... aus "Der Hofmeister" ...
Fünfter
Akt
Zehnte Szene
Lise tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne
daß er (Anm.: Läuffer) sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang stillschweigend zu.
Er springt auf, will knien; wird sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt
an.
LÄUFFER nähert sich ihr: Du hast eine
Seele dem Himmel gestohlen. Faßt sie an der Hand. Was führt dich hierher,
Lise?
LISE: Ich komme, Herr Mandel - Ich komme, weil Sie gesagt haben, es würd morgen
keine Kinderlehr - weil Sie - so komm ich - gesagt haben - Ich komme, zu fragen,
ob morgen Kinderlehre sein wird.
LÄUFFER: Ach! - - Seht diese Wangen, ihr
Engel!
wie sie in unschuldigem Feuer brennen, und denn verdammt mich, wenn ihr könnt
- - Lise, warum zittert deine Hand? Warum sind dir die Lippen so bleich und
die Wangen so rot? Was willst du?
LISE: Ob morgen Kinderlehr sein wird?
LÄUFFER: Setz dich zu mir nieder - Leg dein Gesangbuch weg - Wer steckt dir
das Haar auf, wenn du nach der Kirche gehst? Setzt sie auf einen Stuhl neben
seinem.
LISE will aufstehn: Verzeih Er mir; die Haube wird wohl nicht
recht gesteckt sein; es macht einen so erschrecklichen Wind, als ich zur Kirche
kam.
LÄUFFER nimmt ihre beiden Hände in seine Hand: O du bist - Wie alt
bist du, Lise? - Hast du niemals - Was wollt ich doch fragen - Hast du nie Freier
gehabt?
LISE munter: O ja, einen, noch die vorige Woche; und des Schafwirts
Grete war so neidisch auf mich und hat immer gesagt: ich weiß nicht, was er
sich um das einfältige Mädchen so viel Mühe macht; und denn hab ich auch noch
einen Offizier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.
LÄUFFER: Einen Offizier?
LISE: Ja doch, und einer von den recht vornehmen. Ich sag Ihnen, er hat drei
Tressen auf dem Arm gehabt: aber ich war noch zu jung, und mein Vater wollt
mich ihm nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.
LÄUFFER: Würdest du - O ich weiß nicht, was ich rede - Würdest du wohl - Ich
Elender!
LISE: O ja, von ganzem Herzen.
LÄUFFER: Bezaubernde! - Will ihr die Hand küssen. Du weißt ja noch
nicht, was ich fragen wollte.
LISE zieht sie weg: O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz - O
pfui doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen Herrn hätt ich allewege
gern, von meiner ersten Jugend an hab ich studierte Herren immer gerngehabt;
sie sind alleweil so artig, so manierlich, nicht so puff paff wie die Soldaten,
obschon ich einewege die auch gern habe, das leugn ich nicht , wegen ihrer bunten
Röcke; ganz gewiß, wenn die geistlichen Herren in so bunten Röcken gingen wie
die Soldaten, das wäre zum
Sterben.
LÄUFFER: Laß mich deinen mutwilligen Mund mit meinen Lippen zuschließen! Küßt
sie. O Lise, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin.
LISE: O pfui, Herr, was machen Sie?
LÄUFFER: Noch einmal und dann ewig nicht wieder! Küßt sie. Wenzeslaus tritt
herein.
WENZESLAUS: Was ist das? Pro deum atque hominum fidem! Wie nun, falscher, falscher,
falscher Prophet!
Reißender
Wolf in Schafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die du deiner
Herde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die du vor Verführung bewahren
sollst? Es muß ja Ärgernis kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis
kommt!
LÄUFFER: Herr Wenzeslaus!
WENZESLAUS: Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer wahren Gestalt
gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer!
LISE kniet vor Wenzeslaus: Lieber Herr Schulmeister,
er hat mir nichts Böses getan.
WENZESLAUS: Er hat dir mehr Böses getan, als dir dein ärgster Feind tun könnte.
Er hat dein unschuldiges Herz verführt.
LÄUFFER: Ich bekenne mich schuldig - Aber kann man so vielen Reizungen widerstehen?
Wenn man mir dies Herz aus dem Leibe risse und mich Glied für Glied verstümmelte
und ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde diese verräterische
Ader doch für Lisen schlagen.
LISE: Er hat mir nichts Leides getan.
WENZESLAUS: Dir nichts Leides getan - Himmlischer Vater!
LÄUFFER: Kreatur sei, die jemals die Schöpfung beglückt hat; ich hab ihr das
auf ihre Lippen gedrückt; ich hab diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen
versiegelt, welcher mich sonst durch seine Zaubersprache noch zu weit größeren
Verbrechen würde hingerissen haben.
WENZESLAUS: Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn heutzutage
Verbrechen? O tempora, o mores!
(...)
(Jakob Michael Reinhold Lenz; 23.1.1751
- 24.5.1792)
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