ihres Zeichens Bildhauerin mit wildem schwarzen Haar, Haut weiß wie Papier und Augen wie Amethyst. Bei ihr wohnt Copper, die annimmt, Waise zu sein.

Und: "Da war noch das Mysterium der Geburtstage", steht es geschrieben. Jedes Jahr erhält das Mädchen einen feinen, wie von Elfenhand gefertigten Anhänger unterschiedlicher Motive: z.B. Hund, Herz, Vogel, Berg oder Hammer. Dass diese Talismane im weiteren Leben Coppers eine gewichtige Rolle spielen, muss wohl nicht extra erwähnt werden; die Frage ist nur, welche ...

Alleine schon wegen dieser schräg-spannenden Figurenbeschreibung darf Rebecca Lisle gratuliert werden. Die studierte Botanikerin und Mutter dreier Kinder lebt in Bristol. In, nicht im, denn gemeint ist nicht das Nobelhotel, sondern jene Stadt im Südwesten Englands, in der schon Jasper Ffordes Romanheldin Thursday Next ihre nicht ganz runden Kreise zieht. Scheinbar ein gutes literarisches Pflaster für Lisle, die wie Joanne K. Rowling vom Beruf Lehrerin war. Im Unterschied zur Potter-Serie ist "Copper und das Vermächtnis des Drachen" allerdings für eine noch jüngere Leserschaft geschrieben. Satzbau und Sprachstil sind einfach - aber bei Leibe nicht banal. Die Botschaft, die mit dem Märchen transportiert wird, ist eine stille, wenngleich sehr präsente. Es geht um die Aufarbeitung der Vergangenheit, um Versöhnung, um das Wiederfinden des verloren Geglaubten, um das Mit- statt Gegeneinander. Geschickt benutzt, birgt das Buch einen hohen edukativen Wert.

Zurück zur Geschichte: Eines nicht so schönen Tages wird Copper aus ihrem trauten Alltag gerissen. Tante Ruby setzt sie in den Zug in die Marmorberge. Dort angekommen, findet sie beim Holzclan Unterkunft in einem traumhaften spindelförmigen Baumhaus (das sogar über ein Wipfelzimmer verfügt; natürlich samt zugehörigem Geheimnis). Sie lernt die Hündin Silver (ist sie wirklich eine?) kennen, den Jungen Questrid (sein richtiger Name?) oder Onkel Greenwood (gibt es ihn doppelt?). Kurze Zeit später wird sie vom Steinclan, der seit drei Generationen in Fehde mit den Holzleuten liegt, entführt. Deren Anführer, der grimmige Granit, möchte ihres magischen Armbandes habhaft werden. Copper trifft auch auf ihre Mutter Amber, die sich aus Verzweiflung in einen Eisblock einschmolz und nun wie Schneewittchen im Glassarg auf Rettung wartet. Ganz tief im Berg schläft Glinty, ein verspieltes, Glitzer bevorzugendes Drachenmädchen, das Kindern (endlich!) ein völlig neues, sympathischen Bild von den feuerspeienden Flugechsen vermittelt, ein Zugang, der dem Rezensenten besonders gefällt. Nicht nur das, auch den Wolf lässt Rebecca Lisle nicht zum "bösen" verkommen. Treu und fürsorglich handelt die durchs Buch streifende Wölfin. Ein Lapsus ist Mrs Lisle allerdings unterlaufen, vielleicht aber auch der Übersetzerin: Denn auf Seite 200 können Wölfe bellen; nun, das können sie in natura nicht ... Selbst in der Märchenhandlung würde diese hundespezifische Eigenschaft wenig Sinn ergeben.

Schwamm drüber, denn das Buch bereitet einfach Freude. Alleine schon die englischen Eigennamen der Akteure sagen vorab viel über ihre Wesenszüge oder Clanzugehörigkeiten aus. Besonders durchdacht ist Amber (Bernstein), die wie ein Insekt im versteinerten Harz eingeschlossen ist. Und Ruby hat die Strahlkraft des Rubins. Halt! Warum lebt Silver dann beim Holzclan? Müsste sie nicht zu den metallverarbeitenden Felsnern gehören? Und warum hat Copper Beech (Kupfer + Buche) einen widersprüchlichen Doppelnamen? Und: Kann man Gold stricken? Fragen über Fragen ...

(lostlobo; 01/2005)


Rebecca Lisle: "Copper und das Vermächtnis des Drachen"
Aus dem Englischen von Catrin Frischer. (Ab 10 J.)
dtv, 2004. 237 Seiten.
ISBN 3-423-70888-3.
ca. EUR 7,80. Buch bei Libri.de bestellen
Buch bei amazon.de bestellen