Nach der Französischen Revolution und den jeweiligen Besatzungszeiten unter
Napoleon überkam sämtliche Völker
Europas eine große Unsicherheit. Die "alte Welt", aus der sie kamen, war unwiederbringlich
verschwunden, und hinsichtlich der neuen, im Werden begriffenen gab es einander
widersprechende Hoffnungen oder Befürchtungen. Sämtliche Völker Europas versuchten
nach 1815, sich schlecht und recht in die neuen Verhältnisse zu schicken. Dieser
Prozess war überall mit Schwierigkeiten verbunden. Nirgendwo vollzog sich jedoch
der allgemeine Umbruch so dramatisch wie in Spanien. Denn diese erste tatsächliche
Weltmacht in der Geschichte, die noch um 1780 als solche galt und sich zum Verdruss
der Briten auch eindrucksvoll bemerkbar machte, hatte vier Jahrzehnte später
bis auf einige Überbleibsel ihr Reich verloren. Die spanischen Amerikaner begannen
in den verworrenen Zeiten während der französischen Okkupation der Iberischen
Halbinsel, sich um ihre Selbstständigkeit zu bemühen, schließlich um ihre vollständige
Unabhängigkeit. Die USA und die Briten unterstützten die für sie vorteilhaften
"Freiheitsbewegungen" nachdrücklich und brachten sie bald unter ihre politische
und ökonomische Kontrolle. Der Aufbruch in die allerneueste Neuzeit war für
die Spanier mit dem Zusammenbruch "ihrer" Welt verbunden, die politisch, sozial,
wirtschaftlich und kulturell eine Welt für sich bildete, als großartige Erweiterung
Spaniens. Kein Volk nach den Römern hat Räume umgestaltend und kultivierend
zu einem Großraum so zusammengefasst oder zusammenfassen wollen wie diese einzigen
Erben der weltverwandelnden Römer. Der Verlust des Reiches stürzte die Spanier
in eine unausgesetzte Beschäftigung mit einer Vergangenheit, die in den vollständigen
Ruin mündete: Davon waren viele beunruhigte Intellektuelle spätestens 1898 überzeugt,
als nach dem Krieg mit den USA auch die letzten imperialen Überreste - Kuba,
Puerto Rico und die Philippinen - aufgegeben werden mussten. Alles Werden hat
seinen Grund im Gewordenen. Die nationale Geschichte erschien vielen in diesem
Sinne als ein seit Jahrhunderten verfehlter Sonderweg, der unweigerlich in die
Katastrophe führen musste. Eine Erneuerung Spaniens hing für diese Intellektuellen,
die an Spaniens Vergangenheit verzweifelten, von einer möglichst umfassenden,
konsequenten Umerziehung aller Spanier zu Europäern ab oder zu dem, was sie
sich - meist als Liberale - darunter vorstellten. Ihre Absichten trafen auf
lebhaften Widerspruch bei moderaten Konservativen oder Traditionalisten, die
ganz andere Geschichtsbilder entwarfen. Die Geschichte wurde von allen politischen
Richtungen Spaniens bemüht, um sich die fatale Gegenwart erklären und Auswege
hin zu einer besseren Zukunft formulieren zu können. In ganz Europa verhielten
sich Parteien oder gesellschaftliche Gruppen nicht anders. Aber die historisch
begründeten politischen Gegensätze lösten unter den verschiedenen, nationalisierten
Europäern um 1900 nie die Gewissheit auf, zu einer jeweils großen Nation zu
gehören, die es herrlich weit gebracht habe und zu noch Größerem berufen sei.
Die Spanier hingegen analysierten ihre Widersprüche und Eigenheiten erbittert.
