Silke Urbanski, Michael Siefener: "Totentanz"
Ein Krimi aus dem Mittelalter
Einen
Totentanz - oder auch einen Sterbensspiegel - zeichnet und malt der
Künstler Bernt Notke in Lübeck im Jahr 1466 in Silke
Urbanskis und Michael Siefeners neuestem Roman. Und dies ist
problematisch, denn er ist weder zünftig, noch aus
Lübeck, und so hat er bereits eine ganze Menge Menschen in der
Stadt gegen sich. Außerdem sind auch bei Weitem nicht alle
mit der "gleichmacherischen" Darstellung in der großen
Bilderfolge einverstanden, die Kaiser, Könige,
Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Ratsherren,
Kaufleute, Männer, Frauen und Bettler auf eine Stufe stellt,
und einige meinen überhaupt, dass Kirchen nicht zu
ausgeschmückt gehören. Die häufige
Darstellung des Todes lässt viele darüber hinaus auch
noch an Teufelsanbetungen denken.
Als dann Leichen in der Gestalt und Gewandung von Figuren aus der
Bilderfolge aufgefunden werden und Lübecker davon berichten,
ein tanzendes Skelett des Nachts in den Straßen gesehen zu
haben, wird es in der Stadt für Notke und seine Gehilfen
außerordentlich ungemütlich. Auch für den
jungen Jordan Wulfledder, der sich von seinem Vater, dem bekannten
Lübecker Kaufmann losgesagt hat, um bei Notke in die Lehre zu
gehen. Denn er schätzt die Kaufmannsarbeit durchaus nicht und
möchte viel lieber als Künstler seinen
Lebensunterhalt verdienen. Und so war es für ihn
großes Glück, dass er auf Grund seines Talents
sofort als Geselle angenommen wurde, denn nach dem Bruch mit seinem
Vater hätte er keinerlei Lehrgeld aufbringen können.
Doch schon am ersten Tag wird es für alle Beteiligten
unangenehm, als ein toter Säugling aufgefunden wird, der
sowohl auf einem Bild des Totentanz zu sehen ist, als auch auf einer
Skizze Wulfledders.
Sein Vater und die neue Arbeit sind keineswegs Jordans einzige
Probleme. Er verliebt sich auch noch in die junge Lucia Gudalbert, die
zusammen mit ihren beiden Schwestern nach dem Tod des Vaters vorwiegend
vom Marzipanverkauf und von inoffiziellem Arzneimittelvertrieb lebt.
Als zu dieser Zeit auch noch ihr bischöflicher Vormund stirbt,
stellt ein seltsames Testament den Schwestern und einigen ihrer
Verwandten allerlei Geldmittel in Jahresfrist in Aussicht, so dass das
Leben der Schwestern eine Wendung zum Besseren zu nehmen scheint. Bis
eine der Schwestern im Gewand einer Hübschlerin ermordet
aufgefunden wird. Nun hat Jordan zwei sehr gute Gründe, den
Totentanzmörder zu finden - und in Lucia auch eine durchaus
gleichwertige Partnerin bei den Ermittlungen. Die hat er
dringend nötig, denn das Sterben nimmt kein Ende, und die
Justiz wird immer ungeduldiger.
Ein überzeugender historischer Kriminalroman - sowohl in
historischer, wie auch in kriminalistischer Hinsicht - mit einem
hilfreichen Glossar und einer erhellenden Darstellung des fraglichen
Totentanzes am Ende. Die Charaktere sind ansprechend und
glaubwürdig gezeichnet und lassen die Handlung wirklich
lebendig werden - wenn auch ein, zwei Nebencharaktere lediglich sehr
nebenbei gezeichnet erscheinen - gewissermaßen als Skizzen
aufs Papier geworfen. Aber trotzdem wirklich lesenswert.
(K.-G. Beck-Ewerhardy; 10/2006)
Silke
Urbanski, Michael Siefener: "Totentanz"
Emons Verlag, 2006. 303 Seiten.
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Silke
Urbanski, geboren 1964 in Hamburg, ist promovierte
Mittelalterhistorikerin mit den Schwerpunkten Kloster-, Hanse- und
Wirtschaftsgeschichte. Sie wohnt in Hamburg.
Michael Siefener, geboren 1961 in Köln, promovierter Jurist,
ist freischaffender Autor und Übersetzer. Seine Kenntnisse
mittelalterlicher Kunst führen den Leser in seltsame
Bildwelten, seine Figuren loten die Abgründe ihrer Seelen aus.
Er wohnt in Manderscheid in der Eifel.