Jan de Leeuw: "Nachtland"


Nach seinem erfolgreichen Jugendbuchdebüt "Das Schweigen der Eulen" legt der 1968 geborene niederländische Psychologe und Schriftsteller Jan de Leeuw mit "Nachtland" einen Nachfolger vor, der seinem ersten Buch in nichts nachsteht. Er beschreibt eine Reise in die eigene Geschichte, mitten hinein in ein Land zwischen Träumen und Wachen, spielt mit Fantasyelementen und immer wieder mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen als Psychologe.

Niels, ein Junge, der mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammenlebt, vermisst seinen Vater, seit der vor vielen Jahren spurlos von einem Tag auf den anderen verschwunden ist und die Familie verlassen hat. Er teilt somit ein vaterloses Schicksal mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen seiner Generation; ein Zustand, der besonders für die Entwicklung der Jungenseelen nicht gerade förderlich ist. Eines Tages läuft Niels von zu Hause weg. Er wollte offenbar zum Ufer des Sees, wo er viel später fast erfroren auf dem winterlichen Eis gefunden wird. Seine Mutter und seine Schwester können sich nicht erklären, was geschehen ist, sie sehen nur, dass Niels im Koma liegt. Sie ahnen und wissen nicht, was Niels in seinem komatösen Zustand erlebt.

Mit seinem Fall ins Koma hat sich für Niels das Tor in eine Traumwelt geöffnet. In diesem Traum ist er auf der Suche nach seinem Vater, den er doch so sehr vermisst, was er sich aber im Wachzustand nie richtig einzugestehen wagte. Sein Weg führt ihn über den See, doch in der weißen, gefrorenen Einöde droht er die Orientierung zu verlieren. Da zeigt ihm die Blutspur eines Hasen, der sich aus einer Falle befreien konnte, den Weg. Dieser Traumweg ist voller sagenhafter Gestalten. Niels begegnet den Truppen der Königin und wird, nachdem er sich verlaufen hat, von Maja und Rolle, Mitgliedern einer Kirmesgruppe, die genau wissen, dass er weggelaufen ist, gefunden. Sie wollen ihn für ihre Truppe in Katatonien, dem märchenhaften Traumland, behalten, und obwohl er sich seine Texte kaum merken kann, findet das Publikum seine Vorstellung sehr amüsant.
Niels bleibt in Katatonien, weil er hofft, dort seinen Vater zu finden; jene Sehnsucht, die ihn seit langem treibt und umtreibt, will befriedigt werden.

Der schnelle Szenenwechsel zwischen Traum und Wirklichkeit erschwert das konzentrierte Lesen dieses Buchs zeitweise. Niels befindet sich in einer Welt zwischen Leben und Tod, und die ganze Geschichte spielt sich nur in seinem Kopf ab, offenbar seine einzige seelische Möglichkeit, mit einer schrecklichen Familientragödie fertig zu werden, einer Tragödie, die der Autor dem Leser nur sehr langsam offenbart, offensichtlich, um die Spannung zu halten. Eine Tragödie, an die sich Niels nicht erinnern kann, die aber in seinem Unterbewusstsein arbeitet.

Für jugendliche Leser mit einem Vorverständnis für solche innerpsychischen Vorgänge ist "Nachtland" ein sehr empfehlenswertes Buch.

(Winfried Stanzick; 12/2007)


Jan de Leeuw: "Nachtland"
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Gerstenberg Verlag, 2007. 376 Seiten. (Ab 14 J.)
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