Elizabeth Kostova: "Der Historiker"
Dieser
international erfolgreiche Roman führt zu einer der dunkelsten
Mächte der Menschheitsgeschichte: dem barbarischen Herrscher
Vlad, Urbild der Dracula Legende.
(Hörbuchrezension)
Dracula
lebt?
Die Stimme des Mannes hinter der Zeitung klang ruhig und kultiviert:
"Wo ist dein Vater meine Liebe?" Wie elektrisiert springt das junge
Mädchen auf; ein Gedanke erfüllt ihre panischen
Gedanken: Nur raus hier, raus hier, raus hier. Mit einem langen Satz
erreicht sie die Abteiltür, reißt sie auf, springt
in den Gang und rennt los. Sie wagt es nicht, sich umzudrehen. Ihre
Beine drohen ihr zu versagen; mit einem letzten Aufbäumen all
ihrer Kräfte schafft sie es gerade noch, sich durch die
Tür des Speisewagens zu stürzen. Ihr Puls rast, ihr
Herz schlägt ihr bis zum Hals, hektisch huscht ihr Blick von
Fahrgast zu Fahrgast. Angstvoll fragt sie sich: Bin ich jetzt in
Sicherheit? Da fällt ihr Blick auf einen anderen Passagier,
und zitternd bricht sie auf einem der Sitzplätze zusammen.
Obige Szene stammt aus Elizabeth Kostovas Roman "Der Historiker". Der
Roman beginnt im Jahr 2008 mit einer Warnung an die Leser. Danach
blendet die namenlose Erzählerin 36 Jahre zurück ins
Jahr 1972. Damals ist sie 16 Jahre alt und lebt als Halbwaise mit ihrem
Vater Paul in Amsterdam. Dieser ist beruflich oft auf Reisen; die
Tochter verbleibt unter der Aufsicht einer Haushälterin zu
Hause. Langeweile stellt sich ein, und häufig stöbert
sie dann in der umfangreichen Bibliothek ihres Vaters. Bei einem
solchen Stöbern findet sie einen Umschlag mit alten Briefen
und Dokumenten. Sie öffnet einen der Briefe, und schon die
Anrede lässt ihr einen eiskalten Schauer den Rücken
herunterstreichen: "Mein lieber, unglücklicher Nachfolger".
Sie traut sich nicht, ihrem Vater ihr "Vergehen" zu gestehen. Doch der
Fund lässt ihr keine Ruhe. Sie weiß keinen Ausweg,
und so bittet sie ihren Vater, ihn bei seiner nächsten Reise
begleiten zu dürfen. So will sie eine günstige
Gelegenheit abwarten, ihren Vater nach den Schriftstücken zu
befragen. In der italienischen Stadt Emona ergibt sich endlich die
erhoffte Gelegenheit. Die Reaktion ihres Vaters ist erschreckend: "Er
lehnte sich vor, saß ganz still da und fing dann sichtbar an
zu zittern. Wenn jetzt eine Geschichte käme, würde
sie anders sein als alles, was er mir je erzählt hatte." Der
weitere Verlauf der Geschichte wird mittels geschickt verbundener
Zeitebenen und Personen erzählt: Von den Ereignissen der
1930er Jahre berichtet Professor Rossi, Doktorvater von Paul; ihr Vater
erinnert sich an 1954 - das Jahr seiner Promovierung und Werbung um
seine spätere Frau Helen, Professor Rossis uneheliche Tochter.
Dabei wechselt der literarische Stil zwischen Briefen und
Tagebucheintragungen, Gedächtnisprotokollen,
Reisebeschreibungen, inneren Monologen und der Erzählung der
Suche der Erzählerin nach ihren Eltern. Auch die Genres sind
eine Mischung - Elemente der Grusel-Horrorromane fließen
genauso ein wie eine Kriminalgeschichte, die Entwicklungsgeschichte des
Mädchens und seiner Suche nach der bisher geheimgehaltenen
Identität.
Szenische Lesung
Die Lesung des im Jumbo-Verlag erschienenen Hörbuches erfolgt
durch zwei Sprecher: Maren Eggert spricht alle die Erzählerin
betreffenden Zeitebenen sowie weitere weibliche Figuren; Bernd Stephan
übernimmt die männlichen Protagonisten. Durch diesen
Kunstgriff des Verlages wird die Zweidimensionalität des
Romans perfekt umgesetzt. Gelungen sind auch die Bemühungen
der Sprecher, den Klang ihrer Stimmen dem jeweiligen Alter oder
Erfahrungsstand der Handelnden anzupassen. Beispielsweise beginnt Maren
Eggert den Prolog mit akademisch abgeklärter Sachlichkeit.