Die heftigen und unversöhnlichen Debatten beschleunigten die allgemeine Dekomposition
des öffentlichen Lebens; die Spanier büßten darüber die Fähigkeit ein, sich
über die Gegenwart und deren Forderungen verständigen zu können. Eine Nation,
die sich nicht auf einige wenige Grundüberzeugungen einigen kann, die aus der
Geschichte in die Gegenwart hineinreichen, widerlegt sich selber. Denn sie regeneriert
sich, wie Ernest Renan sagte, im täglichen Plebiszit, im Willen, trotz einzelner,
sehr heftiger Differenzen das, was alle angeht, gemeinsam zu ordnen und in Ordnung
zu halten. Auf diese Art lassen sich Vergangenheiten als Übergänge zu immer
neuen Lebensformen verstehen. José Ortega y Gasset, der europäische unter den
spanischen Philosophen, erinnerte immer wieder an die vigencias colectivas,
an die Grundprinzipien, die unauffällig und unmerklich Gemeinsamkeiten erhalten,
die das Zusammenleben ermöglichen. Wird über sie nur noch diskutiert, oder gibt
es Kämpfe, solche vigencias colectivas verbindlich zu machen, dann ist dieser
Streit ein Symptom dafür, dass sie ihre selbstverständliche Macht eingebüßt
haben und eine Gesellschaft auseinander fällt. Ortega y Gasset hatte 1930 Hoffnungen
auf die Republik gesetzt, gerade in der Erwartung, diese werde die Spanier dazu
befähigen, Goethes Rat zu folgen, unnützes Erinnern und fruchtlosen Streit zu
lassen, um die Gegenwart mit Glück zu nutzen. Sehr bald schon, während der Verfassungsdiskussionen
im Herbst 1931, notierte er als Abgeordneter verdrossen, dass der große Moment
ein kleines Geschlecht gefunden habe: ein kleines Geschlecht verbissener Rechthaber,
die vornehmlich damit beschäftigt seien, die Vergangenheit zu bewältigen, nicht
zuletzt die jüngste Vergangenheit ihrer politischen Gegner, und darüber die
Gegenwart und die Zukunft aus den Augen verlören. Was ihn damals in und an Spanien
irritierte, hielt er allerdings für ein mittlerweile allgemein europäisches
Phänomen. Mit Ausnahme Englands sei in ganz Europa die Überzeugungskraft der
Grundvoraussetzungen bürgerlichen Zusammenlebens verschwunden und der latente
Bürgerkrieg zum Normalzustand geworden. Die autoritären Systeme, die sich überall
durchsetzten, seien ein Merkmal, nicht der Verursacher, dieser aus den Fugen
geratenen, chaotischen Welt. Dennoch zwang er sich in Anlehnung an Goethes Werdelust
zum Optimismus, wenn er 1938 Europa desocializada, dieses sich desintegrierende
Europa, als notwendigen Übergang zu künftiger Einigung und Verständigung über
"Glaubenstatsachen" gemeinsamen Zusammenlebens in den Nationen und zwischen
ihnen beurteilte. José Ortega y Gasset, einer der Gründungsväter der Republik,
der von ihr sehr rasch enttäuscht war, 1937 vor revolutionärem Druck flüchtete
und 1951 in das
Spanien
Francos zurückkehrte, blieb für alle Spanier eine Autorität. Auch wenn sie
im Umbruch zur Republik 1931 nicht auf ihn hörten, gab er allen Spaniern Empfehlungen,
die sie später desto gründlicher beachteten: nicht jeweils an sich und ihre
Parteiinteressen zu denken, sondern an das, quod ommnes tangit, was - in altspanischer
Tradition - alle angeht, und auf diesem Weg erträgliche Formen des Zusammenlebens
zu finden. Denn Leben vollzieht sich im Zusammenleben des Einzelnen mit den
Anderen. Insofern darf Ortega y Gasset durchaus als der Philosoph des Übergangs
gewürdigt werden, des gleitenden Übergangs nach Francos Tod im November 1975
zur monarchischen Republik. Die transición, der Übergang aus dem Gewordenen
zu neuem Werden, konnte sich so erfolgreich und unaufgeregt vollziehen, weil
die Spanier sich zu Gleichgültigkeit gegenüber dem Gewesenen entschlossen und
den Gespenstern aus der Vergangenheit keine Herrschaft über sich zugestanden,
um bittere Streitigkeiten erst gar nicht aufkommen zu lassen, die sie vom rechten
Weg hätten ablenken können. Ein vollständiger Bruch mit dem früheren Regime
wurde sorgsam vermieden. Denn die Macht lag bei den Institutionen des alten
Regimes. Ein undramatischer Wandel zur parlamentarischen Monarchie konnte nur
gelingen, wenn die reformwilligen Kräfte innerhalb des etablierten Systems unter
Anleitung des Königs nicht in ihrer Absicht gestört wurden, die Institutionen
zur Selbstauflösung zu überreden und von Francos Staatsgrundgesetzen ausgehend
zu einer neuen, demokratischen Verfassungsordnung zu gelangen. Das autoritäre
System hob sich selber auf. Dessen Repräsentanten, angefangen beim König, konnten
erfolgreich Vertrauen unter früher diskriminierten Oppositionellen bis hin zu
den Kommunisten gewinnen und allen Gruppen eine Idee der Zusammenarbeit vermitteln.
