Dschuang Dse beim Tode seiner Frau

Die Frau von Dschuang Dse war gestorben. Hui Dsi ging hin, um zu kondolieren. Da saß Dschuang Dse mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden, trommelte auf einer Schüssel und sang.
Hui Dsi sprach: "Wenn eine Frau mit einem zusammen gelebt hat, Kinder aufgezogen hat und im Alter stirbt, dann ist es wahrlich schon gerade genug, wenn der Mann nicht um sie klagt. Nun noch dazuhin auf einer Schüssel zu trommeln und zu singen, ist das nicht gar zu bunt?"
Dschuang Dse sprach: "Nicht also! Als sie eben gestorben war, denkst du, dass mich da der Schmerz nicht auch übermannt habe? Aber als ich mich darüber besann, von wannen sie gekommen war, da erkannte ich, dass ihr Ursprung jenseits der Geburt liegt; ja nicht nur jenseits der Geburt, sondern jenseits der Leiblichkeit; ja nicht nur jenseits der Leiblichkeit, sondern jenseits der Wirkungskraft. Da entstand eine Mischung im Unfassbaren und Unsichtbaren, und es wandelte sich und hatte Wirkungskraft; die Wirkungskraft verwandelte sich und hatte Leiblichkeit; die Leiblichkeit verwandelte sich und kam zur Geburt. Nun trat abermal eine Verwandlung ein, und es kam
zum Tod. Diese Vorgänge folgen einander wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter, als der Kreislauf der vier Jahreszeiten. Und nun sie da liegt und schlummert in der großen Kammer, wie sollte ich da mit Seufzen und Klagen sie beweinen? Das hieße das Schicksal nicht verstehen. Darum lasse ich ab davon."


(aus "Das wahre Buch vom südlichen Blütenland" von Dschuang Dsu; 4. Jahrhundert v.C.)
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