Ulf Schiewe: "Das Schwert des Normannen"


Während Rom und Byzanz im elften Jahrhundert noch im Widerstreit miteinander lagen, bekriegten sich gleichzeitig die Fürsten in Süditalien untereinander, und weil dies für die zur Familie gehörigen Kämpfer oft tödlich ausgehen konnte, heuerte man stattdessen gerne Söldner an und dabei dann auch besonders gerne die in Frankreich lebenden Normannen, die sich mit Vorliebe rauften und für ihre Kriegskunst berüchtigt waren. Doch wie jemand einmal ganz richtig bemerkt hat: "Das Problem mit Söldnern ist, dass man sie dafür bezahlen muss, damit sie mit dem Kämpfen überhaupt erst anfangen und dann nochmals damit sie auch wirklich wieder damit aufhören." Dies gilt vor allem dann, wenn die fraglichen Söldner in Gebieten eingesetzt werden, in denen das Wetter besser ist als zu Hause - oder wenn man es von Vornherein unterlässt, sie zu bezahlen.
Das hat zum Beispiel auch ein Mitglied aus der Familie Hautesville, einem Geschlecht, aus dem auch später Kaiser Friedrich II. stammen sollte, bewogen, im Gebiet seines Auftraggebers Pandulf ausgiebig zu rauben und zu plündern, um den ausstehenden Sold so einzutreiben - und sich dann in einer Stadt festzusetzen. Ihm folgt nach einiger Zeit sein Bruder Robert, der auch Guiscard, "Schlitzohr" genannt wird, zusammen mit einigen seiner Leute und dem jungen Gilbert, den er einst aus dem Haus seiner Eltern entführt hatte und den die Familie dann nach Ausbleiben eines Lösegelds kurzerhand adoptiert hat.

Gilbert ist der Ich-Erzähler dieses Romans, der, zusammen mit seiner großen Lebensliebe Gerlaine, seinen Herrn und Adoptivbruder begleitet. Dabei steigt er langsam vom Knappen zum Schildträger seines Herrn auf und lernt dabei, nachdem er vorher nur als Schweinehirte eingesetzt wurde, langsam das Handwerk des Kriegers in all seiner Grausamkeit kennen und bekommt somit auch nach und nach immer bessere Ausrüstung zugestanden. Doch schnell muss er lernen, dass die Zeit des Raubens in Süditalien für die Normannen wirklich vorbei ist, und als Robert dies gegen den Willen und Befehl seines großen Bruders einige Zeit trotzdem betrieben hat, findet er sich mit seinem Knappen und einem Getreuen erst einmal in einem Kerker wieder, bevor er einen zuvor abgelehnten Auftrag von seinem Bruder annimmt und sehr erfolgreich durchführt.

Aber seine Raubzüge haben schon für genug Unruhe gesorgt, und so bildet sich eine ganz unerwartete paneuropäische Koalition gegen die normannischen Krieger, die immer schneller anschwillt und schließlich den eher unstrukturiert vorgehenden Kämpfern aus dem Norden offen entgegentritt. Daneben wird Gilbert auch ungewollt in allerlei verdeckte Aktionen hineingezogen und verhärtet dabei gefühlsmäßig immer mehr gegenüber den Leiden und dem Blutvergießen, das ihn umgibt.

Es scheint dem 1947 geborenen Autor Ulf Schiewe wohl in erster Linie darum zu gehen, an den Charakteren aufgehängt die damalige Situation und die Abläufe zu beschreiben, worunter die Erzählung in zwei Aspekten leidet: Zum Einen werden die meisten Charaktere eigentlich nicht zufriedenstellend ausdifferenziert, und zum Anderen werden viele zwischenmenschliche Interaktionen eher ein wenig uninspiriert beschrieben oder es fallen auch Darstellungen sehr kurz aus - oder Atmosphäre schaffende Darstellungen werden ganz vermieden, weswegen zum Beispiel Marschbeschreibungen zum Teil erstaunlich kurz beschaffen sind.
Trotz der Darstellung einer spannenden europäischen Umbruchepoche, in der die Normannen verstärkt in Südeuropa sesshaft wurden, kann dieser Roman darum erzählerisch nicht so fesseln oder mitreißen - außer bei der Darstellung der zunehmenden Verrohung des Erzählers.

(K.-G. Beck-Ewerhardy; 10/2013)


Ulf Schiewe: "Das Schwert des Normannen"
Knaur, 2013. 397 Seiten.
Buch bei amazon.de bestellen

Digitalbuch bei amazon.de bestellen

Weitere Bücher des Autors:

"Die Hure Babylon"

Sie sprachen vom himmlischen Frieden - und riefen zum Kreuzzug auf. Sie mahnten zu Mäßigung und Keuschheit - und führten ein Leben in Verworfenheit. Rom war die biblische Hure Babylon ...
Südfrankreich im 12. Jahrhundert: Der junge Edelmann Arnaut ist verzweifelt, denn wieder hat seine heimliche Geliebte, die Vizegräfin Ermengarda von Narbonne, ihr Kind verloren - ein Fingerzeig des Himmels? Arnaut will Buße tun und sich dem Kreuzzug ins Heilige Land anschließen. Mit dem fränkischen Heer zieht er gen Osten und muss doch bald erkennen, dass es weniger um Erlösung als um Macht und Eitelkeit der Herrschenden geht, dass im Namen Gottes Verrat und unvorstellbare Gräueltaten begangen werden. Gefährliche Abenteuer warten auf ihn, Kampf, Intrigen - und so manche Versuchung ... (Droemer)
Buch bei amazon.de bestellen

"Der Bastard von Tolosa"
Wie Tausende "Soldaten Christi" folgt auch der junge Edelmann Jaufré Montalban 1096 dem Aufruf des Papstes, Jerusalem von den Ungläubigen zu befreien. Viele grausame Schlachten später beginnt er, am Sinn des Kreuzzugs zu zweifeln. Als seine Geliebte brutal niedergemetzelt wird, will er sich auf seine Burg nahe dem heutigen Toulouse zurückziehen. Doch dort erwartet ihn eine Gattin, die er nur unter Zwang geheiratet hatte - und eine tödliche Intrige um das Rätsel seiner Herkunft ... (Knaur). ()
Buch bei amazon.de bestellen
Digitalbuch bei amazon.de bestellen

"Die Comtessa"
Südfrankreich in der Mitte des 12. Jahrhunderts: Der mächtige Graf von Toulouse will die Erbin Ermengarda zur Ehe zwingen und so das reiche Narbonne in seine Gewalt bringen. Doch die junge Waise ist fest entschlossen, ihre Freiheit und die der Grafschaft zu verteidigen, und flieht am Tag der geplanten Hochzeit. Niemand steht ihr zur Seite - außer den Rittern Arnaut und Felipe, die ihr Treue bis in den Tod geschworen haben. Die Flucht gelingt, doch ihre Verfolger lassen nicht lange auf sich warten. Trotz aller Angst und Not wächst die Liebe zwischen Ermengarda und Arnaut, aber auch erbitterte Rivalität zwischen den beiden jungen Männern ... (Droemer)
Buch bei amazon.de bestellen
Digitalbuch bei amazon.de bestellen