Jede Untersuchung über Verantwortlichkeiten während der Diktatur oder polemische
Aufarbeitung der Geschichte hätte das empfindliche Gleichgewicht gestört. Die
Fehler bei der Gründung der Zweiten Republik 1931, die Unversöhnlichkeit der
Parteien und die Schrecken des Bürgerkrieges waren allen am Wandel Beteiligten
im Gedächtnis, und zwar als schreckliche Erfahrung und als Warnung, sich beim
nächsten Mal klüger zu verhalten. So wurde der nicht übereilte Übergang zu demokratischen
Formen zu einem Werk sämtlicher Spanier und ihrer vernünftigen Kompromisspolitik.
Sie nutzten diesmal die Gegenwart mit Glück, weil sie bewusst eine fürchterliche
Vergangenheit auf sich beruhen ließen und sich der gemeinsamen Zukunft zuwandten.
Die Vergangenheit kann man sich oft nur vom Hals schaffen, indem man sie ignoriert.
Das war der praktische Rat Ortega y Gassets, es den Toten zu überlassen, die
Toten zu begraben und sich stattdessen um die Grundlagen des Zusammenlebens
im Hier und Jetzt zu kümmern. Die Vergangenheit wurde mit einer solchen Haltung
nicht verleugnet. Die Spuren, das Erbe der Francozeit waren "aufgehoben" im
kontinuierlichen Wandel, repräsentiert durch Beamte, Militärs, Politiker, Professoren
oder Journalisten, die Franco gedient hatten, den Systemwechsel gelegentlich
sehr energisch vorantrieben und dann halfen, den neuen königlichen Staat der
Demokratie einzurichten. Der Verzicht - auch seitens der Opfer - darauf, untereinander
erst einmal abzurechnen, stabilisierte den inneren Frieden. Franco war es nie
gelungen, die Gegner aus den Zeiten des Bürgerkrieges auszusöhnen. Daher hatte
er nie die Furcht vor neuen inneren Feinden und damit ein grundsätzliches Misstrauen
gegenüber Meinungen verloren, die mit seinen Überzeugungen unvereinbar waren.
Der innere Ausgleich konnte sich auch auswirken, weil die Historiker längst
darüber ermattet waren, den Bürgerkrieg weiterhin mit den Kategorien der Kontroverstheologie
zu behandeln. Die Polemiken der beiden Lager, der "beiden Spanien", erwiesen
sich als immer unergiebiger, je deutlicher zu Tage trat, dass es keine zwei
festen Lager gab, sondern dass die Lager aus Bündnissen der verschiedensten
Gruppen bestanden, die untereinander oft nur eine lockere Übereinstimmung wahrten
und häufig in Widerspruch zueinander gerieten. Es gab keine zwei Spanien, sondern
viele, die den Zusammenhang untereinander verloren hatten, einen Zusammenhang,
den sowohl die Volksfront als auch die "Nationalen" Francos nur mit Zwang hatten
herstellen können.
Die Dinge zu verstehen heißt, sie zu komplizieren. Links und rechts, republikanisch
oder frankistisch büßten dabei ihren eindeutigen Charakter ein: Die Ursachen
des Bürgerkrieges ließen sich nicht mehr mit der gewohnten, holzschnittartigen
"Linientreue" festlegen. Die Geschichtsbilder wurden diffuser und ermöglichten
auf einmal Übergänge, die einem umfassenderen Verständnis der gesamten spanischen
Vergangenheit den Weg ebneten. Die pauschalen Kriterien "des Antifaschismus"
in Bezug auf den Faschismus konnten deshalb in Spanien kaum noch überzeugen.
Schon vor Francos Tod hatte man sich unter Historikern darüber verständigt,
dass es in Spanien keine kräftige faschistische Bewegung gegeben habe. Franco
wurde demgemäß nicht mehr als faschistischer Diktator betrachtet, sondern vielmehr
als Chef eines autoritären Systems, das anderen nationalkonservativen Regimen
dieser Art glich, sich aber
vom
deutschen Nationalsozialismus oder dem italienischen Faschismus unterschied.
