Der vierte Gang wurde von den
vier Küchenmägden hereingetragen, angeführt von Terence, dem Butler.
Weinsuppe, Fasanenpastete, gedeckte Feigentorte, gedünsteter Hecht,
Ochsenklauen, gefüllte Lammbrust und geschmorter Kopfsalat verbreiteten
einen vielversprechenden Duft. Bald war die bestickte Tischdecke
zwischen den zwei Paaren erneut restlos mit Schüsseln und Platten
bedeckt. Julie seufzte. Die Stangen ihres Korsetts erinnerten sie
unangenehm daran, dass sie schon von dem Rehrücken,
der Melone und den Krebsen gekostet hatte ... Wenn ihre Besucher noch
lange blieben, würde sie bald wie Henriett aussehen, keine Zweifel.
Ihre Augen fielen auf die rosigen Fleischmassen, die aus dem
golddurchwirkten Dekolleté ihrer Schwägerin quollen. Henriett schob sich
gerade mit glänzenden Fingern ein
großes Stück Lammfleisch in den Mund und machte einen zufriedenen
Eindruck. Nur beim Essen verloren ihre attraktiven Züge den
verdrießlichen Zug, der ihre Mundwinkel nach unten zog. Julie spähte zu
Frederik herüber. Er schnitt gerade am gegenüberliegenden Tischende die
mit einem Fasanenkopf versehene goldene Kruste der Pastete durch. Man
konnte wohl davon ausgehen, dass ihm die Zusammenstellung der Speisen,
wie Julie sie angeordnet hatte, genehm war. Zumindest war seinem
ausdruckslosen Gesicht nicht mehr Unmut als vorher zu entnehmen. Julie
senkte den Blick zurück auf ihren Teller. Dumpfer Ärger stieg in ihr
hoch. Ihr Mann lief seit Tagen wie ein drohendes Unwetter herum.
In der kurzen Zeit vor der Ankunft von John und Henriett hatte sie sich
oft an seiner Kühle gestört. Frederiks unnahbares Verhalten war so sehr
ein Teil seiner selbst, dass er es nicht einmal ablegte, wenn er sie
abends in ihrem Zimmer besuchte. Im Gegenteil. Fast hätte sie behauptet,
dass er gerade in den Augenblicken am gefühllosesten war, wenn sie sich
berührten, wenn seine harte Brust an ihrem Rücken lag und sie ihr
Gesicht in die Laken presste.
Seit ihr Schwager mit seiner Frau angekommen war, ertappte sie sich
jedoch bei dem Wunsch, Frederik möge wieder zu seinem ursprünglichen
Verhalten zurückfinden. Obwohl John sich freundlich gab und keinen
Versuch unterließ, sich seinem Bruder zu nähern, war Frederik
schlichtweg unausstehlich. Außer zu den gemeinsamen Abendessen, an denen
er notgedrungen erschien, blieb er die meiste Zeit verschwunden. Es war,
als wolle er sie beide unbedingt mit seinem unhöflichen Betragen
blamieren.
"Ach, der ist wundervoll." John stellte sein geschliffenes Glas zurück
und machte einem der Diener Zeichen, neu einzuschenken. Der Diamant an
seinem linken Ringfinger sprühte Funken. "Lieber Bruder, Sie haben den
besten Wein, den ich seit Jahren getrunken habe. Sagen Sie, woher
beziehen Sie ihn?"
"Aus
dem Burgund", war die knappe Antwort.
"Wahrhaftig? Ein derart exquisiter Tropfen
zum Essen ..."John lachte. "Es ist fast Verschwendung, würde ich
sagen. Sogar James würde sich nicht schämen, ihn auf seinem Tisch stehen
zu haben." John verkehrte am Hof, und ließ keine Gelegenheit aus, es
seiner Umwelt mitzuteilen. Wollte man seinen Worten Glauben schenken,
war er ein Vertrauter von Buckingham und ging bei König James ein und
aus. Julie wusste Johns leichtfüßiges Wesen zu schätzen, das in einem so
krassen Gegensatz zu Frederiks Charakter stand, doch seine ständigen
Prahlereien fand sie ermüdend.