Lange hält sie diese professionelle Distanz jedoch nicht
durch. Es fließt ein Hauch längst vergessen
geglaubten Horrors ein; man spürt, dass sie
persönlich von den Ereignissen ge- und betroffen wurde.
Mit dem Perspektivenwechsel zur Sechzehnjährigen schwindet
zunächst der dunkle Unterton. Der Vortrag wird lockerer,
neugieriger und verspielter, gelegentlich schuldbewusst-naiv. Erst nach
dem Verschwinden des Vaters und dem sich daraus ergebenden Verlust des
väterlichen Schutzes muss das verwöhnte Einzelkind
sehr schnell erwachsen werden. Dieser Entwicklung trägt Maren
Eggert auch beim Lesen Rechnung. Anfangs vermag man noch einen
unsicheren, fragenden Zwischenton herauszuhören, der im Lauf
der Geschichte immer mehr verschwindet. Letztendlich klingt ihre Stimme
selbstbewusst und zielstrebig ohne hierbei das
Kindlich-Gefühlvolle zu vernachlässigen.
Bernd Stephans Lesart der auftretenden Männer hat ein noch
größeres Spektrum. Dabei besteht die
Hauptschwierigkeit darin, einer Person in den unterschiedlichen Epochen
verschiedene Varianten einer Konstante zu verleihen, damit diese
für den Hörer glaubhaft wird und gleichzeitig der
Wiedererkennungswert erhalten bleibt. Diese Hürde wird von
Bernd Stephan meisterhaft genommen. Beispielsweise ist die Grundfarbe
des Vaters sonor, beruhigend und Sicherheit vermittelnd. Doch als
dieser mit seiner zukünftigen Frau flirtet, mischt sich ein
fröhlicher, übermütig-kindischer Zwischenton
hinein.
Bram Stoker
Die Reminiszenzen an Bram Stokers Roman "Dracula" sind in "Der
Historiker" überall zu finden. Sei es die Beschreibung der
Erzählerin als wohlbehütete, schüchterne, in
die Bücherwelt flüchtende Halbwaise, die eher
ins
viktorianische England denn ins Hippie-Zeitalter passt. Oder dass Teile
der Erzählung in Form von Tagebucheintragungen oder Briefen
vorliegen. Oder dass die Reise meistens mittels altertümlicher
Fortbewegungsmittel wie der Eisenbahn statt per Flugzeug erfolgt.
Elegant sind diese Anspielungen in den Kontext der Erzählung
eingebaut und wirken niemals erzwungen oder aufgesetzt. Somit
schmälert es auch keinesfalls das
Hörvergnügen, wenn man diese nicht als solche erkennt.
Beispielhafte Adaption
Der Buchausgabe wurde von einigen Kritikern vorgeworfen,
unnötig detailverliebt zu sein. Vor allen Dingen die
ausufernden Reisebeschreibungen wurden bemängelt. Bei der
"Jumbo - Neue Medien & Verlag GmbH" hat man sich dies sehr zu
Herzen genommen. Grundsätzlich verblieben alle Reisestationen
im Hörbuch. Doch verzichtete man zugunsten des
ununterbrochenen Erhalts der Spannungskurve auf die weitschweifigen
Landschafts-, Gebäude- sowie sonstigen Schilderungen und
konzentrierte sich vielmehr auf die Horrorgeschichte. Durch das
perfekte Ineinandergreifen aller Einzelteile ist ein homogenes, perfekt
adaptiertes und in szenischer Form umgesetztes Hörbuch
entstanden. Die außergewöhnlich gelungene Aufmachung
im schon fast gewohnten Hochformat der "Goya-LiT"-Reihe" rundet den
Gesamteindruck ab.
Eine Warnung für den eiligen Hörer leichtester
Literatur: Erwarten Sie hier keinen Dan Brown-Klon. Dieses
Hörbuch umfasst insgesamt acht CDs und ist aufgrund der
verschiedenen Erzählebenen, der fundiert recherchierten
historischen Hintergründe und der sprachlichen Eloquenz der
Autorin einfach anlagebedingt komplexer, ohne zu irgendeinem Zeitpunkt
den Hörer zu überfordern oder zu langweilen; auch
dies ein Erfolg der hervorragenden Sprecher und der Editoren.
Wer schnell "konsumierbare" Literatur sucht, wird mit Sicherheit
woanders fündig. Es gibt genügend
Hörbücher vorgenannten Subgenres, bei denen es
vollkommen ausreicht, aufgrund ihrer hanebüchen konstruierten
Handlung den ersten und den letzten Teil zu hören.
Der Gefahr eines Missgriffes setzen Sie sich mit "Der Historiker"
jedenfalls nicht aus.
(Wolfgang Haan; 08/2006)
Elizabeth
Kostova: "Der Historiker"
(Originaltitel "The Historian")
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.
(Hör-)Buch
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