Autoritäre Systeme - wie der Franco-Gegner Juan Linz sorgfältig analysierte
- duldeten im Gegensatz zu den totalitären einen partiellen Pluralismus. Das
autoritäre Spanien Francos kannte jedoch durchaus innere Diskussionen, die Franco
sogar brauchte und suchte, um seine Vorherrschaft zu festigen. Die Diktatur
Francos entsprach damit nicht mehr dem Idealtyp einer faschistischen Diktatur.
Die vielen Forschungen zur spanischen Republik verwischten allerdings auch deren
frühere idealtypische Konturen. Die Missverständnisse, die Streitigkeiten der
Republikaner untereinander, die je auf ihre Art eine andere Republik oder gleich
den Übergang zur Revolution wünschten, verdeutlichten, wie zerbrechlich und
gefährdet diese Republik von vornherein war - wegen der Uneinigkeit in den eigenen
Reihen, aber auch wegen der fehlenden Bereitschaft, der Republik durch Einbeziehung
der "rechten Mitte" ein stabiles Fundament zu verschaffen. Es gab viele Gründe,
ehemalige Vorurteile aufzugeben oder abzuschwächen. Indem die Historiker begannen,
die Klischees ihrer Antagonismen bei der Beschäftigung mit dem Bürgerkrieg zu
hinterfragen, fanden sie erstaunlicherweise auch zu einem ruhigeren Umgang mit
der angeblich verfehlten Geschichte spanischer Sonderwege. Indem Spanier sich
untereinander versöhnten, versöhnten sie sich auch mit ihrer Geschichte. Philipp
II., für viele noch vor drei Jahrzehnten der
Inbegriff
des finsteren Spanien, ein Vorläufer Francos, wird jetzt in Ausstellungen
und Büchern als der gewürdigt, der er war: als Inbegriff des modernen Monarchen
in der so genannten Neuzeit. Die Spanier machen sich seit gut drei Jahrzehnten
unbefangen mit ihrer Geschichte vertraut, einer Geschichte, die, bei allen Besonderheiten,
bestätigt, wie europäisch Spanien schon immer war, und zugleich veranschaulicht,
wie sehr die übrigen Europäer zuweilen unter spanischem Einfluss standen. Die
verquält-verworrenen Selbstbespiegelungen früherer Zeiten haben ein Ende gefunden.
Da sich die Demokratie und der Wechsel der Parteien stabilisiert haben, machen
sich gelegentlich Tendenzen bemerkbar, diese gekrönte Demokratie mit der besiegten
Republik in Verbindung zu setzen, gleichsam republikanische Traditionen für
den jetzigen Staat zu revitalisieren. Spanien verfügt seit dem frühen neunzehnten
Jahrhundert über beachtliche liberale und freiheitliche Überlieferungen: Der
Begriff liberal drang von Spanien aus nach Europa. Die Republik von 1931 knüpfte
an diese Traditionen an; mit ihr verbanden sich während der Krise des Liberalismus
aber auch revolutionäre Erwartungen, die auf die Republik nur als Übergangsstadium
in den zu verwirklichenden Sozialismus setzten.
Die Republik war an ihren Gegensätzen gescheitert,
bevor sich Franco, Militärs, die "Nationalen" im Juli 1936 erhoben. Das gaben
republikanische Historiker wie Manuel Tunón de Lara nur ungern zu. Für umsichtige
Historiker frankistischer Provenienz wie Ricardo de la Cierva lag es auf der
Hand, dass die inneren Unausgewogenheiten zu den revolutionären Unruhen führten,
die eine gegenrevolutionäre Antwort erheischten. Da sich Spanien Ende Juli 1936
mitten in der Revolution und im Bürgerkrieg befand, ist es ein müßiger Streit
zu entscheiden, wer nun zuallererst revolutionär oder gegenrevolutionär gewesen
sei. Als orthodoxe Republikaner verstanden sich selbst in der Republik nur die
allerwenigsten. Pío Moa, vor dreißig Jahren noch ein radikaler Kommunist, der
gegen den Übergang in die Demokratie gekämpft hatte, vertritt heute am entschiedensten
die Position, dass sich die Republik aus Schwäche selbst erledigt habe und es
daher wenig sinnvoll sei, sich ihrer mit besonderer Anteilnahme zu erinnern.