"Wir haben noch etliche Flaschen vorrätig, lieber John", mischte sie
sich daher ein, um ihn von seinem Lieblingsthema abzubringen. "Sie
werden noch reichlich Gelegenheit bekommen, ihn zu genießen."
"Tatsächlich? Verzeihen Sie die Indiskretion, Frederik, aber seit wann
sind Sie auf den Geschmack gekommen? Ich kann mich nicht erinnern, dass
in früheren Zeiten ..." "Es ist der Erlös aus einer stillen
Teilhaberschaft", erklärte Frederik ohne von seinem Teller aufzusehen.
Wie immer bei einer Anspielung auf die Vergangenheit, war sein Gesicht
noch finsterer geworden. "Ich bin eine Geschäftsverbindung mit einem
Gewürz- und Zuckerrohrhändler eingegangen, einem Rochelleser namens
Surelies. Den Wein hat er mir vor drei Jahren geschickt."
"Sie machen Geschäfte mit Franzosen?", fragte John. Er tippte an seinen
Hut, und die zwei mächtigen Straußenfedern, die eine perlenbesetzte
Brosche auf dem Filz hielt, strichen mit einem eleganten Nicken über
seine Schulter. Es war eine Geste, die mit der geübten Nonchalance eines
Schauspielers ausgeführt worden war.
"Hmm." Frederik sah auf. "Keine Sorge, lieber Bruder. Er ist ein
Anhänger des reformierten Glaubens, wie der Großteil der Bevölkerung von
La Rochelle. Sie brauchen sich um mein Seelenheil keine Gedanken zu
machen."
"Dessen bin ich überzeugt", antwortete John. "Zumindest nicht in dieser
Sache." Frederik zog die Brauen zusammen und auch Julie horchte auf,
doch John lächelte nur und sah freimütig in die Runde. "Niemand wird Sie
wegen eines solchen Geschäftes verurteilen, Frederik. England und
Frankreich scheinen dazu bestimmt, enger zusammenzuwachsen - besonders,
seit eine Heirat des Kronprinzen mit der Schwester von König Louis in
Erwägung gezogen wird." John faltete geschickt ein gedünstetes
Salatblatt zusammen und zerriss es mit seinen Zähnen.
"Eine Heirat zwischen Charles Stuart und Henriette de France?", fragte
Julie.
"Richtig, liebe Julie." John schleckte genussvoll an seinen Fingern.
"Entnehme ich Ihren Worten eine gewisse Anteilnahme? Sie sind doch auch
Französin, nicht wahr?"
"Nur zur Hälfte. Meine Mutter ist Französin, mein Vater war Engländer.
Mein Vater hat meine Mutter während einer Reise durch Frankreich kennen
gelernt, kurz nachdem er Witwer geworden war. Sie ist ihm dann hierher
nach England gefolgt."
(Aus "Tanz der Wasserläufer" von Tania Douglas.)
Die junge englische Adelige Julie wird, kaum
sechzehnjährig, mit dem zwanzig Jahre älteren Earl of Eastington
verheiratet. Schon bald ahnt sie, dass der finstere Mann sie nur
geheiratet hat, um durch Zeugung eines Kindes zu verhindern, dass sein
Bruder Gut und Titel erbt. Als er sie eines Nachts brutal vergewaltigt,
flieht Julie in den Wald. Halb schlafend noch nach einem langen Bad in
einem Weiher, wird sie von einem unbekannten Mann geweckt. Ihre
anfängliche Angst verwandelt sich in Lust, und wie in einem Traum
versucht sie das schreckliche Erlebnis der vergangenen Nacht zu
vergessen. Die Begegnung wird zum Beginn einer Leidenschaft, die Julie
in große Gefahr bringt. Denn ihr Liebhaber ist Francois, ein junger
französischer Adliger, der als Spion Richelieus die englischen
Kriegspläne gegen Frankreich auskundschaftet.
Tania Douglas lässt eine Epoche voller Intrigen und Abenteuer lebendig
werden. Sie erzählt von den glamourösen Festen am Hofe Ludwigs XIII.
ebenso wie vom Elend der Belagerten in La
Rochelle.
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