(...)
"Sie verzeihen, Herr Serdjuk, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn
ich ein Gespräch mit Ihnen anzuknüpfen versuchte?"
"Aber woher denn! Tun Sie sich keinen Zwang an", entgegnete Serdjuk
galant.
"Ich hoffe, die Frage erscheint Ihnen nicht gar zu taktlos, aber wieso
sind Sie eigentlich hier?"
"Wegen Entrücktheit."
"Ach was? Kann man deswegen eingeliefert werden?"
Serdjuk maß mich mit einem langen Blick.
"Aktenkundig bin ich als suizidal-vagabundierendes Syndrom in Verbindung
mit Delirium tremens. Aber keiner weiß, was das ist."
"Erzählen Sie doch mal", bat ich.
"Was gibt es da groß zu erzählen. Ich hab in einem Keller auf
der Nagoernoe Chaussee gelegen. Und zwar aus rein privaten und äußerst
stichhaltigen Gründen, bei vollem, quälendem Bewusstsein. Und da kreuzt
ein Bulle auf, mit Blaulicht und Knarre. Will den Ausweis sehen. Ich hab ihn
vorgezeigt. Dann wollte er natürlich
Geld. Ich gab ihm alles, was ich hatte
- so an die zwanzigtausend. Er nimmt das Geld und will trotzdem nicht gehen.
Ich hätte mich zur Wand drehen und ihn vergessen sollen, aber nein - laß
ich Idiot mich doch auf ein Gespräch mit ihm ein. Wieso, sag ich, hast
du`s ausgerechnet auf mich abgesehen, gibt`s dort oben auf der Straße
nicht genug Gangster? Der Bulle war redselig - hat
Philosophie studiert, wie
ich hinterher erfahren hab. Doch, sagt er, da gibt`s jede Menge. Aber sie stören
die Ordnung nicht. Wie das denn, frag ich weiter. Also, sagt der Bulle. Ein
normaler Gangster ist wie? Du guckst ihn an und weißt, er hat nur eins
im Kopf: irgendwen um die Ecke bringen, ausrauben oder was weiß ich. Und
der, der von ihm ausgeraubt wird, stört die Ordnung auch nicht weiter,
der liegt da mit zertrümmertem Schädel und denkt, Scheiße, ausgeraubt.
Du aber liegst hier rum - spricht er zu mir -, und man sieht gleich, du hast
Flausen im Kopf. Man könnte denken, du tätst an das, was um dich rum
ist, gar nicht glauben. Oder an allem zweifeln."
"Und was haben Sie geantwortet?" fragte ich.
"Ja, was schon. Ich sag zu ihm: Kann sein, ich hab tatsächlich so
meine Zweifel. Schon die Weisen aus dem Fernen Osten haben gesagt, die Welt
ist eine Illusion. Das von den Weisen hab ich natürlich nur gesagt, um
ihm im Niveau entgegenzukommen. So primitiv, wie der war. Da ist er richtig
rot geworden und hat gesagt: Was bildest du dir ein? Ich hab an der Uni mein
Diplom über
Hegel geschrieben und laufe trotzdem jetzt hier mit der Knarre
rum. Und du meinst, nur weil du irgendeinen Artikel aus
'Wissenschaft
und Religion' aufgeschnappt hast, kannst du dich einfach so im Keller verkriechen
und an der Wirklichkeit zweifeln?
Also kurz, ein Wort gab das andere, und dann hat er mich mitgenommen, erst aufs
Revier und dann hierher. Da war ein Kratzer am Bauch, wo ich mich geschnitten
hatte an `ner zerbrochenen Flasche, den haben sie mir als
Suizidversuch
ausgelegt." (...)
Aus
"Buddhas kleiner Finger" von Viktor Pelewin
Verlag Volk und Welt 1999