Denn sie habe als zerfallende Welt von gestern nichts mit dem Heute zu tun.
Sein Buch "Mitos de la guerra civil" ist seit dem Frühjahr 2003 ein ungemeiner
Erfolg in Spanien. Pío Moa wendet sich dagegen, dass Erinnerungen an eine chaotische
Vergangenheit - an den Zerfallsprozess des liberalen Spanien - der Gegenwart
irgendetwas nützen können. Wer in Spanien vorzugsweise in den Medien und in
dem weitverzweigten Ausstellungsbetrieb die Vergangenheit "aufarbeitet", sucht
dennoch nach einer erweiterten Legitimität des jetzigen Spanien - mit Rückgriffen
auf die Geschichte, mit Hinweisen auf Gestalten aus der Republik. Es schadet
dabei nicht, an einen republikanischen Dogmatiker wie Manuel Azana zu erinnern.
Aber es ist zweifelhaft, ob sich damit die historische Legitimierung des jetzigen
Spanien vertiefen lässt. Manuel Azana war ein Intellektueller, der als Ministerpräsident
und Staatspräsident sehr maliziös die Schwächen, die Torheiten, die Dummheiten
aller Republikaner im Tagebuch festhielt und die hilflose Republik der Lächerlichkeit
preisgab. Es gibt eine Bewegung, Manuel Azana als einen Vater des heutigen Spanien
anzuerkennen. Sie wird vor allem von ehemaligen Frankisten gefördert, die ihre
Liberalität und Großzügigkeit beweisen wollen. Linke Liberale wie Santiago Alba
verurteilen Azana dagegen als einen Totengräber der Republik. Wie mit Azana
geht es mit fast allen Politikern der Republik. Sie sind umstritten, nicht zuletzt
weil sie sich untereinander nicht mochten und sich nach der Niederlage gegenseitig
der Inkompetenz und fataler Fehlentscheidungen beschuldigten, die den Ruin der
Republik bewirkt hätten. Es mag ideologisch strenge Spanier irritieren, dass
sich die demokratische Monarchie peinlicherweise aus Francos Regime heraus entwickelte.
Aber alle Bemühungen, ihr auch eine republikanische Legitimierung zu verschaffen,
führen nur zu Missverständnissen. Abgesehen davon, dass sich die Republik als
Befreiung von der Monarchie konstituierte, und zwar für alle Zeiten, ist die
Republik ein unzuverlässiger Bezugspunkt.
(Aus "Das spanische Jahrhundert" von Eberhard Straub.)
Vom Verlust des Weltreichs bis zur
Ankunft in Europa: das unruhige spanische Jahrhundert
Viele spanische Intellektuelle verzweifelten im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts
an der Geschichte ihres Landes als einer Geschichte des unvermeidlichen Niedergangs:
auf Grund trotziger Sonderwege und eines Sonderbewusstseins, das Spanien in
Gegensatz zu Europa brachte. Als 1898 mit
Kuba
die letzte Kolonie und damit auch der letzte Ausdruck von Spaniens Anspruch,
eine Weltmacht zu sein, verloren ging, richtete sich der Blick auf den eigenen
Kontinent: Nun wurde Europäisierung zur Voraussetzung für eine Regeneration
Spaniens erhoben.
Damit geriet Spanien stärker als bisher in Zusammenhang mit den
Wechselfällen der europäischen Geschichte: Obwohl es sich aus beiden Weltkriegen
heraushielt, schlug sich die Krise des Liberalismus auch hier nieder,
experimentierte das Land mit der Monarchie, mit der Republik und der Diktatur
wie andere Staaten Europas auch. Aber es tat dies in einem anderen Rhythmus und
mit anderen Zäsuren. Das spanische zwanzigste Jahrhundert beginnt bereits 1898
und endet 1975, mit dem Tod des Diktators Franco und dem friedlichen Übergang
zur Demokratie, der das Land endlich zur ersehnten Übereinstimmung mit den
Nachbarn brachte.
Eberhard Straub erzählt das turbulente, schwierige
spanische Jahrhundert im Zusammenhang der europäischen Ideen- und
Politikgeschichte und weitet damit den Blickwinkel über Bürgerkrieg und
Franco-Zeit hinaus: auf ein Land, das im zwanzigsten Jahrhundert zugleich zum
Vorreiter, Spiegel und Nachzügler der Entwicklung auf dem Kontinent
wurde.
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